Bildende Künstler

Rainer Apfelbaum



Text von Dr. Ulrike Ritter

Ritter: Ist Farbe ein Werkzeug in deiner Sicht?

Apfelbaum: Nein, eigentlich nicht. Die Farbe kann zum Werkzeug werden. Die Farbe kann zum Werkzeug werden, wenn man jetzt einmal den Schraubenschlüssel nimmt als Beispiel, um sich selber aufzuschließen. Die Farbe soll den Menschen aufschließen.

Ritter: Also mental.

Apfelbaum: Mental, genau.



Ritter: Der Schraubenschlüssel mit dem Klebeband...seit wann verwendest du das?

Apfelbaum: Seit zehn Jahren etwa.

Ritter: Wir hatten ja schon bei der Krapplack-Ausstellung im Höhmannhaus darüber gesprochen, dass das Rot auch mit Blut assoziiert werden kann. Jetzt noch dieses "Vorsicht zerbrechlich", Werkzeugcharakter etc... Du arbeitest als was, seit wann...?

Apfelbaum: Soll ich das jetzt wirklich beantworten?

Ritter: Ja, klar. Und hast du damit angefangen, bevor du mit dem Klebeband angefangen hast?

Apfelbaum: Oh ha! Ungefähr gleichzeitig.

Ritter: Ja, also das hat eben so Unfallassoziationen. "Vorsicht zerbrechlich". Werkzeug, der Schraubenschlüssel erinnert so etwas an den Unterarmknochen...

Apfelbaum: Ja. Katastrophen...

Ritter: Und ich meine, du arbeitest jetzt zwar nicht als Kranken-, sondern als Altenpfleger, aber gibt es da vielleicht irgendwelche Beziehungen, Assoziationen, die vielleicht unbewusst sind?

Apfelbaum: Ich würde fast sagen, das wird zu illustrativ.

Ritter: Ja, aber z.B. bei deinem Werk aus Aluminiumstangen, das das H2 erworben hat, die hast du doch durchaus sozial interpretiert.

Apfelbaum: Ja, aber auf das Altersheim würde ich es nicht beziehen.

Ritter: Ja, ich meine jetzt auch nicht direkt intentional, die alten Menschen, "sind so kleine Hände"... man könnte das ja auch ganz anders sehen, mehr so in Richtung Mordlust...

Apfelbaum: Mordlust? Nein, das würde ich nicht so sehen... Da würde ich fast die Kurve schlagen und würde sagen...

Ritter: Schnell weg davon...

Apfelbaum: Auch weg davon, das auch, aber für mich ist es auch ein ganz normales Wandobjekt.

Ritter: Ja, aber wir bleiben jetzt einmal dabei, die Gefahr einschließend, platt zu werden, denn in deiner Kunst fällt das ja auch überhaupt nicht auf, und du bist ja auch nicht Notarzt.

Apfelbaum: Nein... - manchmal schon.

Ritter: Vielleicht ist es eine Art unheiliger Zufall, dass du nebenbei auch als Mitunter-Notarzt tätig bist, insofern man denken könnte, das ist nur eine Art Verarbeitung...

Apfelbaum: Das ist zu illustrativ. Unheiliger Zufall?

Ritter: Ja, insofern du zufällig eine Nebentätigkeit hast, die nahelegt, deine Kunst in diese Richtung, als Verarbeitung, erscheinen zu lassen, die aber weder inhaltlich noch psychologisch trifft. Ich meine, schau dort (zeigt auf einen umwickelten Stuhl im Atelier) haben wir eine Sicherheitsweste - die Ausnahmesituation Notarzt ist schon präsent

Apfelbaum: Ja...

Ritter: Vielleicht kann man es ja auch umdrehen, dich als Notarzt der Kunst bzw. in der Kunst aufzufassen.

Apfelbaum: Genau.

Ritter: Mit der Renitenz z.B. gegenüber kritischen Stimmen, die doch bestimmt schon aufgebracht worden sind, weil du nicht zeichnest, dass deine Kunst zu modern ist... Hat sich in den Ausstellungen schon einmal jemand 'beschwert'?

Apfelbaum: Beschwert hat sich noch keiner, aber es ist natürlich zu modern. Das ist immer so eine Frage - Augsburg oder nicht
Augsburg - schon bei normalen abstrakten Bildern kommt dann die Frage "das soll also Kunst sein - Fragezeichen" Aber das Schöne ist
eigentlich, - jetzt kommen wir wieder zum Beruf -, dass man sich damit die existenzielle Basis schafft, um wirklich ganz frei zu arbeiten. Da kann es dann auch egal sein, ob jemand sagt, der zeichnet nicht, oder nicht....man muss keine Verkaufskompromisse machen, darüber nachdenken, ob man sie überhaupt verkaufen könnte.

Ritter: Es gibt ja manche Sachen, wie z.B. die englische Kunstmesse Frieze, die in den letzten Jahren sehr 'aufgepoppt' hat, die eigentlich eine primär am Verkauf orientierte Messe sein müsste. Andererseits hat man dort schon Aktionen gemacht, wie ein isländisches Kunstcafé komplett nachzubauen, um darauf aufmerksam zu machen, wie Kunst und Kultur eingeschränkt werden - das war natürlich nicht am Verkauf orientiert.
Hast du eigentlich einen Galeristen?

Apfelbaum: Nein. Vorher schon, für die Bilder, die abstrakten. Aber als ich mit den Rechtecken am Boden angekommen bin, hieß es gleich, das könne man nicht verkaufen. Ist aber schon länger her.

Ritter: Also doch.

Apfelbaum: Obwohl man das schon verkaufen könnte.



Ritter: In Russland bzw. Moskau gab es auch zig Galerien, die sich solcher Gegenwartskunst angenommen haben und sich die Situation selber zurechtgerückt haben. Und, wie schon besprochen, deine Installationen können ja auch als komplette Objekte verstanden und verpflanzt werden. Aber bis auf den Ankauf durch das H2 - Museum für Gegenwartskunst in Augsburg gab es noch nichts, die anderen stehen noch vor der Tür?

Apfelbaum: Genau, sie stehen vor der Türe.

Ritter: Hast du darüber nachgedacht, den ganz großen Erfolg mal in einer anderen Stadt zu versuchen? Du könntest ja auch im Prinzip hier bleiben, aber dich über eine Galerie in Berlin oder London vertreten lassen...

Apfelbaum: Nein, da würde ich nichts sagen, wenn einer käme.

Ritter: Also, im Prinzip bist du ja erfolgreich. Durch die Ankäufe durch die Augsburger Kunstsammlungen und Museen in
Augsburg gehörst du ja quasi zur Oberschicht der Kunst, du beteiligst dich an vielen Projekten und Ausstellungen.

Apfelbaum: Ja, obwohl ich auch an einigen Projekten nicht teilnehme, ich brauche schon viel weißen Raum für meine eigenen Sachen.Und so eine Art Zweitatelier in Berlin wäre schon ganz gut...

Ritter: Was würdest du dadurch gewinnen, was fehlt?

Apfelbaum: Was fehlt - der Schwung der Begeisterung. Obwohl ich glaube, dass Berlin eigentlich auch eine knallharte Stadt ist. So
ähnlich wie Augsburg. Aber nach einer Weile kennt man natürlich alles.

Ritter: Bayerischer Eigenbrötler?

Apfelbaum: Aus dem Allgäu.

Ritter: Das Allgäu... ist irgendwie grob.

Apfelbaum: Aber auch ironisch und romantisch.

Ritter: Das sind also die Anfangsgründe. Ein Junge aus dem Allgäu, der sich um eine Ausbildung als Grafikdesigner bewerben will. Du hast eine Mappe....

Apfelbaum: Ja, jetzt muss man die Kurve kriegen. Erstens war man da schon Fan, nicht unbedingt vom normalen Design aber vom Blauen
Reiter. Komischerweise passt das vielleicht mit Allgäu und Beuys, mit dem man im Studium ganz schnell angefangen hat. Durch den Naturbezug als Kind ist das vielleicht ganz spannend, wodurch man automatisch eine Art Beuysbezug hatte, bsw. zur Zinkbadewanne. Das war ein ganz toller Bezug. Natürlich muss man an diesen Fachhochschulen genau zeichnen und malen, das ist ja das Schlimme daran, das artet dann in eine Art Abwertung aus. Aber die Kurve zu Beuys-artiger Kunst hat es ganz schnell gegeben, wobei es auch autodidaktisch weiterging, die amerikanischen Abstrakten , Franz Kline z.B., aber auch die Rechtecksform war da schon drin... abstrakte Malerei, hätte man als Student auch machen können mit roter Farbe.

Ritter: Was hat es genau mit der Zinkbadewanne auf sich? Als Naturbezug?

Apfelbaum: Nein, als Kindheitsbezug, das gab es als Kinderbadewanne. Nicht nur idyllisch.

Ritter: Ah okay, ich hatte mehr an Kuhtränken gedacht...

Apfelbaum: Gab es auch. Schon als ästhetischer Bezug. Oder auch die Naturumgebung. Das Grafikdesign dagegen war eher zu perfekt und glatt. Man sagt immer, die Beuys-Ästhetik ist schrecklich, aber es ist natürlich auch klasse, wenn man so einen arte povera Haufen hat - das ist ästhetisch auch positiv.

Ritter: Ja hm, arte povera... irgendwie nennt man das hier immer so. Kommt das von dem Beuys-Meisterschüler?

Apfelbaum: Ne, würde ich nicht sagen. Ich fand nur diese ganze Beuys-Zeit - man kann es nicht so bezeichnen - die ganze Zeit in der alle nur Installationen gemacht haben oder Objekte oder Sachen mit Fett. Das fand ich viel spannender. Insofern steht man jetzt auch
etwas auf verlorenem Posten, wenn jetzt nur noch die Malerei interessiert.
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