Bildende Künstler

Rainer Apfelbaum



Text von Dr. Ulrike Ritter

Ritter: Es gibt eine professionelle Entwicklung in deinem Kunstwerk, du hast ein Werk entwickelt, das du auf dem Kunstmarkt
präsentieren könntest. Welche Stellung nimmt dein Brotberuf ein, - würdest du ihn quasi wegwerfen, wenn du von deiner Kunst leben
könntest?

Apfelbaum: "Wegwerfen" würde ich gar nicht sagen, weil es doch eine spannende Lebenserfahrung ist. Aber ich würde ihn doch
wegwerfen.



Ritter: So unüblich ist es ja auch gar nicht, dass man mehrere Berufe hat, den einen will man unbedingt behalten, den anderen 'wirft
man weg'...

Apfelbaum: Bei mir kam noch hinzu, dass es mich vor dem Grafikdesign so gegraust hat, dass ich mir diese Berufsmischung nicht vorstellen kann.

Ritter: Das habe ich mich nicht zu fragen getraut, ob du dir vorstellen kannst, so zu arbeiten...

Apfelbaum: Strenges Kopfschütteln. Ich habe auch schon ähnliche Berufe ausprobiert wie Theater, ein Theaterpraktikum - Bühnenbild - aber doch ziemlich flott die Flucht eingeschlagen - also, nur Kunst und keine andere Form.

Ritter: Wie würdest du beschreiben, welches Gefühl dich dabei überfällt, warum das nicht funktioniert?

Apfelbaum: Nicht funktioniert? Weil es einfach furchtbar ist. Da gibt es keine andere Antwort.

Ritter: Okay, sehr schön. Dann muss ich mal auf meine Zettel schauen...

Apfelbaum: Jetzt kommt die Musik dran!

Ritter: Ja, erzähl mal einfach von dir und der Musik.

Apfelbaum: Ja, Musik - da ist man erst einmal Schüler und probiert aus. Das sind zwei verschiedene Wege, bei der Kunst ist man mit dem Verdichten und Minimalisieren beschäftigt. Musik ist etwas, wo man viel, viel, viel dazulernen muss. Da ist gerade sogenannte
Jazzmusik eine ganz fantastische Sache. Aber leider mit ganz viel Studierenmüssen verbunden, Tonleitern usw... Das ist wirklich so, als ob man historisch-akademisch zeichnen lernen müsste...

Ritter: Ja, gerade beim Saxophonspielen bekommt man ja ohne solide gelerntes Handwerk keinen klaren Ton heraus.

Apfelbaum: Genau so ist es. Und da gibt es eben auch tolle Sachen wie Anthony Braxton und Free Jazz, das ist eine super spannende Sache.

Ritter: Ja, extrem viel Ästhetik für einen Allgäuer...

Apfelbaum: Für einen Allgäuer...

Ritter: Jetzt stelle ich noch ein paar lustige Fragen: Griechische Mythologie Welche ist deine Liebungsfigur? Mit welcher Figur
würdest du dich identifizieren?

Apfelbaum: [Schweigen]

Ritter: Wärst du lieber Zeus, Aphrodite, Paris....?

Apfelbaum: Ohhhh...takkato, takkato... also, oh je oh je, gibt es da keine Philosophen, Herakleitos...

Ritter: Ja, okay! Heraklit ist okay. Ist zwar keine mythische Figur, aber das passt ja auch ganz gut. Wegen welches Spruches nämlich, welcher Grundidee? Woher kennt man Heraklit?

Apfelbaum: Grundidee: Alles fließt.

Ritter: Ja genau. Das passt ja perfekt. Jetzt noch eine Frage zur roten Farbe (der flüssigen Farbe): Gab es da ein initiales Moment?

Apfelbaum: Ja, die russischen Vorbilder, also Blauer Reiter usw. Die hatten oftmals diese dunklen Farben: dunkles Rot, dunkles Blau, dunkles Orange-Gelb, die fand ich farblich immer sehr, sehr packend, und
davon Dunkelrot am meisten.

Ritter: Hast du schon einmal darüber nachgedacht, von dem Rot vollkommen wegzukommen und etwas ganz anderes zu machen?
Wäre das möglich?

Apfelbaum: Fragen komischerweise viele Leute, wäre aber ziemlich unmöglich.

Ritter: Okay.

Apfelbaum: Jedoch viel mehr Dunkelrot!

Ritter: Okay. Würdest du dich selbst als fundamentalistisch bezeichnen, nicht religiös, aber in dem Sinne, dass, wenn dich
etwas interessiert, es auch diese und jene Eigenschaften haben muss.

Apfelbaum: Das ist schon fundamentalistisch. Vielleicht kann man sagen, dass es da um Ernsthaftigkeit geht und Pomp oder Leichtigkeit, um Schwere und Dunkelheit...

Ritter: Ja, da kommen wir ja doch wieder ins Allgäu!

Apfelbaum: Kommen wir wieder ins Allgäu.

Ritter: Da entsteht dann schon etwas Substanzielles durch kontinuierliche Beschäftigung - mehr als zehn Jahre? In der Bewerbungsmappe war aber noch kein Rot?

Apfelbaum: Leider nicht. Aquarelle.

Ritter: Aquarelle. Ja toll. Schön. Das ist ja gar nicht so fern von der abstrakten Malerei... oder würdest du sagen, es gibt da eine riesige Kluft.

Apfelbaum: Es gibt keine Kluft. Draußen, man sieht es leider von hier aus nicht, unter einem Baum, ein junger Apfelbaum, davor ist eine orangefarbene Bauholzscheibe, wie ein Aquarell, passt in die Natur und alles.

Ritter: Ah ja! Gut, dann haben wir das Thema jetzt komplett abgeschlossen, mit der Farbe Rot und der Zinkbadewanne.

Apfelbaum: dem Werkzeug.

Ritter: Den Rest macht dann ein neuer Hitchcock

Apfelbaum: mh...
Können wir noch etwas zur Romantik machen?

Ritter: Ja okay, sag alles, was dir zur Romantik einfällt.

Apfelbaum:
Ja, zur Romantik gehört, wie z.B. in der letzten Ausstellung im Höhmannhaus, Waiblinger, also quasi romantische Typen; allerdings auch Lebenssituationen, wo ist die Kultur, wenn die Künstler da sind? Dafür ist Waiblinger ein Beispiel, weil die Kultur
damals nicht da war. Es gab eine lustige Story mit Möricke, der auch einen Zeitberuf ergriffen hat, Pfarrer geworden ist, mit den
fatalen Folgen, dass unser Waiblinger schnell untergegangen ist, während Möricke eben nicht untergegangen ist.
Aber man will ja jetzt romantisch werden, wo wir schon beim Allgäu sind, nehmen wir also als Vorbild Hermann Hesse noch dazu, den Künstler als Steppenwolf. Wo ja solche Inhaltlichkeiten am Rande auch eingeflossen sind in die Ausstellung im Höhmannhaus. Auch dort war das Schwierige, wie so etwas gut in die Ausstellung einfließen kann. Im Höhmannhaus war eigentlich nur ein kleines, rotes Buch mit dabei. Aber bitte - das war auch klasse, es gab Leute, die sich hingesetzt und darin herumgelesen haben.



Solche Situationen sind fast immer am wichtigsten. Etwas ganz Abstraktes - der Farbpigmenthaufen am Fußboden oder im
Kontrast dazu das Farbklebeband, das so rot leuchtet. Da haben wir die Romantik schon.

Ritter: Das Dreieck aus Farbpigment spielte doch auch an auf die Augsburger Stadtkarte und einen Ort, wo Bäume für die
Straßenbahn gefällt wurden?

Apfelbaum: Ja, die Amberger Wiesen, wo die Straßenbahn gebaut worden ist, wobei das keine Allee war, sondern als Dreiecksform angelegt worden ist. Und als Grundform oder als Form auf dem Fußboden nicht ganz uninteressant ausgeschaut hat. Gleichzeitig hat man den Bezug zur Stadt, man kann sich etwas dabei vorstellen. Wie auch beim Textilmuseum, das sich stolz als Industriemuseum darstellt, obwohl 80-90 Prozent der Industriebauten drumherum abgerissen worden sind. Da ist dann Schluss mit Romantik.
Jetzt können wir aufhören - "Schluss mit Romantik".

Ritter: Na ja, ich muss sagen, dass ich zu diesem Thema tatsächlich keine Fragen vorbereitet habe - vielleicht weil die Bezüge zur Romantik, zu ihrer Literatur oder Kultur, in deinem Werk nicht so augenfällig sind. Die Referenzen in deinem Werk sind also romantisch, weil man sie kaum sieht? Sie sind da, aber für das Zuschauerauge liegen sie eher etwas verloren herum?

Apfelbaum: Ja, das war in der Ausstellung ganz toll: je länger man herumschaut, desto mehr Bezüge gibt es dann doch; genauso wie hier im Atelier, wo scheinbar nur Stangen herumliegen, aber dann
gibt es doch bedruckte Geldscheine oder Einkaufsgutscheine, die das lebendig machen.

Ritter: Das Romantische ist ja, dass es für das Auge fast verloren ist. Du arbeitest nicht daran, die literarische Romantik oder die
Landschaftlichkeit in deinem Werk sichtbar zu machen.

Apfelbaum: Nein, würde ich nicht so sagen. Das würde dann zu romantisch. Die Unromantik ist ja auch mit dabei.
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