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Internetkunst, ein Aufriss: Das Guggenheim flaggt

„Internetkunst“ ist nicht nur ein schrecklicher Begriff, sondern auch noch totgesagt.

Text von Dr. Ulrike Ritter

Katalog bisher gestalteter Netzflaggen
Screenshot der aktuellen „Net-Flag“, Projekt von Marc Napier, Solomon Guggenheim New York, Webseite.
Eine der BesucherInnen-Netzflagge des Guggenheim/Napier Projektes




Natürlich gibt es sie, die Zombies: Seit internationalen Medienereignissen, Institutionalisierungsschritten und Publikationen, die Webinhalte bis ca 2004 erfassen, bewegen sich solchen Seiten, für irreguläre Symposien oder als Liebhaberei entstanden, wie Raumschiffteile im intergalaktischen Schweigen der Suchmaschinen. Sie existieren und verbrauchen Strom, aber sie verändern sich nicht. Und, weit wichtiger, sie sind nicht signifikant. Internetkunst ist nicht mehr tot. Sie ist vielmehr institutionalisiert, privatisiert, auratisiert, wissenschaftlich erfasst und lebendig, aber sie geht in den Metatexten des Netzes ins Unsichtbare. Sie ist nicht einmal für alle eine Nebenbeschäftigung, wenn auch nur für wenige ein Beruf, wie z.B. für Marc Napier.

Napier präsentiert auf seiner Webseite mit dem kindlichen Namen „Tomatenland. Nicht kommerziell“ Internetkunst-Werke im Besitz bzw. unter der Obhut des Solomon Guggenheim Museums, im doppelten Sinn als Eroberung neuer Felder, eine Netzflagge, die bekannte Symbole aus Länderflaggen mischt und sie von beliebigen BesucherInnen der Seite zu Netzflaggen zusammenstellen lässt. Wer mag, gestaltet die aktuelle Flagge um, die man dann solange auf der Seite sieht, bis der nächste Besucher seine Variante entwickelt. Das Werk ist in Gemeinschaftsarbeit aus Java-Programmierern und Redakteurinnen entstanden, wenn auch unter der Leitung von Marc Napier.



Die Net-flag ist attraktive Netzkunst, so wie ein anderes Projekt von Napier, PAM, ein papierenes Modell, das an Napiers Erstling, den berühmten Webbrowser „Shredder“ erinnert, also statt realistischer Fotos eines hübschen Modells (Pamela Anderson) eine digital collagierte Anziehpuppe präsentiert, die in unterschiedlichsten Formen deformiert werden kann, so wie mehr oder weniger sexuelle Fantasien über solche Objektkörper es sich vorstellen. Die Net-Flag ist nicht geshreddert, sondern immer wohlgeformt – was sie mit echten Flaggen als kodifizierten Repräsentationsobjekten gemein hat. In den Erläuterungen der Net-Flag führt Napier aus, dass die Beflaggung des Netzes bzw. ja des Solomon Guggenheim Museums als Netzkunstinstitution, mit der Beflaggung des Mondes zu vergleichen ist. Das Internet soll wie der Weltraum verstanden werden, als zu gestaltendes, offenes und noch nicht wirklich überschaubares Feld. Ein romantischer Vergleich, der auch die Leichtigkeit und Technizität, sowie die komische Ästhetik der Schwerelosigkeit und silbrig glitzernder Raumschiffanzüge der ersten Mondlandung ins Gedächtnis ruft. Und warum war diese Beflaggung ästhetisch wertvoll, wenn auch irgendwie noch unbeholfen? Wir haben ja auch Berichte vom Südpol, doch weder Scott noch Amundsen ringen uns das ästhetische Wohlsein ab, das die Mondlandung in uns erzeugt. Weil Scott und seine Mitstreiter starben? Ja, natürlich auch deshalb, die Beflaggung mit letzter Kraft ist mehr zum Kotzen als zum Anschauen geeignet. Und dann stand da schon eine, mit so viel größerer Leichtigkeit aufgestellt, dass es keine romantische Begeisterung wert ist. Doch das ist nicht der Grund. Auch die amerikanischen Bemühungen um Befürwortung des Weltraumprogrammes nicht, wohl obsolet.



Der Grund ist das Fernsehen. Der Mond, der Mars, sie bringen uns Bilder ins Rechteck, auf den Bildschirm, aktuell oder nur minimal zeitverschoben, Echtzeitgefühle und Anteilnahme, die wirklich performativ ist und nicht rekonstruiert. So kann man mit Marshall MacLuhan, Kittler und Weibel feststellen, dass das Außerirdische uns erobert, nicht umgekehrt, mit Hilfe unserer gierig ins All gesandten Duftmarken, den kleinen silbernen Raumschiffen und ihren R2D2s. Es speist sich in unsere offen vor ihnen liegenden viereckigen Augen ein und prägt unsere Sicht auf die Welt, den Begriff des Feldes, elektromagnetisch und diskursiv, ästhetisch und industriell, pragmatisch, ethisch, wirtschaftlich. Wie in Lems Robotermärchen gehen wir quasi dionysisch in romantischen Entgrenzungen auf, die durch neue Erreichbarkeiten physiko-symbolischer Art gestiftet werden. Das wirkt absurd, hypertroph und eigentlich nur-metaphorisch, denn schließlich unterscheidet man ja doch den Bildschirm und die eigenen Augen, aber die INWIEFERN-Frage stellt sich zumindest auf der semantischen Ebene irgendwann wirklich. Schnell noch an Nelson Goodman denken und dessen Idee einer Konstruktion von Welten gemäß ihrer Symbolstrukturen: Die Stereoanlage sehe ich, geprägt vom Wissen über ihre Funktionalität, ganz anders als ein Kleinkind, das darin nur einen Haufen metalllischer Scheiben entdeckt, die man in den Mund nehmen und auf denen man herumpatschen kann. Damit gehen andere Begriffe der Dingwelt einher, die korrekterweise durch Wissen und Erfahrung erweiterbar und korrigierbar sind. Erreichen wir irgendwann eine richtige Sicht oder privilegieren wir nur?

Von Objektwelt zu Objektwelt ist das sicher unterschiedlich. So wäre es sicher gefährlich zu behaupten, dass in der Medizin, wie weit auch immer privilegierende, quasi lobbyistische Interessen in die Forschung selbst und ihre Repräsentation eingreifen, richtigere und weniger richtige, ungenaue oder sogar falsche Diagnosen erstellt werden können. Leider muss man auch sehen, dass die Tendenz zur zuverlässigen Diagnose aus der Medizin verschwindet zugunsten einer pragmatischen Diagnose des behandelbaren Symptoms. Egal welcher Krebs und warum, auf jeden Fall Symptome wie Metastasen für Medikament X, solange es wirkt, dann für Medikament Y. Wenn wir Metastasen besser kennen als andere Krankheitsbilder, diagnostieren wir diese und schieben Diagnosen von Medikament zu Medikament. Richtig daran ist, dass der praktisch handelnde Arzt, selbst als Spezialist, nicht über die eigentliche wissenschaftliche Forschung und deren Ergebnisse hinausgeht, und sei er auch noch so sehr Zweifler.
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