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Gibt es psychedelische Kunst? Wenn ja, was ist sie?



Text von Dr. Ulrike Ritter

Original art work by William Rafti of the William Rafti Institute May be used as long as credit is given to William Rafti
Die schwedischen Neo-Psychedelics Dungen
Private LSD Party in München
Eva & Adele


Die biedermeierlichen Verhübschungen teurer LSD-Bögen – Blotter vom Plotter - stehen dem natürlich entgegen, zeigen zu deutlich, inwiefern der Hippiehimmel auch ein Prohibitionsmarkt war, der kriminelle Hintergrund vor einer auch langweiligen Oberflächenkultur - im Stile des Großen Gatsby war, böse – ein Plagiat? Wo wäre also einmal eine LSD-Party zu echter Kunst geworden, ein psychodelisches Happening? Dass dem kapitalismuskritischen Impuls der Hippiebewegung nicht selbstvergessen Angeberei mit jugendlichen Millionärsallüren entgegensetzte, sondern diesem quasi subjekt- und objektkritisch Rechnung trug? Die Formadaptionen zeigen mitunter sogar eher kritiklose Geschmackssucht, die die zeitgenössische Mallart kennzeichnet: KünstlerIn ist, wer beliebte Stile kopiert und versucht, die eigenen Werke schön zu finden und zu verkaufen, als ob sie Kunst in demselben Sinne wären wie die Werke, die sie mehr oder weniger abmalen. Obwohl diese in ganz anderen Kontexten entstanden sind. Mitunter singulär innovativ waren. Und es viel schwerer hatten. Also, die Eingliederung einer psychodelischen Kunst in den choros ad parnassum ist höchst bedenklich.

Fair suchte ich und fand etwas. „Psychodelische Performance“ führt bei Google zu einer Sendung von East Village Radio über Mathias Gustaffson, den Bassist von Dungen, einer neuen neo-folkloristischen Band. Die Musik mischt in deulicher Anlehnung an Santana Elektrogitarrensounds mit Pseudoflöten aus dem Synth und ordnet insbesondere die Stimme komplett den elektrosynthetischen Klangstrukturen unter, alles wird abgehackt und amelodisch, wieder gegen die fraternisierende Dynamik der Stimme angehend zugunsten von Reminiszenzen an Volksmusik und grobrhythmisierte Tanztakte. Gesang zumeist mehrstimmig und variierend, ebenfalls synthetisiert und wiederum wie frühere Psychodelicbands, insbesondere im Fall der Stimme, wie die Beatles in ihrer späten Phase, Sgt. Pepper oder dem weißen Album oder mitunter auch wie die Stones in manchen Refrains wie bei Dungens „let your love all come down“ oder „open your eyes“ „children have their fun with the blues“, „Let the love in your heart take control“. Bei den Stones sah man dann allerdings die Nächsten „standing in the shadow“, etwas mehr erquickliche Negativität also. Insgesamt einfach ein neues Produkt, ganz süß. Gustaffson besingt die Welt, die so wunderbar ist: Dungen gilt als „band that strives to make music that celebrates the incredible and absolutely wonderful phenomenon of life on Earth“. Ouhps. Wie früher in der Kirche.



Jetzt Visuelles: Auf dieser Mallart Webseite versammelt sich alles, was einem oberflächlich-dekorativen Kunstbegriff frönt und historischen Kanon, einschließlich kanonischer Gegenwartskunst, ablehnt: Tattoo-Kunst, magischer Realismus aus dem Computer und überzogene Surrealismusmotive, Kategorien wie „Pin-up Models, Tattoo Machines, Anime Art, 3D Art, Manga Art, Lowbrow Art, Hot Rod Culture, Art Furniture, Neon Art, Art Furnishings“ usw. Es wäre allerdings falsch, hier vorschnell die Nase zu weit nach oben zu rümpfen. Eigentlich sind diese Kategorisierungen nicht einmal schlecht, fangen sie doch ein, was zur Zeit so im Netz viele KünstlerInnen beschäftigt, die Avatare schmückte oder die Schulbänke, die Zimmer oder WG Küchen, schlimmstenfalls die luxuriösen Häuser von Gustaffson & Co KG. Nur Indisches sieht man nicht mehr, während es den Stil der Sechziger und Siebziger ja, welcher angelsächsischen Genese auch immer, prägte. Vielleicht einfach wegen des Haschisch, der selbstsuggestiven „Droge“. „Drugworks“ gibt es in der Kategorienliste der Onlinegalerie nebenbei nicht, wenn auch „surrealistische Kunst“ und „Pop Art“, sowie Warnungen vor den eventuellen Auswirkungen der Werke auf die Psyche des Betrachters (gähn.... - Jede kleine Riesenspinne, die aus den Gärten in meine Wohnung dringt, macht mir mehr Angst). Dabei frage ich mich, ob Diamanda Gala eigentlich als psychodelische Künstlerin gelten würde? Und der weitere Überblick im Web zeigt mir, dass psychodelische Kunst zum magischen Realismus von Bildwerken herabgesunken ist, dieser jedoch nicht einmal narrativ. Geschweige denn „objektkritisch“. Das Werk ist ein Werk, deshalb muss es auch noch gerahmt werden und benötigt eine kommerzielle Galerie, damit jemand es schön finden und kaufen kann. So versteht auch die Webgalerie die Werke ihrer künstlerischen „Outsider“ und deren „surrealer“- psychodelischen Kunst.

Ja, sie können alle ganz toll malen. Ja schlimm, finde ich, denn so wird das Prädikat „psychodelisch“ schnell zur Effekthascherei und Fehletikettierung als „outsider“-Kunst, selbst wenn man einfach unkritische und bildungslose Geschmacklosigkeit braven Handwerks jenseits des Gedankens pflegt.



Typisch für die Zeiten und Stilmomente der psychodelischen Kunst der Sechziger/Siebziger waren die Vermischungen von neurobiologischen und physikalistischen, sprach- und medienkulturellen Welterklärungen, wie schon angedeutet, mitunter in einem unkritisch-barocken Sinne einer alle Theorien und Wissenschaftsdisziplinen durchdringenden Form: ästhetisch anspruchsvoll eine Paisleytrope, sogar im formalontologischen Sinne; if ever anyone knows its tender touch, die ja wie ein Mandelbrot-Männchen aussieht, das der Naturwissenschaftler Benoit Mandelbrot als Universalform irgendwo fand (Quarks? Sehen so aus? Oder ihre Orbitalschleifen?) - sehr vulgär hingegen die mathematische Menge, sonst so gesichtslos, aber potenziert eben auch eine Art russisches Püppchen in universeller Form, also ein Mandelbrot.
Gut, dass Weihnachten folgt. Ja – wagen wir die These, genau dann, wenn man die Behauptung, ein Paisleymuster sei eine Menge von Punkten, besoldet, kann man von der gefährlichen Durchdringung des Weltbildes einschließlich der Staatsverfassung durch die Theologie und ihre barocken Traditionen sprechen. Selbst in den phänomenalistischen Systemen von Rudolf Carnap etc. wäre ein Paisleymuster eine komplizierte Menge von Mengen, die Hunderte von Entfernungsähnlichkeiten versammelt. Unabhängig davon, dass Carnaps System zwar vielleicht hinreichend differenzierte Mengen hätte, diese aber immer unanschaulich blieben, weshalb z.B. Spracherkennungscomputer nicht über Wahrnehmungsabstraktionen lernen, sondern brutal nominalistisch an vorprogrammierten bzw. von den Programmiersprachen abhängigen Standards - „Mustern“ - und erlaubten Abweichungen orientiert sind. Und Mandelbrots Paisley trumpfte auch als Besonderheit in diesem Rahmen nur auf, weil die Paisleyform Momente der Selbstwiederholung hat, die wiederum als reflexiv und wachsend, Infinitivitäts- oder Identitätsprobleme ergeben
usw. Das Paisley auf jeden Fall, führt weit weniger in ein buddhistisches Nirvana als in die mittelalterliche Scholastik. Einfach mal glauben....

Und was erwähnt wird, wenn man heute an den Summer of Love erinnern möchte, ist auch viel lustiger als Mengentheorie: Marshall McLuhans „Magische Kanäle“, Medientheorie satt also. Gemischt mit dem Paisley-Nirvana darf man auch an Stanislaw Lem denken und andere Science Fiction, die in dieser Zeit aufgrund von technischen Mängeln und Fantasielosigkeiten in der Ausstattung (ein Bügeleisen als Teil der Armatur in Raumschiff Orion etc.) erst zu leben begannen. Die Mondfahrt stand damals ja auch noch an. Eben der kalte Krieg und die Konkurrenz der Kulturen in Sachen, Schönheit, Freiheit und Abenteuer. Also. Lems Robotermärchen, mehr psychodelische als surreale Raumwelten WEIL: nicht psychoanalytisch.
Das psychodelische Unbewusste verliert nur den Subjektbegriff, wandert aber nicht in sexuelle Wunschwelten ab, denen es lediglich kleine Paisleyschleier der Verschiebung und Verdrängung anheften würde. Der/Die psychodelisch Unbewusste verliert den asexuellen Körper einfach an den Umgebungsraum: den Kopf an das indische Nichts, den Körper teils an die Mandelbrotmengen und die elektromagnetischen Strahlungswelten von Nasa und CIA, teils an die Netzwelten des CERN in der neutralen Schweiz :), Franzosen vielleicht sogar noch an den symbolischen Tausch mit der Komintern....manche auch an gentechnische Laborate, man denke an Woody und so weiter. Unter LSD Einfluss also gibt es eigentlich keine Körper, auf jeden Fall nichts erdgebunden Engumgrenztes, daher auch die besonders freien Schwingungen der Liebe, die Verklärungseffekte verchromter Ausbuchtungen und weich gummierter Höhlengänge riesiger Raumschiffe.....was Hollywood und Werbung sich zunutze machen konnten, vom Blotter zum Plotter...



Die Oberfläche, auf die reduziert sich das Alltagssubjekt so wiederfindet, ein rettendes Surfbrett der ins asexuelle entgrenzten körperlichen Verbundenheit bzw. „Liebe“, woran man heute im Rahmen der Modernen Kunst wieder erinnert – immerhin, da physikalistisch-aeronautisch fundiert, nicht nur christlicher Kaffeesatz:

„This is the Facebook group for Patrick Lichty's performance/installation at the Chicago Museum of Contemporary Art's Here/Not There summer series. Starting in July, we will have the Summer of Love 2.0 - an e-Happening based occurring on the 42nd anniversary of the Summer of Love in San Francisco. Have we created through Social Media a "New Togetherness", realized McLuhan's Global Village, if Open Source/Free Libre is another form of Free Love, made a trans-panoptic state, or created a Sartean hell. Is our new togetherness a new form of "Free Love"?“

„Art der Privatsphäre: Offen: Alle Inhalte sind öffentlich zugänglich.“
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