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Gibt es psychedelische Kunst? Wenn ja, was ist sie?

Fragen wie diese - "Gibt es psychedelische Kunst? Wenn ja, was ist sie?" - legen schnell nahe, man wolle etwas Unterbewertetes endlich begriffsbildend sichtbar machen (z.B. das Bürgertum, den Surrealismus, Ernährungsbewusstsein und andere Dinge) oder aber etwas Überbewertetes in seiner Existenz in Frage stellen.

Text von Dr. Ulrike Ritter

Teilansicht der Mandelbrot-Menge. Ausschnitt 11 einer Zoom-Sequenz: Doppelspiralen mit Satelliten 2. Ordnung. Sie lassen sich als Metamorphose der "Antenne" interpretieren. Erstellt von Wolfgang Beyer mit dem Programm Ultra Fractal 3. Gemeinfrei gemäß GNU Lizenz.
Stg. Pepper's Lonely Heart Club Band.
Mr. Providence 14.08.2008, 10:15 spiele anere goa-party uf de sattelegg (1200 meter über meer) im oldschool acid bis goa-trance floor vom mim dj-kolleg dj ace...au weltwiit bekannt för sini tb 303 umbaute & editione...esch zodem s'10 jöhrige jubiläum & s'letschte mol ! also don't miss !!!und i de mix sektion hetts grad no en neue mix vo mir mit so sound, wo ich denn am sonntig-morge (hoffe be sonneschiin) abem 9i werd spiele... http://www.physicalteam.ch (organisator goa)http://www.acidparty.lsd.li (303 floor)flyer oldschool-floor:
Janis Joplin's Porsche in Summer of Love - Art of the Psychedelic Era (Whitney Museum - New York)
© Sergio Calleja
Rolls Phantom V: John's newly painted psychedelic car




Hier ist die Frage aber ganz unpolemisch gemeint. Das Adjektiv „psychodelisch“ ist zugleich populär, konturiert und umfassend genug, um die gesamte blurrende [von engl. to blur, verschmieren] Menge, - versuchen wir es im Deutschen: die gesamte verschmierte Menge - von Dingen, die sich subsumieren lassen, an die Wand bzw. den Bildschirm zu werfen (als Lichtmenge natürlich).

„Das Wort psychedelisch (urspr. aus griech. ψυχη (psychḗ, „Seele“) und griech. δῆλος (dẽlos, „offenbar“)) basiert auf einem ca. 1956 erstmals formulierten Neologismus des britischen Psychiaters Humphry Osmond und des Schriftstellers Aldous Huxley als Wortschöpfung für eine neue Art von Drogenwirkung auf die Seele“, lässt uns die Weisheitsstation Wikipedia wissen, und „die eigentliche systematische Erforschung psychotroper Stimulantien [begann] mit der Entwicklung des Lysergsäurediethylamids, dem LSD, durch den Schweizer Chemiker Albert Hofmann. Hofmann, der das neue Reagenz im Eigenversuch testete, berichtete von „unerhörten Farben- und Formenspielen, die hinter den geschlossenen Augen andauerten“ und von „kaleidoskopartig sich verändernden bunten phantastischen Gebilden in sich öffnend und wieder schließenden Kreisen und Spiralen [...]“ - guuuht....gurren wir da, denn nun sind schon die Grundbausteine des Begriffs gelegt ??? Aber wir assoziieren eigentlich mit psychodelisch Flowerpower, Paisleymuster, die abgedrehten Gesänge und Riffs der frühen Siebziger, 'coming to take me a.w.aaayyyyhhhhhh...'.

Also mehr Musik als Kunst, mehr Spaß am Nebensichstehen, Lust auf Nirwana, Pilzgekicher und soziale Abstinenz vom Ehe- oder Kleingruppen-Dialog zugunsten meditativer Isolation und der Selbsttranszendierung in umfassendere Imaginationswelten. Als Kunststil sieht sich die psychodelische Kunst schon quasi in den Urgründen des Begriffs dadurch behindert, dass sie mit geschlossenen Augen entsteht. Bei Projekten, in denen Künstler unter Drogeneinfluss Werke erstellen sollten, sah man sich somit einem ziemlich unlösbaren Konflikt zwischen gezielter Deformation der Bewusstheit, bewusstem Einsatz handwerklicher Fähigkeiten und dem Wissen über ästhetische Erwartungshaltungen ausgesetzt. Und warum sollte es interessant sein, Werke zu erstellen, die lediglich den physischen Druck auf geschlossene Augen unter Laborlichtbedingungen wiedergeben – vergleichbar einem Rückkopplungseffekt? Zumal es verlaufende Farbfelder und visuelle Bewegungseffekte in der Colourfield- und Op Art ja bereits längst gab (Rothko, Frankenthaler, Riley et al.)

Als Kunst mit Werkanspruch hat sich Pychodelisches entsprechend nicht durchgesetzt und diesen Anspruch auch nicht gepflegt. Postexistenzialistischen LSD-Autisten lag die Produktion bunter Bildchen mit dem Ziel des Verkaufs einfach denkbar fern. Aber.....pchodelische Kunst ist dennoch eine Art Avantgarde der Mall-Art. Behaupte ich. Werde ich im Folgenden beweisen :)

Auch Wikipedia stimmt zu, dass „psychodelisch“ keine eindeutig definierte Stilrichtung bezeichnet.
Unter dem Begriff findet sich eher ein Amalgamat populärer Stilmittel, deren Gemeinsamkeit noch am ehesten die Verfremdung von populärer oder Alltagskultur ist, auch und insbesondere des alltäglichen Kleinbürgerlichen, und zwar verfremdend im Sinne der oberflächlichen, insbesonders soziale Ziele verfolgenden Gegenkultur, die sich mehr oder weniger politisch-inhaltlich und inszenatorisch in Bezug auf den Herstellungsprozess und das soziale Selbstverständnis als 'Szene' im Grenzbereich oder außerhalb der gesetzlichen Grenzen versteht. Der triviale Sachverhalt verdient Erwähnung, dass die Herstellung von psychodelischer Kunst im echten Sinne des Begriffs, also unter Drogeneinfluss, schon durch die Illegalität von LSD- und selbst Haschischkonsum seine Grenzen findet. Um sensationell zu sein, ist ein Bild-unter-Drogeneinfluss stilistisch zu schnell kopiert, also zu unglaubwürdig. Ein Bild (! -konservativen Werkbegriff beachten -!), das aber seinen dokumentarischen Charakter nicht nur nicht glaubwürdig vertreten kann sondern diesen auch noch durch die unpersönliche Note des Grundgedankens, der keine individuelle KünstlerInnenhand erfordert, entwertet, kann Ansprüche auf eine fünf- bis sechsstellige Besonderheit in US-Dollar oder britischen Europounds kaum erheben.





Stattdessen bzw. aus diesem Grund weisen die Werke der psychodelischen Kunst diese mehr als Vorläufer der Postmoderne aus, als Nachfahre des Surrealismus, als Gruppenkunst, die sich extrem kritisch verhält gegenüber dem bürgerlichem Subjektbegriff, dem Qualitäts- und Werkverständnis, ohne die traditionelle Werkform des Bildes systematisch zu hinterfragen und vielmehr durch eine Art überlegte Unbedachtsamkeit und Entwertung – das einer unintellektuellen Religionskultur entstammende, gegenüber dem französisch-existenzialistischen Nichts weitaus einfachere Nirwana lässt grüßen -, somit kunsttheoretisch konservativer als die Happening-Kultur, aber auch häufig nicht als Kunst bzw. jenseits des artstream entwickelt, eben unintellektuell wenn nicht nahezu intellektualitätsfeindlich – Psychodelisches ist mitunter sogar extrem kleinbürgerlich [Darf man hier eine Webseite zitieren? Ich habe ja keine Ahnung ....:)] oder (und-oder) physikalistisch (Mandelbrot usw.).

Die Abgrenzung vom Kleinbürgertum war strenggenommen vor allem durch die Illegalität des Drogenkonsums gegeben, der zumindest traditionell mit dem Begriff der psychodelischen Kunst verbunden war: Happenings in Autolackierwerkstätten, bei denen alle Wagen irgendwie lackiert wurden - jenseits des Bewusstseins gibt es natürlich keinen Besitz und wer sich LSD leisten kann, kann auch eine Neulackierung bezahlen - oder Ketchupbilder auf LSD-Parties, ohne eigene Gestaltungsnormen bzw. ästhetisch konservativ realistisch, tittig wie Fritz the Cat, katholisch, sexistisch, jugendstilistisch etc. - nur die Pille zu nehmen durfte man nicht vergessen :) , also zu rauschgiftfreien Tageszeiten. Psychodelisch war also auch schick, weil irgendwie mit der Kombination von Arbeitslosigkeit und verschwenderischem Reichtum verbunden, einem etwas ehrlicheren Triebziel als die 'rechtschaffende Arbeit' von acht bis acht, wenn auch wieder unintellektueller als das Streben nach geistigen Berufen – dies wiederum ein nicht zu vernachlässigender Aspekt des künstlerischen Erfolges, der eben häufig durch Dozententätigkeit und Professuren erst auf eine solide Basis gestellt wird. In der Musikszene ist das definitiv nicht so, bzw. die E-Musik von der populären Basis vollkommen entfernt, die Hochschulen vorwiegend Klassizitätstradierer und als berufliche Basis marginaler als der Mainstream und seine Subkulturen. Psychodelics – viel eher musikalisch, weil zudem noch alles Elektronische zuzüglich Stimme Handwerkliches vollkommen unscheinbar werden lassen können. Einfach mal so am Synthi drehen geht natürlich auch unter stärkstem Drogeneinfluss. Hingegen der Pinsel vielleicht eher den Fußboden treffen müsste, um überhaupt als LSD-gesteuert glaubwürdig zu sein, wie erwähnt.

Psychodelische Kunst subsumiert somit auch alles, was als Beiwerk musikalischer Kulturen durchgeht und entsteht. Und das ist natürlich, schon ob der möglichen Kommerzialisierung, noch mehr als viel mehr....





Ich assoziiere: Die Ruinen der späten Fünfziger und frühen Sechziger Jahre, als Pille und Kalter Krieg den Westen blühen ließen und die schwingenden Bananenröckchen Kubas antiquiert erschienen gegenüber dem infinitiven Flatterhaar drogenenthemmter Hippieblondinen auf den Feldern von Berkeley (wie alt bin ich – just imagination).
Das Paisleymuster - der schlichten Geometrie des Jahrmarkt-Kaleidoskops enthobene Zufallskonfiguration mit neurorealistisch-physikalischer Theorieoption – ideal als nahezu einziges Icon für den stilistischen Selbsterfindungsanspruch einer psychodelischen Kunst – jedoch eben auch eigentlich stockkonservativ, denn Paisley ist nicht nur Name einer englischen Bischofsstadt sondern auch der Ort, an dem Stoffe mit diesem Muster industriell produziert wurden, nachdem es Königin Victoria, die englische Queen des 19. Jahrhunderts, die konservativste, auf persischem Kaschmir importiert hatte, Ausdruck des britischen Empire und der enthemmten Lust auf monarchische Weltherrschaft und Sklavenausbeutung.

Eine Renaissance – eine Umdeutung ? Eine Ironisierung? - erlebte das Motiv dann im Rahmen der Hippiebewegung. So ließ John Lennon seinen Rolls-Royce Phantom 1967 mit floralen Ornamenten bemalen.1967 – der Summer of Love, in dem die Hippiebewegung ihre Orchideenblüte feierte. Paisley also, viktorianisch und radikalkatholisch, ideal um an der amerikanischen Westküste mit ihrer historischen Basis aus jesuitischen Missionen aus Mexiko und dem weiteren Süden bestehen zu können. Lennon 1967 im individuell lackierten RollsRoyce die Lifestyle-Kultur an die armen Jungs und ihre Mädels in Manchester und Liverpool retournierend, selber reich und akzeptabel geworden als Umdeuter viktorianischer Hofkultur durch eine Erfolgsstory, die dem klassischen Tellerwäscherversprechen des Westens entspricht, die Herren Sir Liverpool, integriert, aber nicht emanzipiert ? Es lohnt sich also nicht anzunehmen, der Westen hätte die hippieske Gegenkultur nicht gewollt. Die gegenkulturellen LSD-Eruptiva sollten und durften die Walls and Margins of Being schleifen, nicht, (natürlich nicht), wie James Mason, vernichten. Im westlichen bzw. im gewollten Sinne hatte die psychodelische Kunst vor allem den Effekt, die Alltagskultur von tradierten Zwängen und falschen Konventionen zu befreien und für alle Arbeit und Freizeit gefälliger und schöner zu machen. Tja.... ist ja toll. ABERrrr: Man kann das dem Versuch, eine psychodelische Kunst als 'nicht definierter Stil' in die Kunstgeschichte einzuführen, durchaus vorwerfen. Denn auffälllig ist gerade, dass die künstlerischen Äußerungen die ästhetischen Normen, die z.B. durch die New York School erreicht worden waren und von deren Künstlern (wie Reinhardt, Newman, Martin, Frankenthaler) auch im Summer of Love gepflegt wurden, nicht erreicht. Stattdessen waren Prinzipien der Collage und Verfremdung üblich, wie sie aus der Collagekunst des Dadaismus und den psychosymbolischen Fantasien der Surrealisten in breiten Kreisen bekannt waren. Wenn Gestaltungen von LSD-Briefmarkenbögen also tatsächlich Linienführungen und Figurationen des Jugendstils (die Präraffaeliten, Ensor und Munch) aufnehmen, dann zumeist vereinfachend und übertreibend, sexuell übersteigernd oder nahezu sinnentstellend bzw. zumindest sinnfern, wie in katholisierenden Motiven aus dem ikonografischen Repertoire des Mittelalters. Der Bezug zur ursprünglichen Funktion oder dem historischen Formgedanken ist in den „psychodelischen“ Stilblüten aufgegeben zugunsten einer bewussten, frechen Popularisierung, die einfach mit Vorhandenem umspringt wie es das momentane Rauschgefühl einem so eingibt. Man bedenke, dass in den tiefkatholischen mexikanischen Haushalten der sechziger Jahre mitunter tatsächlich nahezu antiästhetische ikonografische Radikale (konservativer ausgedrückt, Radikalismen) der Ikonenverehrung herumhingen, deren Wirkung auf die Kinder der Familie als Ursache von epileptischen Anfällen, Traumata oder Schizophrenien vielleicht massiver war als man in Berkeley zu untersuchen bereit war. Was von den LSD-Fantasien übrigblieb und mitteilbar war, ging entsprechend nicht unbedingt über das wirklich Erfahrene hinaus, dessen traumatisierenden Charakter man sich einfach nicht einzugestehen wagte...wie z.B. das Paisley als persisch-viktorianisches Muster, das in diesen Traditionen die neue quasi-organische Ästhetik der Hofstaatlichkeit repräsentierte, später in den Chaos-Theorien von Benoit Mandelbrot noch als onto-physikalisches Fundament (neuro-)physikalischer Strukturen apostrophiert, die barocke Idee einer einheitlichen Ordnung in der Welt tradierte. Was bedeutete Lennons paisleylackierter RollsRoyce 1967, als Berlin gegen den Schah Schlange stand? Nahezu selbstkritisch waren insofern die Gesetzesüberschreitungen, mit denen Paisleywerke in Rauschzuständen mitunter verbunden waren: also z.B. nicht den eigenen Wagen lackieren sondern einfach im Rausch den des Nachbarbonzen. Alles ist Bewusstseinsvision, wieso also Besitz achten?
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