Bildende Künstler

She is a superdot. Genie und Wahnsinn in der Kunst – am Beispiel von Yayoi Kusama



Text von Ulrike Ritter

Ein Punkt ist mehr als nichts und weniger als eine Kugel. Darin liegt ein lustiges Problem, denn Punkt und Kugel können ja winzig klein sein – sie können auch unendlich groß sein. Alles, was wir als Punkt sehen, könnte auch eine Kugel sein. Dann kommt noch die Überlegung hinzu, was für eine Kugel. Ob man sie sieht, und als was oder von wo.

Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama, geboren 1929, ist nun in hohem Alter mit Punkten und Kugeln in eine weltweite Popularität geplatzt, die jede Assoziation von ihrer Kunst mit einer riesigen Seifenblase definitiv untersagt.

Im Haus der Kunst in München endete am 06. Mai eine international beachtete Installations-Ausstellung ihrer Polka Dots, die wohl jeden Besucher von der Notwendigkeit, sich endlich mit dieser spannenden Künstlerin zu beschäftigen, überzeugte.

"Die weißen Pinselstriche, die gleich einem Netz das Bild bedecken, umranden dunkle Löcher eines geräuschlosen Todes, vorm Hintergrund des Nichts."

So erklärte Yayoi Kusama ihre Kunst in den Sechzigern, als sie den Sprung aus Japan nach New York geschafft hatte und sehr erfolgreich in den Galerien von Manhattan ausstellte. Ihre Werke der Sechziger, so groß wie Galeriewände, zeigten, vergleichbar denen der Minimal Art, gleichförmige Netze. Innerhalb kurzer Zeit und aufmerksam beobachtet von der Kunstkritik entwickelte Kusama ihre Wandgemälde weiter zu raumfüllenden Installationen, in denen sukzessive auch die "Polka Dots" sichtbar wurden, deren Entwicklung und Ausformung in der Kunst und zur Kunst sie sich dann systematisch für den Rest ihres Lebens verschrieb und noch verschrieben sieht. Auch phallische kleine Sackformen verwendete sie, bewusst auf Körperformen und deren symbolische Etikettierungen bezugnehmend.

In den Sechzigern wurde sie nicht als Kritikerin einer symbolischen Diskursordnung interpretiert. Ihre Aktionen und Performances brachten ihr zwar die Popularität des Skandals, aber keine künstlerische Anerkennung. Das Bemalen von frei herumlaufenden Hippies mit Dots beim ersten europäischen Körperfestival 1967 oder die illegitime Auffüllung einer Parkzone auf der Biennale in Venedig 1966 mit Polka Dot Kugeln, die sie auch noch zum Superschnäppchen-Preis von 1200 Lire (in etwa 75 ct) den Besucherinnen und Besuchern anbot, führten erst einmal dazu, dass ihre Sponsoren absprangen und sich finanzstarke Gönner von ihr abwandten. 1974, in einer Zeit, als allgemein der Kunstmarkt in den USA auf seiner starken Vergangenheit der Nachkriegszeit ruhte und in Europa Diskurstheorien, System- und Rationalitätskritik (in Deutschland insbesondere nach der documenta 1972) die Kunst neu ins Rollen brachten, zog sie sich, nicht mehr erfolgreich oder populär, nach Japan zurück.

War das wirklich Resignation? Tatsächlich bezog sie zwölf freundliche Quadratmeter in einer psychiatrischen Klinik in Tokyo – ihr Universum aus Punkten war – wen sollte es wundern – immer mal wieder von Psychologen, Freunden oder auch von ihr selbst als "psychiatrisch" beurteilt worden. Aber meinte sie wirklich "psychisch krank"? Oder eher "der Psychiatrie würdig"? In den psychodelischen Zeiten der 70er, als man eigentlich nur noch um die besten Halluzinationen konkurrierte, mit welchen Mitteln auch immer erreicht, hatte so eine "offizielle Zulassung" zum Bereich der halluzinativ besonders Begabten ein anderes Image. Entsprechend arbeitete Kusama auch systematisch an den Motiven ihrer Kunst weiter, insbesondere auch an den Polka Dots. Außerdem schrieb sie Romane, die ebenfalls die halluzinogenen Phantasien Kusamas entfalteten.
Japan ließ sich auf die Künstlerin mit ordentlicher akademischer Ausbildung, viel Publicity im New Yorker Kunstzentrum und dem Markenstempel der NUL Ausstelllung im Amsterdamer Stedelijk Museum ein. Für ihr Buch "The Hustlers Grotto of Christopher Street" erhält sie 1983 einen japanischen Literaturpreis. 1998 repräsentierte sie dann ihr Land auf der Biennale in Venedig – diesmal offiziell – und wurde auch vom New Yorker MoMa wiederentdeckt. Es folgten zahlreiche Ausstellungen in aller Welt. Nach "Berlin-Tokyo/Tokyo-Berlin" in der Neuen Nationalgalerie in Berlin 2006 zeigte das Haus der Kunst in München eine gewaltige Rauminstallation, "Dots obsession", Finissage soeben am 06. Mai 2007. Imposant inszeniert und installiert, im ordentlichen, institutionellen Rahmen, die Künstlerin durch das relativ hohe Alter von 78 Jahren – bei ihrer Wiederentdeckung 1998 erst 69 Jahre alt – gebremst. Sie spricht nun von ihrer "Polka Dot" Obsession und Kunst als Therapie. Wie alle KünstlerInnen möchte sie sich nicht einordnen lassen. Steht sie – als Person – für die Irrationalität der Kunst und das Unbegreifbare des Individuellen?



Dann könnte man fast sagen, gegen die Tendenzen ihrer Werke, wie z.B. "Guidepost to the New Space", eine Land-Art Installation, die auf dem 12. Festival FINA World Championships in Melbourne 2007 gezeigt wurde – Fotos finden sich auf der Homepage www.yayoi-kusama.jp. Rotweiße Formungen, wie zu außerirdischen Riesenwürmern gebogen, liegen da in der Landschaft vor Wolkenkratzern, als wollte Kusama die dort Tätigen schon einmal darauf hinweisen, dass die Welt aus dem All betrachtet nur eine Kugel ist, wir also, in überhöhten High Tech Türmen nach den Sternen greifend, den rotweißen Spacewürmern ähnlicher sind als es den Anschein hat? Das wäre ein ganz rationaler Perspektivwechsel: So wichtig das All in der Forschung und für Zukunftstechnologien ist, so selten ist uns der Blick daraus auf uns vergönnt. Man braucht einige Millionen oder ein engagiertes Vorstellungsvermögen, wie Kusama, deren Kunst zu interpretieren in nicht mehr allzu ferner Zeit ihr ebenfalls aus den Händen geraten wird – wie die eine oder andere harmlose Kugel in den Sechzigern – und den millionenschweren Sammlern überlassen bleibt.





Die Japaner sind keine Christen. Der Blick auf das "Alles" der Welt ist insofern in dieser Kultur nicht als "Gottesperspektive" irgendetwas Besonderes. Geht man nicht ganz soweit hinaus aus der Welt wie Kusama, sondern schaut sich einfach mal in der Umgebung um, stellt man – atheistisch und panpsychistisch – fest, dass sowieso überall nur Punkte sind. Man kann in kürzester Zeit mehr als 36 kunstwürdige Punktmotive finden.

Und die berühmtesten Sonnenblumen der Kunst sind, so erinnert man sich unter Berücksichtigung des strahlend gelben oder zerstoben weißen Löwenzahns, ja auch rund! Bei Van Gogh, dem absoluten Liebling der Japaner, sind sie noch einmal doppelt so rund, doppelt so gepunktet wie in den Augen einer einfachen Digitalkamera, nahezu infinitiv gedottet. Kusamas vielleicht unbewusstes Vorbild müsste somit nicht einmal die Fluxus-Bewegung, die serielle und psychodelische Kunst der 60er und 70er der USA sein sondern vielmehr Van Gogh – einer der wenigen Künstler, der sein Werk trotz psychotischer Züge des Künstlers und mangelnder Anerkennung in seiner Zeit der Verurteilung als "Art brut"1 entzog und stattdessen zumindest in der Geschichte als Genie reüssierte.



In der Münchner Ausstellung war Kusama auf einem Videobildschirm in schwingender Höhe zwischen ihren Polka Dot Raumkugeln zu sehen, wie sie auf Japanisch Erläuterungen gab. Eine göttliche Figur im phantastischen Universum. So löst sich mit ihr der Geniekult in einzigartig selbstironischer Form ein: Das Genie inszeniert sich nicht durch einen griechischen oder christlichen Gott sondern als autonome, gottähnliche Figur in der vermeintlichen räumlichen Lage eines Monotheos. So hat Kusama mit ihren gepunkteten Universen nicht nur Ähnlichkeit mit Van Gogh sondern vielleicht auch – man schaut auf ihre runden Augen und ihre pinkfarbene Perücke, ihre lustige Überzeugtheit – gewisse Ähnlichkeit mit Woody Allen?
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