Bildende Künstler

Speed up, Impressionists!



Text von Ulrike Ritter



Impressionistische Franzosen aus New York in Berlin &
der neue kalifornische Impressionismus im World Wide Web.


Impressionisten im Beschleunigungsflug? Oder nur fliegende Figuren, von einem Impressionisten entworfen? Ist es moderne Kunst, wieder revolutionärer Impressionismus?

Solche Bilder zumindest sieht man, wenn man heute einen Blick auf die Welt wirft, so wie sie ist. Zum Beispiel in den immensen Video-Sammlungen von Gamer Girl, einem Mitglied von UBER (gleichnamige amerikanische Website mit Verlinkungsverbot). Der Blick in die natürliche Unterhaltungswelt der modernen Elektronik, in die Clubs und Art Event Exhibitions von LA- ist das nicht ohne jeden Zusammenhang zu unserem eigentlichen Thema- dem Impressionismus?

"Die schönsten Franzosen kommen aus New York". (Also geht es um Sex oder irgendwelche Trans-Aktionen?) Oh nein. Wer könnte das denken. Der Ausstellungstitel war schließlich sogar schon in der Tagesschau. Tatsache ist: Die Neue Nationalgalerie hat sich aus den Beständen des Metropolitan Museum of Modern Art Impressionisten geliehen, die für die Zeit der Renovierung des amerikanischen Hauses eine neue Unterkunft suchten. Um den Besucheransturm in Berlin zu managen, wurde sogar ein neues Kartensystem eingeführt. Amerikanische Kunst in der deutschen Hauptstadt, ein umweltfreundliches, spritsparendes Unternehmen, das Kunst statt Airmiles fördert.

Warum werden schätzungsweise eine halbe Million BesucherInnen die Ausstellung sehen wollen? Den Impressionismus lieben eben heute alle. Er ist ein glänzendes Beispiel für die Veränderung der Wahrnehmung durch Erfahrung. Ein Blick auf den Ursprung des Impressionismus, der heute wohl gängigsten, allgemein beliebtesten Kunst, zeigt dessen Nähe zu unserem Wahrnehmungsalltag.

In der ersten großen Ausstellung der Impressionisten 1874 urteilte ein Kritiker über Monet: "Er malt, indem er seine Farben in ein Gewehr lädt und auf die Leinwand schießt." (Zitiert nach Wikipedia, Artikel über Paul Cézanne)

Wir würden heute sagen (und die Futuristen und Elektrotechniker waren vielleicht schon früher dieser Ansicht), dass dieser Kritiker kongenial war. Denn der Impressionismus revolutionierte die Kunst durch eine malerische Technik, die erstmals die Realität des Sehens erfassen wollte:
punktuell, informationell, aus Lichtelementen zusammengesetzt. Der Glühbirnen-Blick dieser neuen Malerei lässt sich tatsächlich als eine Art Umkehrung (und Vorwegnahme!) der Brown'schen Röhre bezeichnen: Lichtwellen/-teilchen beschießen die neuronalen Netze des Auges und bauen sich darin Zelle für Zelle auf. Besser als die ersten Impressionisten hätte man also 1880 wirklich nicht für das Fernsehen schwärmen können.

Werfen wir einen Vorab-Blick auf die Ausstellung in Berlin: Welche Franzosen und Französinnen sind denn die Schönsten? Die roten Barbaras von Renoir, aber auch Ingres, Corot, Courbet, Puvis de Chavannes, Manet, Degas, Pissarro, Monet, van Gogh, Cézanne und Gauguin,schließlich sogar Französinnen nicht als Bildgegenstand sondern als Malerinnen, wie Marie-Denise Villers und die berühmte Berthe Morisot. Man weiß u.a. durch die Portraits von der Hand ihres Freundes Manet, dass Morisot den Sinneseindrücken hold war. Villers wird im Rahmen einer historischen Kontextualisierung in der Ausstellung präsentiert: Der Impressionismus zeigt sich eingebunden in die Malerei der Romantik und deren Umgang mit dem Licht, kontrastiert durch die akademische Malerei seiner Zeit. Orientalismus, Freilichtmalerei, Pointillismus und die "Väter der Moderne" werden zu Gruppen zusammengefasst, die den Impressionismus einbinden in seinen Kontext, also gerade nicht eine Revolutionsmythologie evozieren, wie unsereins mit obigem (nicht erfundenem!) Zitat.

Auf der Webseite www.metinberlin.org findet man umfassende Informationen zur Ausstellung, einschließlich der Öffnungszeiten, Preise etc.

Wir würden dieses Bild vermissen, denn es ist in Frankreich. Aber wir sehen uns ohnehin alles im Internet an.



So z.B. auf wikipedia: Bilder und einen Bericht über die Malerin Marie Bracquemond, hier auf artou vertreten mit "Auf der Terrasse in Sèvres" (1880). Sie wurde von den Impressionisten entdeckt, geschätzt und gefördert. Man beachte im Bild "Auf der Terrasse" die Lichtspitzen auf Kopfbedeckungen und Nasenrücken, die schöne, virgulisme (komma-artige) Durchflutung des Hintergrundes und der Übergang von ebendiesem in die Kleidung der Frauen an den unteren Bildrändern. Von ihrem Ehemann eifersüchtig beäugt und bekrittelt, beendete die begabte Malerin ihre künstlerische Arbeit. Der Feind in meinem Bett.....und schon sind wir wieder in Kalifornien, wo die Sonne noch heißer lacht als im französischen Midi.

Lesen wir dort, als Intro in die moderne Kunstszene, Andrews Blog bei UBER.com. Er macht uns passenderweise, obwohl in LA lebend, fernab von New York, auf eine Impressionistin modernen Stils aufmerksam. Es ist nicht die Sammlerin Gamer Girl, die auf ihrer UBER Webseite - so ähnlich wie Edouard Manet im Spiegel des "Folies Bergère" Gemäldes - modernes Leben in flüchtiger Bewegung und Begegnung sammelt.


Edouard Manet "Folies-Bergère" (1882)


Gamer Girl, UBER Website


Dr. U. & d.s.W. "Impression kopiert"
aus einer Pole Position Werbung,
UBER Upload von Gamer Girl.


Claude Monet, Impression, soleil levant, 1872
Oil on canvas, 48 x 63 cm - Musee Marmottan, Paris



Die moderne Impressionistin ist Bianca D'Amico, die gerade im Frühjahr 2007 bei der CalArt (California Art Show) ihr umfangreiches Oeuvre zum Thema, dirty, girlish, stylish litter-art vorstellt.

Die Techniken des Impressionismus findet man auch hier: natürlicher Bildgegenstand, Farbauftrag virgulisme, Zufälliges und Momentanes, überwiegend formaler Sinn. Und eben auch die Entdeckung des Kritikers, der diese Aspekte schon in Monets Werken erkannte!

Hören wir den sensibleren UBER Blogger Andrew über Biana D'Amicos Raumprojektion "Moneyshot" (2007) auf der CalArts "For Ever" Ausstellung in 915 Mateo:

"Bianca D'Amico's floor projection "Moneyshot" (2007), of a woman's face (presumably the artist's) being coated with viscous fluids of various colors. Her face subtly changes (like Rineke Dijkstra's video work) while she undergoes something that is at once nearly pornographic, but also beautiful in the formal array of color. A very strange and disconcerting piece."

Wir übersetzen mal: Bianca D'Amicos Raumprojektion "Geldschuss" (2007), von einem Frauengesicht (möglicherweise das der Künstlerin), das mit zähflüssigen Flüssigkeiten in verschiedenen Farben bedeckt wird. Ihr Gesicht ändert sich subtil (wie Rineke Dijkstra's Video-Arbeit), während sie einem Vorgang unterzogen ist, der manchmal fast pornografisch, aber auch schön ist in Hinsicht auf die formale Farbbetrachtung. Ein sehr seltsames und verstörendes Stück.

Die Website der Künstlerin: www.biancadamicoart.com
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