Bildende Künstler

Das Kreuzparadoxon und andere Fotografien

Die zu imaginierende Szene: Sie liegen den Karfreitag ab, den Geruch von Prosecco in der Nase und ultraviolette Lichtwellen im Gesicht. Im Gehirn diffuse Erinnerungsbilder von Fotografien, die Sie irgendwie verschlaumeiern sollen, ganz viele.

Text von Ulrike Ritter

Henry VIII's Wives
© h8w
Henry VIII's Wives
© h8w



Doch der Briesbrei ist zu weich, das Bild zu diffus, das Interesse zu schwächelnd? Ein introspektives Bild, das sich nicht nach außen hin erklärt, annähernd unkommunizierbar.



Ein Rettungsfunke, denn solche Fotografien gibt es wirklich: Die Künstlergruppe „Henry VIII's wives“ arbeitet annähernd systematisch im englischen und skandinavischen Raum an Fotografien, die eigentlich nichts zeigen. Aber stattdessen Bedeutungen – im vollen und weitesten sprachwissenschaftlichen Sinne – für die Fotografierten ins Rollen bringen. Ein jüngeres Projekt der Gruppe – deren Name „Henry VIII's wives“ umgekehrt viel mehr zeigt als er besagt, denn wir wissen von den KünstlerInnen nur, dass sie (wahrscheinlich ?!) keine Zombies sind - nennt sich „Iconic moments of the 20th century“ und besteht aus nachgestellten Fotos weltpolitisch bedeutender, historischer Ereignisse durch eine Gruppe von Freiwilligen aus einem Altersheim.



Die so entstandenen nachgestellten Szenen z.B. von Churchill, Roosevelt und Stalin bei der Yalta Konferenz während des Zweiten Weltkrieges, vom Napalm Angriff im Vietnamkrieg, oder die Hinrichtung von Lee Harvey Oswald, die im Fernsehen live übertragen wurde, sind in seltsamer Weise zum Unspektakulären hin entstellt, durch die annähernd alltägliche Kleidung der Darsteller und die Beschränkung ihrer darstellenden Kunst auf wenige, eindeutige Gesten: Eine zum Kopfschuss ausgerichtete Waffe, ein Hitlergruss, eine Uniform. Im Rücken verkreuzte Hände liest man nur mühsam als Fesselung, erst wenn der Kontext des fotografischen Projektes bekannt ist, erschließt sich auch das mimetische Unterfangen dieser modernen Attitüdendarstellung. Zuvor aber blickt man, quasi gebannt, auf eine völlig absurd anmutende Szene: Warum flüchtet der Bedrohte nicht sondern verharrt wie ein Spaziergänger neben dem paranoiden Schusswaffenträger? Warum lässt sich die Oma bei ihren peinlichen politischen Automatismen fotografieren? Müssen diese Pensionäre den Fotografen ihre Uniformen vorführen? Fetischstyle im Glasgower Altenheim, könnte man meinen, Menschen als Opfer ihrer fotografischen Ikonisierung. Aber dann ist eben doch alles normal, das Projekt analytisch und aufklärend, die Pensionäre sogar in besonderer Weise kulturell interessiert, tolerant, interaktionsbereit.

Ganz logisch dann: Wie sie in den Genuss der Reflexion auf geschichtliche Erfahrung und deren medialer Vermittlung kommen, erkennt auch der betrachtende Blick, dass Bilder mehr sind als sie zeigen, gerade dokumentarische Fotografien überhaupt nicht informativ sondern aus inneren Ritualen der Beteiligten entstanden sein können. Wobei diese inneren Zusammenhänge – klassischerweise vielleicht "Hintergründe" genannt - im Bild selbst eben nicht sichtbar sondern durch ikonografische Formeln und eine nahezu ornamental oberflächliche Gestik überdeckt werden. Soweit also die dekonstruktive Fotografie, die Bedeutung für die Partizipierenden schafft und nur in ihrem größeren inhaltlichen Kontext überhaupt vermittelt.
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