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Die Wiese der Fische

Oder: Versuch über die Bedeutung des ästhetischen Empfindens für die Rettung der Welt vor der atomaren Verseuchung.

Text von Dr. Ulrike Ritter

Godzilla, Bild von godzillatemple
Godzilla, Bild von godzillatemple
Asiatische Feuerspucker: Godzibär und die goldenen Drachen


In den seltenen nächtlich zufällig gezappten Filmen der Jugend, die, durch noch nicht berühmte RegisseurInnen als exzentrische Spielfilmproduktionen oder als verwegenes Fernsehspiel entstanden, mit jugendlichen, komplett verworfenen Protagonisten das Lebensgefühl der dem Biedermeierlichen fremd Gewordenen, der Kleinstadt emotional Entwachsenen, noch dem Elternhaus Verpflichteten doch denkend in die Ferne Strebenden bestärkten und bestätigten, in diesen Filmen also, fanden sich, insbesondere nach fatalen Ereignissen wie unbeholfener Schusswaffengebrauch in den Tod laufender Familienväter, tölpelhafte Banküberfälle oder Drogenmissbrauch, der Verlust des sozialen Umfeldes durch Inhaftierung oder das Eingehen einer ehelichen Gemeinschaft, die eigentlich den elan vital repräsentierenden Jugendlichen zum hemmungslosen, mitunter öffentlich in den Straßen der unbegrünten, anonymen Städte genossenen Sex – ein unhinterfragtes, enthemmtes „Durch den anderen hindurch, rund um den anderen herum und hinweg“, quasi hegelianische Praxis ohne Hegels Theorie. Also Sex gegen die plötzlich aufdämmernde Angst vor dem Tod.





Die Wale müssen so etwas auch erlebt haben, als sie in bestimmten Regionen seltener wurden und das Rufen der Böcke in die hochfrequenten Stimmlagen von Alt und Sopran überging, die über große Distanzen hörbar sind. Diese interessierte, aber weit entfernt wohnende Walkuh darf man sich vorstellen: windeseilig auf dem Weg zum orpheischen Bock, doch völlig erschöpft dort ankommend, als Walin ja nicht durchgeschwitzt, aber vielleicht ihrer prallen Schönheit bei ruhigem Gemütszustand beraubt. Doch dem Bock macht das nichts, nein, vielmehr, vielleicht, ist er wie die oben erwähnten Menschen begeistert ob der ambivalenten, zweideutigen Ausstrahlung der enthuasistischen, nahezu tödlich erschöpften Walkuh.

Die Logik der Fortpflanzung – hier das Wort einmal sehr metaphorisch gebrauchend – möchte es, dass Sex, Liebe und die Triebe durch Warnschüsse aus einer Rahmensituation, geprägt von Werden und Vergehen, entstehen. Nicht im romantischen Film über ins Leben gebrochene Existenzialisten, sondern im schnöden Alltag des nachbarschaftlich organisierten Kleinbürgertums spiegelt sich dieser Mechanismus ebenfalls, wenn auch durch das Ideal der romantischen Liebe verschleiert: je älter die Eltern, desto attraktiver die Nachbarin bzw. der Nachbar – Häuser wachsen zusammen, Altenpflegekräfte müssen nur einmal anreisen, Gärtner und Garagen kann man sich teilen – statt Generationen bilden sich allzuleicht Gruppen auf horizontaler Ebene – natürlich durch Generationsfolgen, leibhaftig geworden und durch vorehelich herannahenden, nachbarschaftlichen Nachwuchs sinnvoll unterstützt. Wie in der Tierwelt, ist „Attraktivität“ im Grunde gerne instrumentell: Berechenbarkeit und Praktikabilität wiegen oft weit mehr als Ausstrahlung oder geistige Nähe - der biedermeierlich kodierten, ungeschulten und unreflektierten Seele fällt beides in eines, ohne dass es ihr als unromantischer Selbstbetrug auffiele.

Im Kontrast dazu, ebenfalls am Familienideal gemessen, unglücklich, fühlt die feministische Seele, die die Ausbeutungssituation berechnet und unpraktikabel findet, zudem vielleicht von Ausstrahlung und geistiger Nähe weiß, dass beides nur zu Konkurrenz und konkurrierender Promiskuität (sei es nur geistiger) führt.

Es war deshalb mehr als komisch, verzerrt und artifiziell, aber auch instinktiv, ursprünglich und anarchisch, dass der Regisseur Eiji Tsuburaya auf die atomare Verseuchung eines Fischerbootes durch einen Atomtest auf den Marshall-Inseln, nicht weit genug entfernt von der japanischen Küste, mit der Erfindung von Godzilla und der Liebes- und Geiselstory der „Weißen Frau“ in den Händen des schwarzen Zottelmonsters reagierte.

„»Nature is like Godzilla«, schrieb mir gestern ein japanischer Freund aus Tokyo.“, las ich in der Online-Ausgabe der Zeit in einem Artikel von Jörg Buttgereit, dem Berliner Horrorfilm-Regisseur, der in den späten Achtzigern mit „Nekromantik“ in den Berliner Kinos reüssierte – eine Art Umkehrung der Bilitis-Schleierästhetik zu verschmiertem Leichensex, aus der Perspektive des Filmemachers insbesondere ein Meisterwerk des erotischen Illusionismus und in Bezug auf die Produktionsbedingungen 'echt eklig'.

„Zerstörte Großstädte, zertrampelte Fischerdörfer und explodierende Ölkessel an japanischen Hafenanlagen waren gewissermaßen ein Leitmotiv der japanischen Monsterfilme der siebziger Jahre“, schreibt Buttgereit, denn sie prägen auch nun wieder das Bild der Insel. Die Verweigerung einer integren Informationspolitik durch die japanischen Ministerien, die die Fußverbrennungen der Rettungskräfte durch hochgradig radioaktiv verseuchtes Wasser in den Reaktoren als normale Verletzungen ohne besondere Gefahr typischer Folgeerscheinungen wie Leukämie darstellte, passt zu der seltsamen Form der Kompensation durch die Geburt von fiktiven Monstren, die plötzlich in die japanische Welt der perfekten Verdrängung eindringen:

„Im Jahr 2002 war ich in Fukushima, dem Ort also, wo jetzt der nukleare Super-GAU im Atomkraftwerk droht, um mir eine Ausstellung zu Ehren von Eiji Tsuburaya (1901-1970) anzusehen. Der dort geborene Tsuburaya ist der Vater von Japans »beliebtestem« Monster: Godzilla. Von 1954 bis 1969 war er als Spezial-Effekt-Regisseur für unzählige japanische Monsterfilme der traditionsreichen Produktionsfirma Toho verantwortlich.



Inspiriert wurde sein original Godzilla-Film aus dem Jahre 1954 von einem Ereignis, das das Land am 1. März desselben Jahres schockiert hatte. Die USA führten einen Atomtest auf den Marshall-Inseln durch. Die Explosion auf dem Bikini-Atoll war mit fünfzehn Megatonnen 750-mal stärker als die Bomben, die neun Jahre zuvor auf Hiroshima und Nagasaki niedergegangen waren. Eine Wolke aus radioaktiver Asche trieb aufs Meer hinaus. Unglücklicherweise befand sich nur hundert Meilen östlich des Testgebietes das japanische Fischerboot Dai-Go Fukuryu Maru (Glücklicher Drache Nummer 5). Das Boot und die dreiundzwanzig Mann Besatzung wurden mit klebriger weißer Asche bedeckt. Übelkeit, Kopfschmerzen und Augenbrennen waren die Folgen. Nach wenigen Tagen verfärbten sich die Gesichter einiger Männer dunkel. Sechs Mitglieder der Besatzung starben später an Krebs, und Tausende Japaner erkrankten oder starben, weil auch der gefangene Fisch verseucht war und verkauft wurde.“ (Buttgereit, Die Zeit online)
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