Bildende Künstler

Die Kunst des trompe l'oeil und der allgemeine Illusionismus in der Kunst

Der obere Teil einer Turnbank, ein monströses Turnelement, das schon durch seinen Lederbezug an archaische Riten und hochspringende germanische Krieger erinnert, lehnt in der Nähe der Wand leicht schräg an einer Glasplatte, auf die ein Foto zweier asiatischer Akrobatinnen gedruckt ist. So wie deren über die Schultern nach vorne geknickten, smarten Unterschenkel auf fehlende Gewichtsprobleme hinweisen, so elegant kommt das vermutliche Attachment von unterpolstertem Turnbankleder und Glasscheibe daher.

Text von Ulrike Ritter


Installation v. Ch. Hörl (Foto der Ausstellung UR)
To see not to see. Gleichen sich diese beiden ungleichen Objekt-Elemente tatsächlich gegenseitig aus? Die Asymmetrie, die sich bei näherer Betrachtung in dieser scheinbar formalistischen Installation zeigt, ist signifikant, ebenso, dass sie sich erst auf den zweiten Blick zeigt. Sichtbar wird bei näherer Betrachtung und Überlegung: Die Turnbank ruht auf einem gemütlichen Polster aus eigener Breite, Eigengewicht und der Haut von toten, fremden Tieren. Die Glasscheibe ist dagegen wirklich gegen die Bank gelehnt und partizipiert an deren Standfestigkeit. Durch die Idee, die der momentanen Anschauung einhergeht, dass sich beide Gewichte ausgleichen, wird diese Differenz besonders betont. Das Spiel mit dem ersten Eindruck wiederum verweist auf eine kunstgeschichtliche Spezialität, ähnlich dem Kalbsbries, das man isst, solange man die Bedeutung des Wortes nicht bewusst wahrnimmt – eine Spezialität der Haute Cuisine, die immer näher – in gewisser Weise zu Recht – an die Hautes Artes heranrückt. Die kunstgeschichtliche Spezialität ist das Trompe l'oeil – die Augentäuschung, primitiv gesagt.



Parmegianino Selbstbildnis im Konvexspiegel (Web)


Der Normalfall des klassischen trompe l'oeil ist ein gemaltes Architekturelement innerhalb einer Innenwandgestaltung des 14. oder 15. Jahrhunderts, die Simulation eines Durchblicks auf den offenen Himmel von Andrea Mantegna ein höherer Kasus, der eigentliche Spezialfall eines trompe l'oeil jedoch ist das Selbstbildnis im Konvexspiegel von Parmigianino (Francesco Mazzola), entstanden um 1523/24, dessen „Fotorealismus“ soweit ging, dass er in der Flächengestaltung des Bildes die gewölbte Form des Rasierspiegels imitierte, um den Bildträger von einem solchen Hohlspiegel ununterscheidbar erscheinen zu lassen. Der besondere Witz dieser Selbstdarstellung liegt u.a. darin, dass Parmigianino seine linke Hand vorne an den Spiegel legt, diese aber im Spiegelbild wie die rechte Hand aussieht, also – gerade solange sie als Spiegelbild noch unverstanden ist – quasi als Beweis vorgelegt wird, dass das Bild eben kein gemaltes Bild sein kann sondern ein mechanisches Spiegelbild sein muss (oder zumindest, „mit Links“ gemalt ist). Der Betrachter denkt sich in diesem Moment nicht an der Stelle Parmigianinos sondern „hinter dem Spiegel“ als sein Gegenüber. Ist die Darstellung als Darstellung eines Spiegel durchschaut – dann sieht man Parmigianino quasi über die reale Schulter -, so wird auch die Hand als linke erkannt und damit die Möglichkeit sichtbar, dass Parmigianino sich während dieser Spiegelung selbst mit der rechten Hand malt.



Installation v. Ch. Hörl (Foto der Ausstellung UR)


Eine Verwechslung von links und rechts kann also sehr interessant und konstruktiv sein. Doch wie ist es in der Moderne, bzw. in der modernen Kunst, z.B. bei Installationen wie der, mit der wir unseren Artikel hier begonnen haben? Schwenken wir von der illusionistisch linken Installation des Augsburger Künstlers Christian Hörl – der sich einer eigenen Theoretisierung seines Werkes enthält – zu einem Werk über, das er rechtsseitig im fotografischen Kabinett des H2 installierte. Dort sieht man auf Glas gedruckt einander berühende, überdimensionale Hände. Die Glasscheiben auf dieser Seite lehnen an der Wand, illusionistische Elemente finden sich eigentlich nicht. Diese sich berührenden Hände in schwarz-weiß (!) erlauben inhaltliche Übergänge zu anderen Werken zu sehen, die im Rahmen der Künstlergespräche zu der Reihe stattfanden: Ein Objekt vor einem Hebammenheim, das auf Schutz und Pflege anspielte mit dem überdimensionalen Bild einer Eizelle. Auf eine Datierung der Schutzempfehlung hat man freundlicherweise verzichtet, die inhaltliche Programmatik, die so deutlich in den Vordergrund rückt, setzt sich auch in Werken fort, die im Rahmen der Künstlergespräche vorgestellt wurden und in denen Hörl z.B. die weibliche Benennung von Bunkern des zweiten Weltkrieges in Südfrankreich affirmativ übersteigerte zu Fotoausstellungen dieser Bunker in nunmehr von ihm mit weiblichen Namen benannten Ausstellungshallen: Die Schutzhöhle ist die Schutzhülle ist die Schutzhölle.....


Installation v. Ch. Hörl (Augsburger Kunstsammlungen und Museen/Christian Hörl)
Manieristisch wird dieses Spiel mit der formalistischen Oberfläche subjektiver Differenzerklärungen in Installationen wie der erwähnten oder auch in einer ähnlichen Arbeit, die männliche Tänzer in Tutus als Fotografien auf Glasdruck zeigt und wieder mit Turngeräten und räumlichen Distanzierungen arbeitet. Die Tänzer, die durch ihre Bekleidung wie weibliche Ballerinen aussehen sollen, streben als zeitgenössische keinen wirklichen trompe l'oeil Effekt an – das würde zumindest halbe Spitze und andere Frisuren erfordern, vielleicht auch eine minimale Verzerrung des Fotos – sondern stehen mehr wie Augenwischerei da. Der Idee der Gleichheit, aus der die trompe l'oeil Kultur des Manierismus ihre illusionistische und geistreiche Stärke zog, wird in diesen Werken von Hörl eine deutliche Absage erteilt, gleich, ob der Künstler sich darüber im Klaren ist oder nicht.

Mit nahezu grausiger Konsistenz kommt so ein Werk daher, das sich aufgrund seiner immanenten Interpretierbarkeit und seiner anspruchsvollen Gestalt in den Hautes Artes behaupten kann, obwohl der Künstler sich mehr oder weniger explizit weigert, seine offensichtlich politisch konservativ und katholisch orientierten Inhalte selbst zu benennen oder gar zu verteidigen. Der formale Charakter, die Transparenz des Werks, also in nahezu feinsinniger Weise vergleichbar mit den augentäuschenden Architekturdurchbrüchen eines Mantegna – nur Schein?


Parmegiannino "Madonna mit dem langen Hals"
Schwenken wir zurück.
Wir sind nun wieder in Parma, bei Parmigianino, dem berühmten Manieristen und seinen malerischen Werken wie der „Madonna mit dem langen Hals“ und anderen Marienbildern, in denen gerade das Kind gefährlich „verlängert“ ist, als ginge es Mutter Maria und den sie umgebenden nahezu surrealistischen Architekturfragmenten - auch mancher Handgestus aus Werken Parmigianinos wurde von den Surrealisten entlehnt – nur darum, den gereiften Knaben Päderasten anzubieten. Im 15. Jahrhundert ist Kunstgeschichte als Kultur eben auch eine Frage der Augentäuschung.... Aber hier wissen wir zum Glück nichts Genaues.


Allgemeingut ist hingegen, dass die Stadt Parma nicht nur durch ihren Manieristen berühmt wurde sondern auch durch eine schlichtere Spezialität, den Parmaschinken. Weil dieser Artikel am Heiligen Abend im Übergang zum ersten Weihnachtsfeiertag verfasst wird, schämen wir uns etwas ob der toten Tiere – übrigens auch ein wichtiges Thema in der zeitgenössischen Kunst, wie in den Arbeiten von Anja Güthoff deutlich wird, die bis zum 6. Januar in der bereits vielfach erwähnten Reihe im H2 gezeigt werden.



Foto-Triptychon v. Güthoff (Foto der Ausstellung UR)



Foto-Triptychon v. Güthoff (Foto der Ausstellung UR)


Dort liegen sie – z.B. als tote, präparierte Kohlmeise – auf einem der christlichen Kirchenkultur entlehnten, profanisierten Altar, der in seinen zufälligen Momenten an Theorien der antiken Aufklärungskultur bei Adorno, in seinen bewussten Momenten einfach an Opferaltäre der Antike erinnert. Sicher, die Auguren Athens enthielten sich nicht, das Opfergetier viehisch zu schlachten. Aber Güthoff geht es eben nicht um eine neue Mysterienkultur sondern mehr um ein Spiel mit Momenten des Gedenkens oder der Würdigung, die eben in ihrer Kultur christlich dominiert sind. Den Altar verwandelt Güthoff in eine Art Theaterbühne, durch die neue Monstranz und die Überhöhung des Zufälligen, selbst des Uninterpretierten, als Gestus der Verklärung dargestellt. Man könnte in Güthoff, die eine naturkundliche Sammlung pflegt und in ihren anderen Werken auch zum Teil lebendige Tiere fotografiert – u.a. so intelligente Wesen wie Affen - , auch eine moderne Variante des alten Franz (von Assisi) sehen, doch sind dafür in den meisten ihrer Werke die Tiere zu leblos, zu sehr als Metaphern für Leben und Vergehen eingesetzt, also klassisch als Vanitas-Motive – wenn auch in eher wenig klassischer Form u.a. durch die technisch geschickte Verunklärung der Grenzen von Abstraktion und gegenständlichem Bezug.

Wir sind somit also wieder im 16. / 17. Jahrhundert, dem Jahrhundert, in dem in quasi fotorealistischen Darstellungen von Obst und Gemüse durch Gewirr und Gewürm der Zerfall gefeiert wurde und sich der Anblick appetitlicher Frische blitzschnell in das Zurückschaudern vor Fäulnis und Zerfall verwandelte – nur eben nicht mehr vor dem Gesicht des Meisters, wie im Manierismus bei Arcimboldo. So sind wir endlich wieder bei Parma und im kulinarischen Sektor. Dem soll der Schlussabsatz dieser schönen Assoziationskette zum Thema Augentäuschung, Gleichheit und Differenz dienen.

Der Hautes Artes Künstler favorisiert, wie man seit dem Auftritt Rosemarie Trockels als Schweinehirtin auf der documenta 9 und dem Schweine-Observer und Tätowierer Wim Delvoye weiß, das lebendige Schwein gegenüber dem Schinken. Auch und gerade zu Weihnachten.



Schweine-Tätowierung von Wim Delvoye (Foto Web)


Vergleicht man diese Kultur der Transformationsfähigkeit beliebig roher und ursprünglicher Wesen, Dinge und Erscheinungen aus der Natur mit der Haute Cuisine, müsste man erst einmal sagen, – damit der letzten, viel verschrieenen documenta Recht gebend – dass es sich um ähnliche Prinzipien handelt. Der eine schöpft mit dem Schwein – durch dessen Bemalung oder Installation (man darf an unkritische, vielleicht nur deutsche Perfidien solcher Prinzipien wie die Koon'sche Installation erinnern) Kunst, der andere durch dessen molekulare Zerlegung und Parfaitierung. Überflüssig, das Schwein zu fragen, was ihm lieber wäre. Warum sieht aber niemand, dass genau diese drei Varianten künstlerischer Kreativität zusammen zum illusionistischen Vegetarismus führen, dessen RepräsentantInnen im Stile der vaginal bemalten Teller von Judy Chicagos Abendmahl (wir berichteten) Schinkenscheibchen und feinsinnig geglättete oder übergelierte Parfaithügelchen auf die Teller malen, aber real gedünstetes Gemüse und parfaitiertes Obst darauf servieren – neben den beliebten weihnachtlichen Mehlspeisen.



Rainer Apfelbaum: Krapplack (Foto der Ausstellung UR)



Rainer Apfelbaum: Krapplack (Foto der Ausstellung UR)


Kurzum. Auch die kompliziertesten Kulturerlebnisse werden in der Weihnachtszeit nicht weit über das Kulturverständnis des Krümelmonsters hinausführen. Was auch bewiesen wurde durch eine Kiste in einer ebenfalls interessanten aktuellen Ausstellung in Augsburg namens „Krapplack“, die der Künstler Rainer Apfelbaum für die Neue Galerie im Höhmannhaus inszeniert hat. Die Kiste war umgeben von roten Dingen, Leitern, Büchern, Farbanhäufungen, Tierfiguren, roten Beschriftungen und Bemalungen etc. Sie stand einfach in ihrem schäbigen Hellbraun da und glänzte mit ihrem Inhalt, einem schäbigen fotografischen, dickbusigen Halbakt mit schmuddeligen schwarzen Haarsträhnen. Ein mögliches Motiv für die kommenden Teller einer exaltierten Haute Cuisine des Artes? MOMENT...!



thegirls.co.uk und thegirlsproduction.com (Screenshot)



Portrait by the girls (co.uk)
Vielleicht haben "The Girls" selbst etwas Anderes vorzuschlagen. Wir finden dazu im Web eine weitere Augentäuschung: Vier Frauen, die dem mittelständischen Mann beweisen, was er ohnehin schon beim ersten Anblick seiner Mutter wusste: Die sind alle gleich. Oder doch nur zwei gemeine Transvestiten, die besser sein wollen, und auf diese Weise zwei amerikanische Design- und Gruselkinderbuch-Künstlerinnen – ebenfalls „the Girls“ - imitieren... Nein, zwei echte Lesben, mit weiblichem Körper geboren, die sich als travestierende Imitatoren ihrer amerikanischen Kolleginnen inszenieren? Oder doch einfach nur Prince Harry und Prince William nach einem Besuch in Sellafield, also real, nur eben auf vom englischen Hof bislang zurückgehaltenen Bilder. Die beiden geschlechtslosen, aber englischen und übergewichtigen „Girls“ zumindest machen in Bezug auf kommende Mahlzeiten klare Vorschläge: Statt der Sau mit Orangen im Mund wird einfach die Frau selbst auf den Tisch gelegt, geschmackvoll zubereitet. (Also nichts Neues – vielleicht doch Travestie?)



Objektfotografie by "the Girls" (c) the girls co.uk


Die amerikanischen Design-Mädels hingegen erleben Ernährung noch immer als Trauma und präsentieren in ihren erschreckend retro-infantilistischen Büchern, Designobjekten und Kunstwerken allesfressende Elefanten, bevor sie endlich und schließlich in einem unterhaltsamen Blog auf die Idee kommen, die mit ihren Büchern angelockten Kinder zu essen...

Doch, Weihnachten, das Fest der Besinnung, fordert dazu auf, auch auf dem eigen Tisch die Krümel zu fegen. Was also finden wir auf unserem Teller? Nun, wir essen eben Männer...


Weiterführende Links:

- Girolamo Francesco Maria Mazzola
- Augsburger Kunstförderpreisträger im H2
- Rainer Apfelbaum im Höhmannhaus
- Konzeptkünstler Wim Delvoye
- "The Girls"
- "The Girls" Productions
- www.amandavisell.com
- www.myswitcheroo.com
- Der Blog von "the Girls"
1 |

Aufzeichnungen eines Kunststudenten.
Friedrich Fröhlich
Aufzeichnungen eines Kunststudenten.
Internetkunst: Theorie, Begriffe, Geschichte
Ulrike Ritter
Internetkunst: Theorie, Begriffe, Geschichte
Internetkunst. Zur Streamline - Definition des Begriffs
Ulrike Ritter
Internetkunst. Zur Streamline - Definition des Begriffs
Die Wiese der Fische
Ulrike Ritter
Die Wiese der Fische
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten...
Ulrike Ritter
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten...