Bildende Künstler

Das Nichts philosophisch betrachtet und in seiner Beziehung zur Kunst

Diffus und fast nichts, aber nicht nichtig.

Text von Dr. Ulrike Ritter




Das Nichts – ist nicht. Aber man kennt es als einen Topos des Absurden in der Kunst, insbesondere im Theater, aus dem sich, getreu der platonischen Auffassung, dass das Sein ist, weil das Gute es so will, das Mephistotelische Böse »was entsteht, ist wert dass es zugrunde geht« und die humorigen oder melancholischen Sprachgesänge von Schwitters, Antonin Artaud, Daniil Charms und Samuel Beckett speisen.

Das Theater hat sich insofern schnell am ethischen Argument verklammert, von dem auch die Literatur Satres, der Roman »Ekel« oder Dramen wie »Die Fliegen« des phänomenologisch-existenzialistischen Philosophen über »Das Sein und das Nichts« zeugen. Die mühsame »Verschmelzung« von Sein und Nichts bei Hegel hat Satre, wie später auch Merleau-Ponty, in ein phänomenologisches Dispositiv umgeformt, das die Artikulation des Bewusstseins von sich, unaufgelöste Dynamik des klassischen »Anfangsproblems« bei Hegel, gemäß der im weiten Sinne ästhetischen Erfahrung des Subjekts in einem sich konstituierenden Raum strukturiert.

Diese »Analysen« der Dispositive – von Foucault und Certeau ausformuliert im Sozialen, ebenfalls über Satres psychologischen Zweig im Sprachlich-Psychoanalytischen entwickelt von Luce Irigaray oder Julia Kristeva – benennen und konnotieren Aspekte wie Bewegungen des Blicks, im Raum, haptische, visuelle, akustische Erfahrungen quasi ›sozio-semantisch‹, und sind entsprechend nicht nur in der Literarizität der (philosophischen) Texte sondern auch theorienimmanent extrem »kunstnah«. Die phänomenologische Tradition – etwas verfälschend als Dekonstruktion bekannt geworden, obgleich gerade der »Dekonstruktivist« Derrida , gleichob »Foucault-Schüler«, nicht in diese Tradition gehört – stellt insofern ein ausgezeichnetes Instrumentarium dar für eine Form der Kunst-, Film, etc., kurzum Kulturkritik, die sich in begründeter Form von den mitunter bemühten Selbsterklärungen der KünstlerInnen emanzipiert und Werke auf der Basis einer hinreichend elaborierten Theorie erschließen kann.

Nur über das Nichts sagt uns die Phänomenologie strenggenommen nichts. Vielmehr ›verharrt‹ der Ansatz – aus anderer, später zu erläuternder Hinsicht gerechtfertigt – in den Problemen der Vorstellung, des Beobachtens der eigenen Abstraktion und Erfahrung, Kant und Hegel, von Schopenhauer schon in Anlehnung an den Heroismus der antiken Tragödien und Heiligenlegenden in den mehr literarischen Willensbegriff gedreht, die kulturtheoretische Wende des Problems vorwegnehmend:

Vor uns bleibt allerdings nur das Nichts. Aber Das, was sich gegen dieses Zerfließen ins Nichts sträubt, unsere Natur, ist ja eben nur der Wille zum Leben, der wir selbst sind, wie er unsere Welt ist. Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 837. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 39964 (vgl. Schopenhauer-ZA Bd. 2, S. 508)


Bei Schopenhauer sind über Hegels Verschmelzung hinaus Sein und Nichts im Prinzip austauschbare Begriffe – was vor allem bedeutet, dass der formale, scheinbar begriffsanalytische Apparat des deutschen Idealismus von Hegel und Fichte gegenüber den bereits weitschweifig konnotierten kulturellen Ausprägungen oder Wirkungen der formalen Abstrakta zurücktritt:

Jedes Nichts ist ein solches nur im Verhältniß zu etwas Anderm gedacht, und setzt dieses Verhältniß, also auch jenes Andere, voraus. Selbst ein logischer Widerspruch ist nur ein relatives Nichts. Er ist kein Gedanke der Vernunft; aber er ist darum kein absolutes Nichts. Ausl. U.R.


Das allgemein als positiv Angenommene, welches wir das Seiende nennen und dessen Negation der Begriff Nichts in seiner allgemeinsten Bedeutung ausspricht, ist eben die Welt der Vorstellung, welche ich als die Objektität des Willens, als seinen Spiegel, nachgewiesen habe. Dieser Wille und diese Welt sind eben auch wir selbst, und zu ihr gehört die Vorstellung überhaupt, als ihre eine Seite: die Form dieser Vorstellung ist Raum und Zeit, daher Alles für diesen Standpunkt Seiende irgendwo und irgendwann seyn muß. Zur Vorstellung gehört sodann auch der Begriff, das Material der Philosophie, endlich das Wort, das Zeichen des Begriffs. Verneinung, Aufhebung, Wendung des Willens ist auch Aufhebung und Verschwinden der Welt, seines Spiegels. Erblicken wir ihn in diesem Spiegel nicht mehr, so fragen wir vergeblich, wohin er sich gewendet, und klagen dann, da er kein Wo und Wann mehr hat, er sei ins Nichts verloren gegangen.

Ein umgekehrter Standpunkt, wenn er für uns möglich wäre, würde die Zeichen vertauschen lassen, und das für uns Seiende als das Nichts und jenes Nichts als das Seiende zeigen. So lange wir aber der Wille zum Leben selbst sind, kann jenes Letztere von uns nur negativ erkannt und bezeichnet werden, weil der alte Satz des Empedokles, daß Gleiches nur von Gleichem erkannt wird, gerade hier uns alle Erkenntniß benimmt, so wie umgekehrt eben auf ihm die Möglichkeit aller unserer wirklichen Erkenntniß, d.h. die Welt als Vorstellung, oder die Objektität des Willens, zuletzt beruht. Denn die Welt ist die Selbsterkenntniß des Willens. Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 834. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 39961 (vgl. Schopenhauer-ZA Bd. 2, S. 506)


In den Schriften von Schopenhauers Nachbardenker Nietzsche entdecken wir den Hinweis auf unbewusste Züge des ›Willens‹ und ihre Wirkungen. Das ist, wie überraschend es scheinen mag, nicht nur das i-Tüpfelchen der Kulturtheorie sondern – tatsächlich – auch die Wende zur neuen analytischen Methode des logischen Empirismus und seiner nicht.hegelianischen, formalen Ontologie.:

Unbewußte Tugenden. – Alle Eigenschaften eines Menschen, deren er sich bewußt ist – und namentlich, wenn er deren Sichtbarkeit und Evidenz auch für seine Umgebung voraussetzt –, stehen unter ganz andern Gesetzen der Entwicklung als jene Eigenschaften, welche ihm unbekannt oder schlecht bekannt sind und die sich auch vor dem Auge des feineren Beobachters durch ihre Feinheit verbergen und wie hinter das Nichts zu verstecken wissen.

So steht es mit den feinen Skulpturen auf den Schuppen der Reptilien: es würde ein Irrtum sein, in ihnen einen Schmuck oder eine Waffe zu vermuten – denn man sieht sie erst mit dem Mikroskop, also mit einem so künstlich verschärften Auge, wie es ähnliche Tiere, für welche es etwa Schmuck oder Waffe zu bedeuten hätte, nicht besitzen! Unsere sichtbaren moralischen Qualitäten, und namentlich unsere sichtbar geglaubten, gehen ihren Gang – und die unsichtbaren ganz gleichnamigen, welche uns in Hinsicht auf andere weder schmuck noch Waffe sind, gehen auch ihren Gang: einen ganz andern wahrscheinlich, und mit Linien und Feinheiten und Skulpturen, welche vielleicht einem Gotte mit einem göttlichen Mikroskope Vergnügen machen könnten.

Wir haben zum Beispiel unsern Fleiß, unsern Ehrgeiz, unsern Scharfsinn: alle Welt weiß darum –, und außerdem haben wir wahrscheinlich noch einmal unsern Fleiß, unsern Ehrgeiz, unsern Scharfsinn; aber für diese unsere Reptilien-Schuppen ist das Mikroskop noch nicht erfunden! – Und hier werden die Freunde der instinktiven Moralität sagen: »Bravo! Er hält wenigstens unbewußte Tugenden für möglich – das genügt uns!« – Oh ihr Genügsamen! [Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, S. 58. Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 43068 (vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 42)


»Unbewusste Wirkungen«, sieht man sie hier, lassen sich im Umfeld des »Anfangsproblems«, das sich in den Theorien des Nichts immer versteckt, als Schlüssel für eine kategoriale Differenzierung lesen, die das ›Problem‹, das ontologische Paradoxon der Klassiker, besser löst als der Rückzug in ein denkendes Subjekt, das für sich selbst zuviel Glaubwürdigkeit in Anspruch nimmt, quasi immer wieder auf Gott zurückführt oder als Problemlösung inadäquat erscheint.
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