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Stopp, der Wurm, der Trojaner und seine Beziehung zum Unbewussten.

Über die Schräglage des Avantgarde-Begriffs am Beispiel von Erwin Wurm und Stephanie Trojan

Text von Dr. Ulrike Ritter

Maggie Thatcher als Nussknacker. Designer unbekannt. Aus dem Web und gewählt als Illustration zu den hiesigen Bemerkungen über die Rhetorik der Mathematik und Freuds: „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“
Erwin Wurm, Ausstellung Lenbachhaus München, Kunstbau, 2009-2010
„Fat Convertible“, Erwin Wurm, Ausstellung Lenbachhaus München, Kunstbau, 2009-2010


In seinem Text „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ erläuterte Sigmund Freud an einigen berühmten Beispielen für guten und schlechten Humor, wie die Pointen von Witzen Rationalität aufweisen, indem sie rationale Erwartungshaltungen enttäuschen. Unbewusst ist der Witz also gar nicht so witzig, sondern regelkonservativ.

Das Lachen, ein aristotelisches oder sogar platonisch-spöttisches Verlachen, kritisiert den Verstoß gegen Folgerichtiges oder folgerichtig Erscheinendes. Den Grad der Zuverlässigkeit dieser Kritik hat Freud, eben mehr Psychoanalytiker als Philosoph, nicht überprüft.



Sein Text kann daher auch als Hinweis auf den fließenden Übergang zwischen der durch Erziehung erworbenen und verinnerlichten Normerwartung und einer basaleren, formaleren Rationalität gelten. Ein Hinweis ist, dass es mitunter weniger die erzählerischen Inhalte des Witzes sind als vielmehr die formal-logischen Beziehungen innerhalb der Erzählung, die als nicht folgerichtig empfunden werden und daher als komisch.

Anders als echte Witze, die einen Lachimpuls auslösen, gibt es Erzählungen, die Dinge komisch oder verblüffend erscheinen lassen. Wir haben dann den Eindruck, dass der Sachverhalt nicht folgerichtig ist oder können zumindest dessen Folgerichtigkeit in verblüffender Weise nicht nachvollziehen. Dieses Phänomen begegnet häufig in der Mathematikdidaktik, wenn LehrerInnen versuchen, ihre SchülerInnen mit mathematischen Rechnungen zu überraschen. So z.B. das mathematische Spiel: „Merk dir irgendeine Zahl. Nun multipliziere die Zahl mit 3. Rechne 15 hinzu und teile das Ergebnis durch 2. Subtrahiere 1,5 und teile durch 1,5. Wenn du vom Ergebnis 4 abziehst, erhältst du deine Zahl.“

Die Rechnung hat die Form
[(x + 5) * 3 : 2 -1,5 ] : 1,5 – 4 = x

Hier wird natürlich nur um ein unbekanntes x herumgerechnet und schließlich der Eindruck erweckt, es sei zusätzliches Wissen entstanden. Noch suggestiver ist es, wenn man die Rechnung mit x und um x herum mit der Behauptung abschließt, dass nun das Ergebnis gleich 4 sei – unabhängig von der gewählten Zahl x:

Wähle eine beliebige Zahl größer Null und multipliziere sie mit 3. Addiere 15. Teile das Ergebnis durch 2. Subtrahiere 1,5 und teile das Ergebnis durch 1,5. Ziehe nun die von dir gewählte Zahl von dem Ergebnis ab. Der Rest ist gleich 4 !.



Diese Unabhängigkeit erscheint verblüffend und rätselhaft, aber nicht komisch. Sie entsteht durch Umformung der obigen Gleichung:

[(x + 5) * 3 : 2 -1,5 ] : 1,5 – x = 4

Die Gleichung ist nicht so einfach nachvollziehbar, dass der unsinnige Aspekt, der in der ausführlichen Berechnung einer eigentlich neutralen Operation besteht, deutlich würde. Möglich ist ja auch, dass genau diese algebraische Neutralität der Rechenschritte nachvollzogen werden soll. Diese Funktion kann die Gleichung natürlich erfüllen.

Irrational im Sinne des Witzes sind hier also gerade die verbalen Deklarationen, dass ein Geheimnis, neues Wissen über die gemerkte Zahl oder Zahlen insgesamt in der Rechnung deutlich würde: Die Zahl selbst sich zu erkennen gibt oder alle Zahlen eine besondere Beziehung zur Zahl 4 haben etc.



Ist diese Behauptung zum Lachen ? Sind wir vielleicht einfach nicht souverän genug, um diese Wunschprojektionen der Mathematik zu verspotten? Oder sind wir nicht unhöflich genug, gegen den rhetorischen Willen des Erzählers oder der Erzählerin zu handeln, indem wir nicht mit Verblüffung reagieren sondern mit Gelächter, also Spott ?

Probleme dieser Art, die dann analytisch auf „uns“ als BetrachterInnen zurückwirken, haben wir auch beim Betrachten von Kunst. Nehmen wir einen Künstler, der alles irgendwie schick und komisch findet. Dem wir zutrauen, seine kunstkaufende Freundin, die mit ihrem nagelneuen Pekinesen seine Ausstellung besucht, mit den tuntig ausgesprochenen Worten zu begrüßen. „Nein, was hast du denn da für ein süßes Schweinchen mitgebracht! Das ist ja ein nettes kleines Symbol. Pass aber auf, dass dein Schweinchen nicht meine Skulpturen anpinkelt. Möchtest du was trinken? Der Gerd bringt dir was.“ Wir wären also in einer Ausstellung von Erwin Wurm, die vor einem der Objekte im Stil des „Fat Convertible“ entstanden ist, dieses anregte, eine Mischung aus angeleintem rosa Schweinchen und Cabriolet, eben wohl anspielend auf besonders komplizierte, irgendwie dekadente Hunde vom Mops bis zum Chihuahua als Cabriolet-ähnliches Statussymbol von Frauen. Diese Werke, soll heißen, einige Werke, von Erwin Wurm, lassen eine oberflächliche Interpretation zu. Wir sind also dekadent. Tja. Very interesting. Leises Gähnen. [Wenn jetzt das Bild folgt – das Fat Convertible ist echt süß :)]



Die Beschwörungen des einfachen Tiefganges in Wurms „schrägen“ oder „schräg gestellten“ Alltags- und Prestigeobjekten wollen wir vielleicht beiseite lassen – da sie doch nur die Alibifunktion erfüllen, z.B. für 14 jährige Schüler oder echte Kleinbürger mit Kunstverständnis bis Renoir und Kandinsky und keinen Schritt vor oder zurück, etwas mit Gegenwartskunst anfangen zu können (die ernste Lehre, der humanistische Gehalt, Gott zum Gruße...). Also, wenn Wurm, dann soll er auch bohren. Und bevor wir nun in den Analysen zu den sexuellen Implikationen voranschreiten, die ja auch angesichts der Werke naheliegen, noch der Hinweis, dass Arbeiten, in denen die Prestigeobjekte selbst Schräggang statt Tiefgang vorführen oder einfach „an die Decke gehen“, eben diese Beendigung des inneren Gespräches mit der verblüffenden Kunst von Wurm durch den humanistischen Sinn der Dekadenzkritik verhindern. Ein Künstler, der französische Limousinen schräg legt statt sie tiefer zu legen, ist kein Mechaniker von Alltagsmythen. - Ja – auch diese Bemerkung wird nicht jeder verstehen – außer vielleicht Roland Barthes selbst, der in den „Mythen des Alltags“ die Mystifizierung des französischen Citroens analysierte, des fahrenden Sofas, irgendwie auch ähnlich dem rosa Schweinchen von Wurms Convertibel, das wiederum auch irgendwie ähnlich ist femininen Körperteilen, von denen starke Reize ausgehen können ...:)
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