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Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten...

Über Lampenform und Lichterkerzen, Kerzenlichter und ihr Design in Kunstgeschichte und Gegenwart.

Text von Dr. Ulrike Ritter

Meister des Kerzenscheins: Georges de la Tour
Lampenkabel – Kabellampe
© UR
Designwerkstatt Berlin
Berliner Designwerkstatt




Wie heiß so ein Ding ist, wie lang es ist, bzw. ob lang und beweglich genug, starr genug, und ob es sich überall reinstecken lässt.... Fragen über Fragen, die als wogende Gischt täglicher Spamfluten das Gemüt immer neu bewegen. Wichtig ist dann auch, wie niedrig es ist. Die Steckdose und das Ding, das drinsteckt. Einem einfachen, unansehnlichen Schlabberkabel ist das natürlich gleichgültig. Aber die wohlgeformte Elite, kurz, kräftig und biegbar dann und nur dann, wenn Biegsamkeit gefragt ist, will gesehen werden, direkt oder indirekt. Also z.B. als Licht, als weißer Strahl, Erleuchtung, Aufklärung in der Finsternis des Wohnungsdunkels. Theweleit also irrte – oder irrte auch nicht – es ist der Autor des Buches „Männerphantasien“, der in den siebziger und achtziger Jahren die Gemüter erhitzte, weil er den Kalten Krieg und die Begeisterung für Nuklearwaffen amerikanischer Militaristen als phallokratisch bezeichnete, nachdem er in seiner wissenschaftlichen Studie zahlreiche uneingestandene Manifestationen männlicher Sexualsymbolik in der Kulturgeschichte des Abendlandes vorgewiesen hatte. Warum also ein Irrtum?

Weil...sowas noch aus den (nie enden wollenden) Zeiten des Verdachts und der Decouvrierung stammt, als man die pseudo-psychoanalytische Besserwisserei und semimarxistische Suche nach Interessen-hinter-Widersprüchen noch nicht satt hatte? Naaaahhhh....nein. Sondern weil der Penis-als-Konstruktion im Grunde seines Wesens natürlicherweise hochgradig einfach ist. Prinzipien der Praktikabilität folgend, dem Arterhalt in bescheidener Weise dienlich, gut zu reinigen, mal sichtbar, mal unsichtbar etc. praktisch eben. Wie eine gut konstruierte Lampe. Dachte sich, vielleicht, „Stiletto“, der Designer Frank Schreiner, der einmal Meisterschüler bei Nam June Paik war und sich mit Sicherheit selbst kaufen würde, wenn er es müsste, wie der Barbier, der alle Männer im Dorf rasiert, nur nicht sich selbst oder auch sich selbst, wenn er es (logisch gesehen ?) müsste....



Warum also behaupte ich, dass er sich selbst kaufen würde....Weil...der Lampendesigner, dessen besondere Designideen auf den Webseiten der Designerläden, die im Internet für ihn leuchten, nur auf den zweiten Blick sichtbar werden, wie z.B.^auf der Stiletto Design Seite von www.connox.de , - weil dieser Designer zu Zeiten des Berliner Zimmers, in der zweiten Hälfte der Achtziger, mit einem vergoldeten Einkaufswagen berühmt wurde, der zu einem Sessel umgeformt war und als Prototyp des neuen Berliner Möbeldesigns durch diverse (europäische) Städte geschickt wurde.

Wie kommt es zu solchen Ausformungen von Designideen? Man kauft ein, sammelt die Blechbüchsen aus den Regalen und beschaut sie belustigt, denkend, als Designer (so vermute ich, als harmlose Schriftstellerin), das könnte man besser, und überhaupt wäre es besser, nicht diese ollen Büchsen zu kaufen sondern sich selbst, wenn man also selbst in seinem Einkaufswagen läge, dieser natürlich bequem, nicht so, wie man es nur einer Blechdose oder einem Kind zumuten kann, sondern eben ergonomisch ausgeformt. Und schwupps, fiel die Vorderklappe des Einkaufswagens ergogerecht nach unten, die Beine in ihrer halben Länge unterstützend, die Seitenwände schmiegten sich orchideenhaft nach rechts und links, Üppigkeit entstand im Innneren der Sitzfläche, noch Gold darüber, schwupps, neugeboren. Die Leuchten damals nur einsam Stilblüten über ihm, als Besonderheit damals noch die Armaturenschläuche, fest und biegsam zugleich, eine Flexibilitätsblüte über dem vergoldeten Ihm*s-Chair. Nun also führen diese aparten Phallus-Analoga direkt in die Steckdose. Für Küchen und Badezimmer sicher eine wunderbare Idee, insbesondere, wenn vielleicht eine sicherheitsgeprüfte Steckerleiste in formschönem Design die einsame Steckdose nebem dem Waschbecken so erweitert, dass neben den Rasierer oder Ladyshave, der noch immer ohne W-Lan betrieben wird, die Stiletto-Lampe treten kann, sodass sich auch das kleinste Haar und die kleinste Hautunreinheit im strahlenden Lichte zeigt....Wen dann der suizidale Impuls packt, der bedient sich einfach der stromlosen Lampe, wirft sie wütend ins wassergefüllte Becken, dessen Rohr mal wieder verstopft ist, oder in die Dusche neben ihm, nicht bedenkend oder bedenkend, dass die Lampe, das gefährlich elektrische Ding, ja gar nicht mehr an den Stromkreis angeschlossen ist, also keinen Stromschlag erzeugt, nur harmlos zischt ob ihrer Abkühlung und vielleicht nie wieder richtig funktioniert.... endlich Italien, soll heißen, Leben wie in der offenen Psychiatrie, heiter.





Alternativ dazu gibt es Lampen, die sind, wo sie sein sollen, und nicht, wo der elektrotechnische Zimmermann seine Kontakte schuf. Natürlich verfolgt uns sein elektronischer Wille hier mit unübersichtlichen, aber überall unansehnlich sichtbaren Schnüren, die unser Leben und das unserer Haustiere gefährden. Über Kabel kann man: stolpern, stürzen, rutschten, schliddern. In Kabeln kann man: ersticken, verglühen, elektrokollabieren, Figuren und Weissagungen sehen, sich fotografieren, perverse Phantasien entwickeln. Mit Kabeln kann man: spielen, Fallen stellen, die Wohnung schmücken, Weihnachtslichter befestigen, Lampen und andere elektronische Geräte dort verwenden, wo sie benötigt werden.

Das experimentelle Design der Berliner Designwerkstatt entwickelte entsprechend, wohl auch aufgrund der positiven Einstellung zu elektronischen Gegenständen in der Umgebung, ein Möbeldesign, das gerade die Kabel der Lampe euphorisch feiert, auf Drähten trägt:

Ebenso unterstützen die diversen Laminate die Liebe zum Kabel durch Phallusformen und andere Linien:

Wenn das Kabelproblem auf diese Weise nicht durch Verstecken nur scheinbar gelöst, sondern durch Integration zur Erweiterung des Alltags geworden ist, können die Leuchtelemente selbst auch emphatisch oder massenhaft präsentiert werden, als Kunstobjekt oder unter jedem (Kunst-)Objekt im Raum, wie im Falle der beleuchteten Sitzbank von (Memphis) oder dem Ausstellungsdesign von Brandolini, der die Einzelobjekte in einer Glasvitrine auch jeweils einzeln von der Stellfläche aus beleuchtete.
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