Bildende Künstler
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Gilden und Gruppenportraits aus Amsterdam und Künstler, geld- und gildenlos, in Augsburg.

Kunst / Geld / Leben

Text von Dr. Ulrike Ritter

Cornelis Antonisz, Mahlzeit einer Rotte der Amsterdamer Armbrustschützengilde, 1533. Ausstellungskatalog.
Ferdinand Bol: Die Regenten des Amsterdamer Leprosenhauses, 1649. Ausstellungskatalog.
Ferdinand Bol, Die Vorsteher der Amsterdamer Weinhändlergilde. 1659. Ausstellungskatalog




Das Goldene Zeitalter ist eigentlich, d.h., es meint zumeist, das antike, unschuldige Zeitalter, also – genauer – die Projektion eines idealen Naturzustandes der Menschheit auf die vorchristliche Antike der griechischen Philosophen, Bildhauer und Tragiker durch aufgeklärte Denker – Dichter, Philosophen und Bildende Künstler des 18. Jahrhunderts. Die »Wiege der Menschheit«, hellblau – rosa wie Himmel und Babyspeck. Aber… schon vor dieser Zeit, um 1578 herum, hatten Anhänger des Wilhelms von Oranien die Blüte ihrer Stadt unter dem neuen, calvinistischen Regenten als »Gouden Eeuw« empfunden: die Stadt wuchs, die breite, wohlhabende Mittelschicht war fleißig geschäftstätig und optimierte Gewinne im nationalen und internationalen Handel. »Gemeinschaftliche Führung und persönliche Verantwortung« galten ebenso als Tugenden des städtischen Bürgertums, so die Kuratoren der Ausstellung »Goldenes Zeitalter«. Holländische Gruppenportraits aus dem Amsterdam Historischen Museum«, die jüngst in Münchens Alter Pinakothek Station machte, nachdem das Kunsthistorische Museum in Wien die Präsentation vom 9. September bis zum 21. November 2010 gezeigt hatte.



Die Kuratoren schrecken vor dem Vergleich der primär wirtschaftlich orientierten Mittelschicht Amsterdams, die zugleich in Kunst unnd Wohlfahrt investierte, mit heutigen Unternehmen nicht zurück: »Fremde Besucher bewunderten neben der Schönheit der Anlage der Stadt die Amsterdamer Wohltätigkeitsanstalten, die verschiedenen Kranken-, Waisen- und Armenhäuser,«[… U.R.] »Was damals in einem vom monarchistischen Absolutismus geprägten Europa eine Ausnahme darstellte, bildet im heutigen politischen und wirtschaftlichen Leben die Regel, Organisationen und Firmen werden von Personengruppen als Räte und Kommissionen, als Kuratorien und Komitees, Vorstände und Aufsichtsräte geführt. Damit schlagen diese Bilder eine Brücke,« [Goldenes Zeitalter, 2011, S. 7]

Hm… Um es mit Kant zu sagen, »Begriffe ohne Wahrnehmung sind leer, Wahrnehmung ohne Begriffe ist blind«? Die AutorInnen des Vorwortes schlagen eine wackelige Holzbrücke der repräsentativen Gruppenportraits aus Amsterdam zu gefälligen Selbstinszenierungen von Vorständen unnd Aufsichtsräten. Sieht man die nicht vor allem im Fernsehen, wenn wieder einmal jemand versucht, sich dem Prinzip der persönlichen Verantwortung zu entziehen? Treten Unternehmen und »Organisationen« (?) tatsächlich mit gezielten, finanziellen und administrativen Fördermaßnahmen sozialer Einrichtungen auf? Oder sponsern sie nicht höchstens Kunst, die ruhig auch 'asozial' bzw. sozial indifferent sein darf ? Die Aufsichtsräte treten dabei selber kaum in Erscheinung – niemand ist wirklich traurig darüber. Die soziale Förderung gilt bereits durch das Interesse an Kunst überhaupt als abgegolten. Kunst und KünstlerInnen sind heutigen Räten und Firmen nicht etwa der Inbegriff der Selbstvermarktung – dafür engagiert man Agenturen, die unpersönlicher und gestreamlined vorgehen. Die niederländischen Guppenportraits des 16. und 17. Jahrhunderts portraitieren Handwerkergilden oder Mitglieder solcher Gilden bei administrativen Ehrenämtern, die bürgerliche Mittelschicht Amsterdams, die selber weder sozial bedürftig noch künstlerisch tätig war. Die Künstler wurden für ihre Portraits ordentlich bezahlt – wie heutige Unternehmensberatungen oder Werbeagenturen. Die Gilden waren aber – das ist wohl das Besondere und erforderte auch in Amsterdam eine offizielle Anweisung der Regierung 1578, die Alteratie – nicht einfach damit zufrieden, schön auszusehen uund ihr Handwerk darzustellen. Stattdessen ließ man sich als Sponsor und Schirmherr sozialer Einrichtungen portraitieren, die echten Armen – und nicht, wie heute, den nur sozial deklassierten KünstlerInnen – zugute kamen: eben Krankenhäuser, Waisen- und Armenhäuser, Besserungsanstalten uund Zuchthäuser etc. – oder auch der sozialen Sicherheit der Stadt – damals wie heute liebte es die männliche Bevölkerung, in möglichst harmlosen Streitigkeiten für die eigene Stadt etwas wichtigtuerisch mit dem Säbelchen zu rasseln: Die Portraits der Schützengilden, eine Art freiwillige Ordnungs- und Rettungstruppe, bilden die größte Zahl der holländischen Portraits – neben Anatomen und Weinhändlern, die in den Portraits die Sorgfalt ihrer Arbeit vorführen – nachdem die Schützengilden 1578 ermahnt worden waren, nicht mehr lediglich Partystimmung zu verbreiten. Gerade die wirtschaftliche und ästhetische Blütezeit Amsterdams entwickelte sich nicht ganz freiwillig in den repräsentationsfreudigen Gilden, sondern mit dem Verbot aller Zunftgemeinschaften außer der Handwerklichen, der sogenannten »Alteratie«. Diese durften unter dem Vorbehalt fortbestehen, dass ihre Einnahmen künftig nicht mehr für »unnützen Aberglauben, Saufgelage oder ungebührliche Prassereien« aufgewendet, sondern zur Unterstützung bedürftiger Zunftbrüder dienen würden – so der holländische Katalogautor Maarten Hell:



»Auf diese Weise verschwanden Erinnerunngen an die katholische Vergangenheit wie Altäre, Schutzheilige und die Teilnahme an Prozessionen und Festmählern«.

Die Handwerkszünfte waren folglich angehalten, im Interesse ihrer eigenen Mitglieder Armen-, Kranken – und Waisenhäuser einzurichten oder zu unterstützen. Zur Blüte dieser Institutionen trug bei, dass die Stadtverwaltung im Rahmen der Alteratie 1578 zahlreiche Klostergebäude konfisziert hatte. Auch das neue Amt des Armenpflegers wurde aus der Stadtkasse finanziert. Unabhängig vom Grad der Selbstlosigkeit des sozialen Engagements zeigte das Bemühen der Handwerksgilden, sich in anspruchsvollen Portraits durch das soziale Verantwortungsgefühl zu inszenieren, dass der Stellenwert dieser selbstlosen Sorge den der höfischen Repräsentation weit überwog. Die Handwerker tragen – insbesondere als Regenten und Regentinnen, zwar Samt und Seide, hübsche, mit Schleifen gebundene, saubere Schuhe und reinweiße Kragen, sitzen aber nicht einfach untätig zwischen Vorhängen und Goldrahmen, sondern erzählen durch Seit- oder Hintergrundszenen von den Einrichtungen, in denen sie finanziell oder administrativ engagiert sind. Die durchgängig schwarz-weiße Kleidung der dargestellten Gildenmitglieder oder Hausvorstände veranschaulicht nahezu etwas aufdringlich die calvinistische Ablehnung von höfisch-barocker Fantasie und Phantasterei, Reisen nach Kythera und anderen Lustbarkeiten zwischen Amor und Thalia.
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