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Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten...



Text von Dr. Ulrike Ritter

George de la Tour, 1593 - 30. Januar 1652
Der Traum des Heiligen Joseph, George de la Tour
Die Heilige Irene berührt den Heiligen Sebastian, George de la Tour
Der Heilige Joseph als Zimmermann., George de la Tour
Installation auf der documenta 8 von Andreas Brandolini
Niedrigenergie-Langhaus
Monsieur Dix vor zartem Gemüse, im Schein des Zimmerlichts
© UR
Die bestmögliche Lösung des Kabelproblems ist natürlich, aus konservativer Sicht zumindest, die Rückkehr zur Kerze. Erstens haben wir, bzw. zumindest die Schlossbesitzer mit einem Hauch Herkunftsbewusstsein, die noch im Besitz ihrer Kunstsammlungen und Stillleben aus dem 17. Jahrhundert sind, dann eben die passenden Wandschmuckstücke dazu.





Zweitens ist Weihnachten bzw. Adventszeit.
Wir brauchen also ohnehin nur wenig Licht, da ab 17 Uhr kuscheln und einmummeln, schlafen und Kekse oder Gänsebrustknabbern angesagt sind. Ein oder zwei, drei oder vier Kerzen reichen. Und ja, genau: Die Kerze stiftete nicht nur durch die Glanzlichter, die sie auf Weinkaraffen und Gläser warf, die schönsten Handwerkskünste der Genremalerei des 17. Jahrhunderts – wie sie noch Anna Dorothea Therbusch im 18. Jahrhundert für ihre Aufnahme an die Pariser Akademie der Künste pflegte. Wir erlauben uns hier auch an die einfache Thementechnik des barocken Malers Georges de la Tour zu erinnern, der christliche Szenen der Andacht in schönstes Licht setzte und nicht unbeleuchtet ließ, dass das Kabinett biblischer Motive nahezu wächserne Überzeitlichkeit besitzt, nebenbei auch eigentlich die Magd oder Mutter das Lichtlein hält, nicht etwa das Jesulein phosphorizierend leuchtet, selbst wenn es so scheint....(lang lebendig allerdings bleibt es nicht, das wächserne Kind, wenn die flachbrüstige Rote die Rolle der Maria spielt....selbst die vanitatische Schöne (Magdalena? Aber wohl schwanger?), der andächtigen Kerzenschau verspricht da mehr Milch...)







Die Kerze bewahrt unbefangen ihre Gültigkeit als Beleuchtung auch im modernen Möbeldesign, z.B. in Andreas Brandolinis eigenen Editionen, zu sehen auf seiner Webseite. Wir finden vom Bild des Heiligen Josephs als Zimmermann insbesondere über den Griff seines Schraubstocks direkt zu einem Ereignis, das an die Designtraditionen der immer noch standardisierenden Kassler documenta erinnert (vor bzw. retrospektiv eben nach der molekularen Küche etc.): Reflexionen des Zimmermanns auf Kerzenlicht und Kaminfeuer, selbstironisch oder nicht, kennen wir von Brandolinis documenta8 - Wohnzimmer. Dieses ist, richtig beschienen, fast noch eher eine Theorie des Wohnlichts als eine Ironisierung der deutschen Bratwurst. Vom Handgriff zum Marmortischchen:



Die Bratwurst dient hier natürlich vor allem dazu, den darunterliegenden Teppich als Wärmespender auszuweisen bzw. zumindest zu betonen. Der Bildschirm nimmt nicht nur Formen des Kaminfeuers auf sondern auch die der Lampe hinter ihm, die wiederum als Hirschgeweih auf Prinzipien des Wachstums durch Beständigkeit verweist, und auf den Neid, den der nur jagende, in der kalten Natur herumflitzende Mensch auf den Hirschen empfindet, der ebendort so souverän und lange überlebt, dass ihm ein Geweih ungeheuren Ausmaßes wachsen kann. Sei es die Umwandung des Kerzenlichtes mit Glas als erstes Prinzip der wetterfesten Behausung, der Wärme-durch-Sesshaftigkeit – sei es die Verfestigung der Wärme- und Stromleistungen zu installierten oder statisch in die Wohnung integrierten Kabeln wie im Geweih repräsentiert, unsere Ideen vom sesshaften Wohnen sind wesentlich mit der Versorgungskontinuität von Licht und Wärme verbunden. Sei es also der Hirsch, der 'draußen' lebt und es sich dennoch leisten kann, Energie an das Wachstum überflüssigen Hornschmuckes zu verschenken, sei es das Schwein, das Energie aus jeder noch so alten Kohlrabi gewinnen kann. Beide sind in Brandolinis documenta Wohnzimmer auch nahezu totemistisch mit ihren Totenmasken vorgestellt, besiegte Objekte des Neides, den die mühsam an ihren Wohnungen bastelnden Menschen sich gegenüber den lustigen Kreaturen kaum eingestehen können.



Erinnere man sich also auch, dass erst vor knapp hundert Jahren - nach Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte-, das nur durch Glas und Stahl geschützte und befestigte Straßenlicht auf vergänglichster Petroleumbasis durch kabelbasierte Energie ersetzt wurde. Legendär ist in manch einem Dorf, wie Industrielle die Mitfinanzierung von stromerzeugenden Maschinen durch die Gemeinden erzwangen, indem sie durch Parties in elektrischem Straßenlicht die Sympathien der Bevölkerung für ihre Projekte entfesselten. Die Nazis bedienten sich ebenfalls der fesselnden Lichtmagie aus Lampenschein und Feuers- oder Fackelsbrunst, wobei Lichterketten, gleich ob links oder rechts, wenn öffentlich, eben gerade nicht das vernünftige Prinzip der Solidierung von Vereinzelung, das mit unserer wärme- und lichtoptimierten Sesshaftigkeit einhergeht, repräsentieren können. Insofern sind Straßen- und Massenbeleuchtungen doch immer etwas genuin anderes als der Lampenschein im eigenen Bade – um den es uns gerade zu tun ist, wir wollen ja Wärme beleuchten, in unseren Kuschelhöhlen und eben auch angesichts ständig steigender Heizkosten. Selbst die germanischen Großfamilienhütten, vergleichbar den gerade auch in den Achtzigern hippen Fabriketagen Berlins oder trendigen Niedrigenergiehäusern, waren in Hinsicht der Licht- und Wärmenutzung eher defizitär: Weit vorne oder mittig brannte ein Großfeuer mit Rauchabzug, drum herum 'lebte' man, wer sich arbeitsbedingt nicht wie eine Bratwurst am Spieß herumdrehen konnte, endete mit rotgesichtiger Vorderfront und blaugefrorenem, rheumatischem A.. Das moderne Langhaus mit Solarzellen auf dem Dach wirkt dem durch aufwändige Umleitungstechnik (wir erinnern an die Symbolik, - verlängert oder gar ätherisch?) entgegen.



Zu untersuchen wäre somit nahezu, ob nicht vielleicht das Prinzip der Monogamie, das in nördlicheren, kühleren Ländern sehr viel beliebter ist als in den heißen Wüsten des Jemens, wesentlichen Anschub erhielt durch die effiziente Licht- und Wärmenutzung, die in Menschengruppen aus zwei großen und ein bis zwei kleinen Wesen in ein bis zwei Zimmern ja nahezu optimiert ist. Eine Kerze beleuchtet den vierseitigen Tisch, der Kamin oder die Pferde unter ihnen beheizen das Haus – fehlt nur noch ein Buch, das die Gelegenheit zum Gespräch und damit zum Streit mindert. Und so artikuliert sich überlebenswillig die protestantische Kleinfamilie, biedermeierlich und irgendwie zu sehr auf der Not gebaut.....nach Thomas Bernhard, Nordseitenmenschen. Denn auf der Südseite, mit Glaswänden mindestens in Terrassenbreite, wärmt auch in kühlen Wintern der kleinste Sonnenschein heizungsähnlich, und stimmt die Bewohner im Inneren positiv gegenüber der Außenwelt, die, obgleich objektiv eisig, durch die unsichtbare Wirkungskraft des Glases nach innen hin Wärme erzeugt und selbst zartes Gemüse gedeihen lässt.
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