Bildende Künstler

Das Ohr und sein Rammler



Text von Ulrike Ritter



Logo-theoretische Bezüge in unserer kulturellen Ikonographie.

Zwischen den zum Herbst aufgestellten Solarleuchten und dem Geburtstag des in jüngster Zeit als Stipendiengeber für Punktöchter und Seelentröster von Models im Grenzalter auffällig gewordenen Playboy-Magazins, zudem kurz vor der Eröffnung der ARTS On com eigenen Members_only_Seiten gibt es eigentlich nur ein Thema: Hasensex.


Man assoziiert hier nicht nur die ständige Vermehrung des Geldes, die man sich gelegentlich arg wünscht, sondern auch tiefschürfende Imagefragen, insbesondere dekoratives Potenzverhalten. Obgleich man den Feldhasen heute kaum noch oder wenn, dann sehr abgemagert und eher unattraktiv in den Feldern antrifft, war das Tier auch in der Geschichte unserer abendländischen Künste doch eindeutig genug als dermaßen „geil“ verschrien, dass es – nahezu im Gegensatz zu allen anderen Tieren – nicht als Vanitas-Symbol dienen durfte. Dennoch finden wir ihn in den realistischen Studien von Dürer – ähnlich in seinem Selbstwert strahlend wie Giottos Esel – und in einigen wenigen christlichen Szenen, so bei Francesco del Cossa und bei Tizian.









Tizian inszeniert das ungewöhnliche Attribut-Tier allerdings im Rahmen einer Marienszene, die gerade das leicht anrüchige Image des weißen Hopplers für seine narrativen Elemente nutzt. Während Joseph im Hintergrund mit einem Hund kuschelt, hält Maria - mit Links – das Häschen, während sie sich von einer Magd das Kind in die Rechte reichen lässt, das seinerseits auf das hübsche Haustier recht fixiert erscheint. Eher eine aristokratisch-häusliche Gartenszene also, und der leicht kritische Blick Josephs nach vorne zu Maria gibt der doch für den Betrachter eindeutig anständigen Umgangsweise der heiligen Mutter auch eine entsprechend zweideutig, weltliche Konnotation – zu Unrecht verdächtigt also, aber immerhin nicht über jeden Verdacht erhaben.

Der Rammler der Moderne trieb es natürlich weit schlimmer. Fast als Rachefeldzug gegen den Ausschluss aus der Eitelkeits-Kunst der früheren Jahrhunderte diente er der eitelkeitsbegeisterten Moderne als fast serieller, schematischer Formgeber für das repräsentative und prägende Vokabular der durch Enge und Auswahl der Großstadt neu entfachten Sexualität.









Dem Hasen half dabei ein weiteres Symbol, das die Vordenker und Frühen der Moderne dramatisch in Szene setzten: Das Ohr, als eigenes Körperteil und vaginalisiertes Symbol. Van Gogh wollte es unbedingt loswerden, Kafka schwärmte dunkel von seiner Begegnung mit so einem anonymisierten Ding beim Verlassen der Straßenbahn. Diese eher barocke Variante sieht sich im Hasenohr quasi phallisch-gestreckt, dadurch aber nicht weniger suggestiv. So also eroberte der Hase die Moderne nicht als natürlich ganzheitliches Wandertier, sondern reduziert auf seine freundlich gekippt-gestreckten, langen Läufer: Die Arme der Demoiselle d'Avignon treten als unscheinbarer Versuch der Ohrverlängerung auf, im Le Lapin Agile hingegen, einem Kabarett der vorigen Jahrhundertwende auf dem Montmatre, nahm André Gills aus der Pfanne springender Hase die Tradition des Ortes als Schenke der Diebe (Au rendez-vous des voleurs) und Serienmörder (Cabaret des Assassins) auf.



Picasso portraitierte 1904 die Tochter des Kabarett-Besitzers in dem wunderschön präraffaelitisch anmutenden Werk, das die Tochter beim märchenhaften Krähenküssen zeigt, zwar kein frivoler Hase, aber immerhin doch dunkel-sexuelles Symbol, das nicht erst Hitchcock zu nutzen wusste sondern schon die Surrealisten. Doch bleibt man beim Hasenohr im strengen Sinne, wird man ebenfalls fündig. So wie die Demoiselles Picassos in ihren Armen versuchten, das frech Aufgereckte der Hasenohren darzustellen, so dunkel knickte Max Ernst die zu Beinen verstümmelten Finger in seiner surrealistischen Motivik hasenohrig ab.

Wie wegen der Länge der Hasenohren, setzte sich die Assoziation mit den Beinen und Vaginal“drachen“ (!Ein wichtiger Hinweis auf den Wahnsinn der Geometriker) schließlich auch in Populärformen durch, namentlich mit dem Motiv, das unsere Gedanken in den Winter lockte: Art Pauls Playboy-Logo. Es ist hübsch, aber eigentlich langweilig oder zumindest, den fünfziger Jahren getreu, extrem korsettig zugeschnürt. Denn dort, wo die echten Hasenohren an den Kopf ansetzen, schließen sich die vaginaldrachigen Hasenohren des Playboys nahezu punktförmig zusammen. Doch es ist in den Fünfzigern entstanden, im selben Heft wie die unbekleidete Taille der Marilyn Monroe präsentiert, 1953. Zwar passt es, wie Studien beweisen, gut auf die Ohren des Dürer-Hasen, läuft aber zum Ohransatz zu spitz zu. Kunsthistorische Ursprünge weisen die beiden „Macher“ des Playboy-Logos natürlich eher von sich:

Hugh Marston Hefner:
Ich suchte einen Hasen wegen der witzigen sexuellen Konnotationen als Symbol für das Magazin aus und weil er ein Bild darstellt, das ein wenig unanständig und zugleich verspielt aussieht. Ich steckte ihn in einen Smoking, um ein wenig Raffinesse hinzuzufügen. Eine andere Überlegung spielte ebenfalls eine Rolle. Da sowohl ‚The New Yorker’ als auch ‚Esquire’ Männer als Symbole nutzen, dachte ich, dass ein Hase herausstechend ist; und die Idee eines Hasen im Smoking erschien mir charmant, amüsant und richtig.

Art Paul:
Wenn ich gewusst hätte, wie wichtig dieser kleine Hase werden würde, hätte ich ihn wahrscheinlich Dutzende Male neu gezeichnet, um ihn gut genug zu gestalten, und ich nehme mal an, dass keine dieser Versionen so gut geworden wäre wie das Original. Wie es sich dann ergab, fertigte ich nur eine einzige Zeichnung an und brauchte dafür nur eine halbe Stunde.“ (Wikipedia)

So könnte man – auch wegen der Kürze des Logos und der Weite des Winkels – um es sehr unerotisch auszudrücken – an eine andere Form der dreißiger bis fünfziger Jahre denken, die die Kognitionspsychologie dieser Zeit begeisterte. Vom beinnahen Hasenohr knickt das Logo leicht um in die sogenannte „Entenform“.



Allerdings finden wir dort keinen kognitionstheoretischen eng geschlossenen, länglichen Schnabel, sondern die Entenform einer anderen Tradition, mehr weihnachtlich oder eben pornografisch, wenn auch im Playboy-Logo stark abgeschwächt. Eher seltsam, dass die Entenfigur auch bei der Benennung von Stellungen im Liebesakt Verwendung fand. Gemeint ist dann eher etwas, das an die Weihnachtsgans erinnert. Denn das Auffällige an Enten sind eigentlich eher ihre kurzen Beine, durch die – wiederum Anlehnung nehmend an der Redensart „Lügen haben kurze Beine“ - die Ente, gefesselt, entfesselt oder liberal, dann zum (visuellen) Inbegriff der journalistischen Falschmeldung werden konnte.

Langbeiniges ist also, gemäß der Tiefe und Verankerung dieser Redensarten, frei von jedem Verdacht. Zum Zweck der Beweisführung zeigen wir links ein Bild der Autorin, auf dem zumindest der untere Teil der Oberschenkel, der Beinsansatz also, gut zu sehen ist.

Vom Gentleman à la Sherlock Holmes, der nur Augen für semiotische Spuren hat, blieb in dieser Konnotation des Rammlerohrs à la Playboy natürlich wenig übrig – wenn auch die Skianzüge der weiblichen Stars aus Nick Knatterton dem Bunny nacheiferten. Dem 21. Jahrhundert nahe ist hingegen der eigentlich eher (bestimmt) abgeschriebene Edelstahlhase von Koons, mit seinen an den Playboy- und Gummienten erinnernden Schlitzohren. Oder der Monumentalhase, der Hasenschnuller, die kindischen Playboy-Ohrringe? Wir wissen es nicht. Oder – war da nicht noch eine offene Frage – ist das Logo einfach falsch und das moderne Sex-Symbol das „Rot-Wild“ - Bambie?

Fotos: Wikipedia, Google Appropriation, Collagen oder Dr. U.& d.s.W.Ritter
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