Bildende Künstler

Modelle der Tonalität. Zwölftontechnik, Orphismus & das Prinzip der Kunstparty

Was macht man, wenn andere Frauen besser aussehen als man selbst? Verscheuchen? Oder Fotos von ihnen an ungeeigneter Stelle veröffentlichen? Springt man über sein eigenes Rampenlicht und verhilft einem solchen Wesen zum Erfolg?

Also, neuere Nachrichten aus der Modelszene lassen uns wissen: Linda Evangelista und Christy Turlington bestanden darauf, dass Naomi Campbell, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt wurde, mit ihnen auf den Laufsteg kommt. Yves Saint Laurent drohte der Vogue mit einem Boykott, wenn sie Naomi nicht auf den Titel setzen würden.

Text von Ulrike Ritter

© (1-3) Sonja Delaunay (4) Dr. Ulrike Ritter
(1) Charles Delaunay (2) Rainer Apfelbaum u. Dr. TH. Elsen (3) Foto der Ausstellung "Krapplack" von Rainer Apfelbaum
© (1) Charles Delaunay (2+3) Rainer Apfelbaum, Dr. Ulrike Ritter


Schwarze Haut oder rote Haare – also immer noch ein Problem, das sogar angeblich eindeutige Konkurrenzverhältnisse wie die zwischen Models ins Wanken geraten lässt.

In der Musik jedoch ist alles anders. Schon vor ca 100 Jahren hat Arnold Schönberg mit Entschiedenheit versucht, die Benachteiligung der schwarzen Tasten auf dem Klavier durch die Zwölftontechnik aufzuheben. Die klassische Tonalität der Dur- und Moll-Tonleitern sieht – quasi abgebildet im sogenannten Quintenzirkel – für Tonleitern „schwarze Tasten“, im Notentext oder auf anderen Instrumenten Versetzungen um einen Halbton, nur dann vor, wenn sich anders kein hinleitender Halbtonschritt auf den namensgebenden Grundton der Tonleiter ergibt, also bei C-Dur zum Beispiel keine schwarze Taste, weil das h, die Taste links vom c, nicht vom c durch eine schwarze Taste getrennt ist sondern ohenhin nur einen Halbtonschritt entfernt. Sukzessive kommen so Tonleiter für Tonleiter alls fünf Tasten ins Spiel, aber eben nur quasi gezwungenermaßen, so wenige wie möglich!

Iih – sagte sich Arnold Schönberg, der 1874 in Wien geborene Komponist ungarisch-tschechischer Eltern, der nach spätromantischen Anfängen wie dem berühmten Streichquartett „Verklärte Nacht“ mit exzentrischer Reduktion in seinen Klavierstücken oder Bühnenmusik („Pierrot Lunaire“) Schritt für Schritt alle zwölf Töne systematisch gleichsetzte und die Hinführung auf Grundtöne und darauf aufbauende Akkorde ad acta legte.

Six pieces for piano:



In Büchern wie „Models for Beginners in Composition (Modelle für Anfänger im Kompositionsunterricht, 1943)“ beschrieb der 1933 in die USA emigrierte Schönberg seine Zwölftontechnik ausführlich. Für Adorno wurde er, u.a. mit Werken wie „Ein Überlebender aus Warschau“ (1947) zu einem Beispiel für die erfolgreiche Verweigerung einer Ästhetisierung des Holocaust. Andere, wie der Musikkritiker Hans Schnoor 1956 im Westfalen-Blatt ereiferten sich unbelehrbar über den Entzug des tonikalen Mutterschoßes und "jenes widerwärtige Stück, das auf jeden anständigen Deutschen wie eine Verhöhnung wirken muß."

Ein Überlebender aus Warschau:



Wie dem auch sei. In den Zehner Jahren des 20. Jahrhunderts konnte Schönberg seine Theorie und Praxis der „Atonikalität“ (also nicht ohne Töne wie „a-tonal“ sondern „a-tonikal“ = „ohne Tonika“) noch im Kontext einer lebendigen Avantgardekultur entwickeln. Schönberg war selbst Mitglied des Blauen Reiters und ein guter Freund von Kandinsky. Seine Selbstportraits sind allerdings weit weniger diszipliniert an eine Theorie angepasst, folgen auch keinem expressionistischen Schema, etwa von kräftigen Farben und schwarzer Kontur, sondern verfolgen mehr einen gegenständlich - aquarellhaften Stil, vielleicht angelehnt an August Macke. Im Almanach von 1912, der u.a. den völkerverständigenden Aspekt der neuen expressionistischen Gruppe hervorhob, war Schönberg mit Texten, Bildern und der Komposition „Herzgewächse“ vertreten. An der Ersten Großen Herbstausstellung von Herwarth Waldens Berliner Galerie der Sturm 1913 nimmt er nicht teil, da er seine Bilder nicht professionell genug findet. Doch nun, aber ach, haben wir das nicht alles schon studiert?

Es geht in diesem Kunstbrief eigentlich um etwas Unverständliches. So wie das fast abstrakte Bühnenwerk „Der gelbe Klang“ von Kandinsky, in ständiger Korrespondenz mit Schönberg entstanden, 1912 fertiggestellt wird, wurde ebenfalls 1912 der Sprechgesang „Pierrot Lunaire“ von Arnold Schönberg in Berlin uraufgeführt, als Komposition für die Kabarettsängerin Albertine Zehme, die einen Zyklus von Melodramen bei Schönberg in Auftrag gegeben hatte.

Pierrot Lunaire Video:



Das Stück zeigt noch nicht die reduktionistische Zurschaustellung der Zwölftontechnik wie die späteren Klavierstücke, sondern schwebt im atonalen Raum, verknüpft mit der erzählerischen Poesie Albert Girauds, zwar seinerzeit als „blasphemisch“ angegriffen, aber doch eher harmlos, wenn nicht sogar, insbesondere wegen der inhaltlichen Dichte des Textes, noch etwas kitschig, für den damaligen Atheisten Schönberg unverständlich religionsversessen: Mondestrunken (Moon-drunk), Colombine, Der Dandy (The Dandy), Eine blasse Wäscherin (A Faded Laundress), Valse de Chopin, Madonna, Der kranke Mond (The Sick Moon), Nacht (Passacaglia) (Night), Gebet an Pierrot (Prayer to Pierrot), Raub (Theft), Rote Messe (Red Mass), Galgenlied (Gallows Song), Enthauptung (Beheading), Die Kreuze (The Crosses), Heimweh (Homesick), Gemeinheit! (Mean Trick!), Parodie (Parody), Der Mondfleck (The Moonfleck), Serenade, Heimfahrt (Barcarole), (Journey Home) O Alter Duft (O Old Perfume).“ Ein alter Duft, insbesondere bei Heimfahrt nach Bergamo. Warum, fragt man sich, angesichts des Sachverhalts, dass auch die Delaunays mit ihren abstrakten und distinkten, wohlgeordneten und auf dem materialen Realismus einer chemikalischen Theorie basierenden Orphismus zum Kreis des Blauen Reiters gehörten? Man kannte sich noch nicht? Strenggenommen begannen beide – Schönberg und die Delaunays – erst nach 1912 oder 1913, also der Ausstellungs- und Aufführungsreignisse in Berlin, systematisch und erfolgreich nach grundlegenden Prinzipien neuer visueller oder auditiver Kompositionen zu suchen.



Die späteren Ergebnisse (die Delaunays waren etwas schneller) des Orphismus und der Klavierstücke lassen sich hervorragend vergleichen: unakkordische Zwölftonreihen ohne jede inhaltliche oder poetische Überfrachtung, Farbgeometrie ohne inhaltlichen Bezug. Nahezu allein aufgrund des stärkeren regionalen Bezugs und vielleicht aufgrund persönlicher Beziehungen werden jedoch die französischen Delaunays mit Strawinsky assoziiert, der Wiener Arnold Schönberg dagegen mit Kandinsky. Ästhetisch gesehen ist das objektiv unpassend. Und versperrt noch die Sicht auf Charles Delaunay, der aus den bunten Perlen der Eltern seine Vorliebe für Jazz entwickelte und als dessen Produzent reüssierte. Die ursprünglich dem Blauen Reiter zugrundeliegende Emanzipationsidee quer durch alle Farben und Töne mit schwarzer Musik wieder aufnehmend. Tja...

Woran man sehen kann, dass insbesondere die Tournee dieser Gruppe konstruktive Anregungen gewährleistete, insbesondere, dass Eröffnungen und Finissagen mit Musik, nicht als Auf- oder Abgesang des Bildenden-Kunst-Anteils sondern als Party im Allgemeinen, unbedingt erforderlich sind, um überregionale Durchmischungen und eine Zusammenführung des Zusammengehörenden zu gewährleisten.



Wichtige Ereignisse im Zusammenhang:

Sonia Delaunay in Bielefeld. 1958-2008: Veranstaltungen, Party, Feste, Konzerte, Ereignisse, Ausstellungen, Events, vom 30.11.2008 bis 22.02.2009

Artur-Ladebeck-Str. 5
Kunsthalle Bielefeld
33602 Bielefeld
Tel. 0521 / 329 99 50-0

Die Kunsthalle Bielefeld bereitet ihre umfassende Ausstellung zum Werk von Sonia Delaunay vor dem Hintergrund einer Retrospektive vor, die die Künstlerin 1958 in Bielefeld eingerichtet hat. Seit dieser Zeit befinden sich die kleinere Fassung des Gemäldes „Bal Bullier“ und das Gemälde „Tango Magic City“ aus dem Jahr 1913 neben weiteren Werken von ihr in der Sammlung. Delaunays Auseinandersetzung mit der Dynamik und dem Bewegungsduktus von Farben und Farbformen wird im Mittelpunkt der Präsentation stehen.

Ebenso geht es um ihre wegweisenden Entwürfe für Mode, Stoffe, Typographie und kunstgewerbliche Gegenstände, in denen ihre Farbstudien eine praktische Umsetzung erfahren haben. Zu den weiteren Themen gehören die monumentalen Farbrhythmen des Spätwerks, in denen sie sich von jedem Gegenstandsbezug gelöst hat. Die Kunsthalle Bielefeld will einen Gesamtüberblick über das facettenreiche Schaffen der Künstlerin geben. Die Ausstellung wird durch die Stiftung der Sparkasse Bielefeld ermöglicht.
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