Bildende Künstler

Eggleston, William – Technoästhetik, gefärbt

William Eggleston gilt als „Meister der Farbfotografie“ und wird gelegentlich mit der amerikanischen Pop Art assoziiert. Beides ist richtig, aber nicht sonderlich großartig.

Text von Dr. Ulrike Ritter

William Eggleston. (American, born 1939). Greenwood, Mississippi. 1973. Dye transfer print, 12 5/8 x 19 1/16" (32.1 x 48.4 cm). Gift of the photographer
© 2009 William Eggleston; Bilddatei von der öffentlichen Bilderbibliothek des Museum of Modern Art, erreichbar über Wikipedia (c-freigegebene Abbildung).
Über ästhetische Prinzipien eines populären Fotokünstlers

William Eggleston was driving with the writer Stanley Booth from Georgia to Tennessee. It was 1978 and Eggleston had acquired an early Kodak instant camera. He started to photograph out of the window of the car and pointed the camera at the sky. The small, rectangular color prints looked to him like fragments of frescoes.
The following day he lay back on the ground and looked up at the sky above him. At the zenith he found a heightened clarity. However dramatic the skies then appeared toward the horizon, he imposed upon himself the constant discipline of photographing directly upwards.
He was excited by the touches of blue between the clouds an by the intensity of the light. His attitude was one of exploration. He applied his methodical discipline to the quality of blue. Eggleston combines precision with delicacy. Introduction to Ancient and Modern by Mark Holborn; www.egglestontrust.com




Vielmehr entspricht es der Art und Weise, wie ihn die Gegenwartskunst von vornherein inszeniert hat, - quasi noch bevor er die eigentlich wesentlichen Aspekte seiner Farbfotografien entwickelt hatte – und wie er es durch seine sozialen Kontakte innerhalb der Kunstszene ermöglichte. Strenggenommen ist Eggleston ein Provokateur am Rande der konventionellen, das heißt primär an den technischen Askepten der Darstellung interessierten Fotografie.


Egglestons Botschaft heißt, was immer er fotografiert und wie auch immer: Eggleston-Bilder sind technisch und formal besser, besser, besser.

Von einer Naturanschauung im klassischen Sinne, wie sie in der eigentlich Yves Klein zukommenden Anekdote vom Blick in den blauen Himmel von Holborn kolportiert wird, ist Eggleston meilenweit entfernt. Vielmehr grenzt er sich durch eine Art „amerikanische“ Technizität – ungefähr so wie Raymond Loewy sie verstanden hätte – von dem in seinem kantianischen Grunde ethischen Begriff der Naturanschauung ab.




Das Foto, mit dem Eggleston berühmt wurde, ist „The Red Ceiling“ (übliche Beschriftung). Man sieht eine rote Zimmerdecke und drei weiße Kabel, die zu einer Deckenlampe führen. Rechts ist angeschnitten ein Neonkasten mit bunten Figuren in sexuellen Posen zu sehen. Dieses als bildwürdig bekannte Thema ist aus dem Vordergrund an die Bildseite gerückt zugunsten der neuen Thematik „Rotlicht“. Die weißen Kabel auf rotem Grund sind extrem farbintensiv und formalisieren so, als weiße, mehr praktisch und vom Zufall diktierte Spuren, die sexuellen Bildhinhalte vollkommen. Zugleich benennt das Bild in zeittypisch unverfrorener Weise einen weiten thematischen Aspekt, der als typisch amerikanisch gelten kann: Die Konkurrenz amerikanischer Alltagsumgebungen mit der traditionellen Genretrennung von Landschafts- und Stadtfotografien in der europäischen Kunst, insbesondere auch mit dem Begriff des Naturschönen.

In der Kritik der praktischen Vernunft schreibt Immanuel Kant:
Es ist also auch erlaubt, die Natur der Sinnenwelt als Typus einer intelligibelen Natur zu brauchen, so lange ich nur nicht die Anschauungen, und was davon abhängig ist, auf diese übertrage, sondern bloß die Form der Gesetzmäßigkeit überhaupt (deren Begriff auch im reinsten Vernunftgebrauche stattfindet, aber in keiner anderen Absicht, als bloß zum reinen praktischen Gebrauche der Vernunft, a priori bestimmt erkannt werden kann) darauf beziehe. Kant: Kritik der praktischen Vernunft, S. 126. 100 Werke der Philosophie, die jeder haben muss, S. 19847 (vgl. Kant-W Bd. 7, S. 189)


Der Begriff der „Natur der Sinnenwelt“ ist bei Kant sehr allgemein, streift den Begriff der individuellen Glückseligkeit und der Lust oder Unlust, einem Ärmeren Geld zu schenken oder die Komödie zu besuchen. In den kursorischen Bemerkungen über die Glückseligkeit in der Kritik der praktischen Vernunft streift Kant dieses Interesse (das, wie sich in der Kritik der Urteilskraft zeigt, besteht ausgrund einer mangelnden Ausprägung des sittlichen Vermögens):

Eben derselbe Mensch kann ein ihm lehrreiches Buch, das ihm nur einmal zu Händen kommt, ungelesen zurückgeben, um die Jagd nicht zu versäumen, in der Mitte einer schönen Rede weggehen, um zur Mahlzeit nicht zu spät zu kommen, eine Unterhaltung durch vernünftige Gespräche, die er sonst sehr schätzt, verlassen, um sich an den Spieltisch zu setzen, so gar einen Armen, dem wohlzutun ihm sonst Freude ist, abweisen, weil er jetzt eben nicht mehr Geld in der Tasche hat, als er braucht, um den Eintritt in die Komödie zu bezahlen. Beruht die Willensbestimmung auf dem Gefühle der Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit, die er aus irgend einer Ursache erwartet, so ist es ihm gänzlich einerlei, durch welche Vorstellungsart er affiziert werde. Kant: Kritik der praktischen Vernunft, S. 31. 100 Werke der Philosophie, die jeder haben muss, S. 19752 (vgl. Kant-W Bd. 7, S. 130)


Dagegen spezifiziert Kant die Gegenstände, die sich für die intelligible Anschauung eignen, als Naturschönes:

Dagegen aber behaupte ich, daß ein unmittelbares Interesse an der Schönheit der Natur zu nehmen (nicht bloß Geschmack haben, um sie zu beurteilen) jederzeit ein Kennzeichen einer guten Seele sei; und daß, wenn dieses Interesse habituell ist, es wenigstens eine dem moralischen Gefühl günstige Gemütsstimmung anzeige, wenn es sich mit der Beschauung der Natur gerne verbindet. Man muß sich aber wohl erinnern, daß ich hier eigentlich die schönen Formen der Natur meine, die Reize dagegen, welche sie so reichlich auch mit jenen zu verbinden pflegt, noch zur Seite setze, weil das Interesse daran zwar auch unmittelbar, aber doch empirisch ist.

Der, welcher einsam (und ohne Absicht, seine Bemerkungen andern mitteilen zu wollen) die schöne Gestalt einer wilden Blume, eines Vogels, eines Insekts u.s.w. betrachtet, um sie zu bewundern, zu lieben, und sie nicht gerne in der Natur überhaupt vermissen zu wollen, ob ihm gleich dadurch einiger Schaden geschähe, viel weniger ein Nutzen daraus für ihn hervorleuchtete, nimmt ein unmittelbares und zwar intellektuelles Interesse an der Schönheit der Natur. D. i. nicht allein ihr Produkt der Form nach, sondern auch das Dasein desselben gefällt ihm, ohne daß ein Sinnenreiz daran Anteil hätte, oder er auch irgend einen Zweck damit verbände. Kant: Kritik der Urteilskraft, S. 237-238. 100 Werke der Philosophie, die jeder haben muss, S. 20267-20268 (vgl. Kant-W Bd. 10, S. 231-232)


Die besondere Art des intellektuellen Vergnügens besteht nun darin, dass die Lustempfindung auch eine Bestätigung des Gegenstandes ist, dessen Existenz damit bejaht wird. Dies ist ein Aspekt der Ästhetik, der häufig durch negative Assoziationen von Lustempfindungen aufgrund religiöser Konventionen in Vergessenheit gerät und diesen für die Ästhetik fundamentalen Begriff mit Negativität, Gedankenlosigkeit, sowie sexueller Ausbeutung und Hierarchie verbindet.
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