Bildende Künstler

Das Licht für sie scheine von oben....



Text von Ulrike Ritter



Der kritische Blick auf das eigene Gewölbe. Augsburger Kunstförderpreisträger 1997-2007 im H2 - Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast.

„Das Licht für sie scheine von oben und von der Ferne von einem Feuer hinter ihnen“, so harmlos kommt in Platons Politeia daher, was in den feurigen Fenstern des gotischen Sakralbaus, den eckigen Schlieren Feiningers und den Kinopalästen der Moderne ewig neue Wirkung entfaltete.

Künstlerinnen oder Künstlern müsste man im Rahmen dieses etwas kränkenden Gleichnisses immerhin zugestehen, den Blick ab und an nach oben, hinten, vorne, rechts oder links zu drehen, um Konstruktion und Gewölbe des Illusionsbaus kritisch zu studieren. In Bayern, dem deutschen Bundesland, das die sakralen Ausformungen der Höhle wohl von allen noch am ungebrochensten pflegt, geht auch die Kunst gerne noch der Beschäftigung mit eben dieser Konstruktion nach.


Personen Eröffnungsfoto von rechts nach links: Dr. Thomas Elsen (Leiter des H2), Karin Ottmann (Künstlerin), Eva Leipprand (3. Bürgermeisterin u. Kulturreferentin)


In einer groß angelegten Serie von Ausstellungen in dem wohl imposantesten Kunsttempel Augsburgs, dem H2 im Glaspalast in der Nähe der City Galerie (eine erwähnenswerte Titanic unter den Shopping-Halls), werden seit dem 20. November 2007 und bis zum 27. April 2008 im zweiwöchigen Turnus Augsburger Kunstförderpreisträger(innen) vorgestellt, deren erste wohl – vielleicht zufällig - deutlich an den sakral-konstruktivistischen Wurzeln ihrer Heimatstadt Augsburg rührt und schüttelt.

Karin Ottmann, die vom 20.11. bis zum 02.12.2007 im fotografischen Kabinett des H2 ausstellt, zeigt dort vor allem großformatige Zeichnungen, die mal malerische Prinzipien von Kirchengewölben, mal einfach den Illusionsmus des Fernsehalltags aufgreifen.

Den Kunstförderpreis hat Ottmann vor zehn Jahren für ungewöhnliche Copy-Art erhalten. Sie fotografierte Fabrikhallen und setzte großformatige Werke aus Kopien der ausgedruckten Fotografien zusammen. Mitunter waren es auch Alltagsgeräte wie Waschmaschinen, die sie fotografierte und zu Copy-Artworks umwandelte. Schon in diesen Arbeiten war der Zusammenhang zwischen Ordnungsideen, technischen Konstruktionsprinzipien und Alltagsarchitekturen deutlich.

Die neueren Arbeiten, die in der Ausstellung im H2 jetzt in drei Räumen ausgestellt sind, nehmen ebenfalls auf dieses Themenfeld Bezug – mal ironisch-ikonisch mit einem Fernseher zwischen Flaschen, mal konzeptionell mit Reproduktionstechniken der Kirchenmalerei wie der Russzeichnung. Wieder anders, sind in ornamentalen Zeichnungen mit Kohle und Bleistift Gesimse und Stukkaturen der Klosterkirche Ursberg und der Kirche St. Georg in Haunstetten mit modernen Balkonarchitekturen verzahnt, mitunter sogar mit Satellitenschüsseln verziert.



In Raum 3 der Ausstellung gesellen sich zu Engelsfiguren aus St. George in Haunstetten und St. Ulrich in Eresing Skizzen, digitale Zeichnungen und Collagen, die auch die Augsburger Neue Galerie im Höhmannhaus miteinbeziehen. Techniken in der Darstellung von Raumstrukturen in Deckengemälden barocker Kirchen und deren Kodifizierung in Malbüchern und durch örtliche Malschulen werden in diesen Studien einerseits dokumentierend, andererseits darstellend kreativ umgesetzt. Alle Werke, auch die großformatigen Kohlezeichungen, sind im fotografischen Kabinett salopp an die Wände geheftet. Die Russzeichnungen der Engelsfiguren werden sogar am Ende der Ausstellung nach zwei Wochen schlicht von der Wand gewischt.

Das entspricht durchaus dem Stil, wie man die quasi instrumentalisierte, handwerklich-technischen Vorarbeiten in der Kunst der Malschulen behandelte – als Kopierwerk und austauschbar, also weitgehend jenseits des Individuellen und der damit verbundenen Wertverschiebungen. Und tatsächlich handelt es sich auch in diesem modernen Fall um eine Reproduktionstechnik, die exemplifiziert wird, und zudem um eine Kollektivarbeit, die die Künstlerin Katrin Ottmann, selber seit 1990 Lehrbeauftragte an der FH und der Uni Augsburg, gemeinsam mit ihrem ehemaligen Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München, Prof. Thomas Zacharias, erstellte.

Wie alle Künstler der Reihe wird Karin Ottmann am Dienstag, also jeweils eine Woche nach der Ausstellungseröffnung, um 19.00 Uhr, im H2 für ein Künstlergespräch zur Verfügung stehen.



Am darauffolgenden Dienstag, dem 04.12.07, ebenfalls um 19.00 Uhr, wird Christian Hörl die drei Räume des Kabinetts im H2 neu bestücken. Diese Ausstellung läuft dann bis zum 16. Dezember. Hörl ist bislang im H2 mit mehreren Werken vertreten, u.a. mit einer fotografischen Dokumentation, die zusammen mit Waltraud Funke und Gerhard Kindermann entstand und sich mit der Situation von männlichen Strafgefangenen auseinandersetzt. In gewisser Weise geht es auch um das Zusammenleben „unter Männern“, das jedoch – allein weil kein zwingender Bezug zur Homosexualität besteht – nicht als solches thematisiert wird. Der Künstler Christian Hörl, 1961 in Augsburg geboren, studierte Bildhauerei an der Akademie für Bildende Kunst in München. Er lebt und arbeitet in Ruderatshofen (Ostallgäu) und hat nicht nur 1998 den Augsburger Kunstförderpreis erhalten sondern auch den Kunstpreis der Stadt Kempten (Allgäu).


Fotoscan „Leibeserziehung“ von Christian Hörl: © Christian Hörl und Kunstsammlungen und Museen der Stadt Augsburg


Die um 2004 unter dem Schlagwort „Leibeserziehung“ entstandenen Werke stellen Sportgeräte, Ballettfotografien und besondere Architekturen zusammen, wobei die Thematik „Natur und Kultur“, auf die die Kunsthalle Kempten anlässlich einer Einzelausstellung von Hörls Werk diese neuen Arbeiten zuspitzte, wieder deutlich als Gender-Performance besser beschrieben wäre. Hörl zeigt in den Ballettfotografien muskulöse Männer in weißen Tutus und auf Spitzenschuhen, was als nicht klassisches Element innerhalb des klassischen tänzerischen Gestus auffällt und wohl primär der Thematik Homo- und Transsexualität zuzuordnen ist. Auch frühere Arbeiten im Bestand der Sammlung des H2 thematisieren 'Kultur als Triebverzicht' und männliche Körperlichkeit, durch das Shifting innerhalb der Disziplinen Bildhauerei, Installation und Fotografie nicht ohne formalen Zug.

Nach der Eröffnung am 04.12. um 19.00 Uhr und dem Künstlergespräch mit Christian Hörl am 11.12. um 19.00 Uhr werden in chronologischer Abfolge Arbeiten der jeweiligen Preisträger und Preisträgerinnen für die Dauer von je zwei Wochen in den Kabinetträumen zu sehen sein. Die Reihe, die bis zum 27. April laufen wird, zeigt so die interessante Entwicklung innerhalb der Augsburger Kunstszene seit Mitte der 1990er Jahre.

20.11.07 - 2.12.07 Karin Ottmann (1997)
4.12.07 - 16.12.07 Christian Hörl (1998)
18.12.07 - 6.1.08 Anja Güthoff (1999)
8.1.08 - 20.1.08 Wolfgang Schenk (2000)
22.1.08 - 3.2.08 Karen Irmer (2002)
5.2.08 - 17.2.08 Frank Mardaus (2001)
19.2.08 - 2.3.08 Hans-Martin Lohrmann (2003)
4.3.08 - 16.3.08 Kunstförderpreis 2004
18.3.08 - 30.3.08 Achim Stiermann (2005)
1.4.08 - 13.4.08 Benjamin Appel (2006)
15.4.08 - 27.4.08 Natalija Ribovic (2007)

Mehr Infos über das H2, Adresse und aktuelle Ausstellungen:
H2 - Zentrum für Gegenwartskunst
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