Bildende Künstler

Der Totentanz in der Kunst: Vom Wandfries zur digitalen Oper

Kein Bildmotiv macht die Gleichheit aller Menschen vor dem Tod so unmittelbar sichtbar wie der Totentanz: Papst und Bauer, Kaiser und Bettler werden darin von derselben Figur zum Tanz geholt. Seit dem 15. Jahrhundert wandert das Motiv von der Kirchenwand über den Holzschnitt bis zur digitalen Oper – und bleibt dabei erstaunlich konstant in seiner Botschaft: Der Tod hält keine Rücksprache mit dem Stand seines Gegenübers.

Ursprung: Die Pest und der Tanz an der Friedhofsmauer

Der Totentanz entsteht im Schatten der großen Pestwellen des Spätmittelalters, als Wandmalerei an Kirchhofsmauern, die täglich vor Augen führen sollte, dass der Tod keinen Unterschied zwischen den Ständen macht. Um 1440 entsteht an der rund 60 Meter langen und zwei Meter hohen Friedhofsmauer des Predigerklosters in Basel eine der bedeutendsten dieser Darstellungen, gemalt in Temperafarbe auf Putz mit 40 Figuren. Die Mauer galt im frühen 19. Jahrhundert als Verkehrshindernis und wurde am 5. und 6. August 1805 abgerissen; Basler Kunstfreunde retteten 23 Bild- und drei Textfragmente, von denen 19 heute im Historischen Museum Basel zu sehen sind. In den 1960er- und 1970er-Jahren legte eine Restaurierung fünf dieser Fragmente von späteren Übermalungen frei und brachte die spätmittelalterliche Malschicht wieder zum Vorschein.

Bernt Notkes Lübecker Totentanz: 24 Paare und ein tanzender Tod

Das berühmteste deutsche Beispiel malt der junge Bernt Notke 1463 für die Beichtkapelle der Lübecker Marienkirche: keine Wandmalerei, sondern eine etwa 26 Meter lange und knapp zwei Meter hohe Leinwandbespannung mit 24 nahezu lebensgroßen Paaren, angeführt von einem flötespielenden und einem sargtragenden Tod. Die Reihe beginnt bei Papst und Kaiser, führt über Bürgermeister und Kaufmann bis zu Bauer und Wiegenkind und endet mit einem sensenschwingenden Tod, der alles Leben niedermäht. Einzigartig unter den erhaltenen Totentänzen ist, dass sich der makabre Reigen vor der Kulisse der Lübecker Stadtsilhouette abspielt – die Betrachter erkennen ihre eigene Stadt und damit sich selbst im Tanz. 1701 ersetzte man das verschlissene Original durch eine Kopie, die in der Bombennacht zum 29. März 1942 vollständig verbrannte. Ein Schwesterstück fertigte Notke um 1500 für die Nikolaikirche in Reval, dem heutigen Tallinn; dort ist bis heute ein gut sieben Meter langes Fragment mit 13 Figuren erhalten, beginnend mit dem flötenden Tod und dem Papst.

Holbeins Holzschnitte: Der Totentanz wird zum Massenmedium

Während die Wandfriese ortsgebunden bleiben, löst Hans Holbein der Jüngere das Motiv aus der Kirche heraus. Um 1523 bis 1525 entwirft er eine Serie von 41 Holzschnitten, die der Basler Formschneider Hans Lützelburger in Holz schneidet. Gedruckt werden sie erst 1538 in Lyon durch die Brüder Melchior und Gaspar Trechsel unter dem Titel „Les simulachres et historiees faces de la mort" – jedes Blatt mit einem lateinischen Bibelvers darüber und einem französischen Vierzeiler darunter. Holbein führt den Tod durch dieselbe ständische Ordnung wie Notke, vom Papst bis zum Pflüger, doch als gedrucktes Buch erreicht die Serie ein Publikum, das nie eine bemalte Kirchenwand gesehen hat. Aus einem ortsfesten Mahnbild wird damit erstmals ein europaweit verbreitetes Massenmedium.

Vom Bombenangriff zur Animationsoper: ein Motiv setzt sich fort

In der Lübecker Beichtkapelle, in der bis 1942 Notkes Original hing, erinnern heute zwei jüngere Werke an das zerstörte Vorbild: Alfred Mahlaus zwei Glasfenster von 1956/57 setzen den Totentanz über die brennenden Türme der Stadt und deuten ihn als Friedensvision, Markus Lüpertz kombiniert in seinem Fenster von 2002 Fisch, Totenschädel und Friedenstaube zu einer Deutung von Tod und Auferstehung. Die jüngste Fortsetzung des Motivs ist digital: Vom 24. September bis 2. Oktober 2021 fand in St. Marien das 1. Europäische Totentanz-Festival statt, bei dem der Komponist Wim Trompert unter dem Titel „Carpe Diem" die Weltpremiere einer digitalen Animationsoper präsentierte, die Notkes verbrannten Fries neu erstehen ließ – entstanden mitten in der Corona-Pandemie. Was die Pest im 15. Jahrhundert auslöste, wiederholte eine Pandemie im 21. Jahrhundert: ein neuer Anlass, der alten Figur des tanzenden Todes eine neue Form zu geben.

Schon gewusst?

Was unterscheidet den Lübecker Totentanz von anderen Totentänzen?

Bernt Notke platzierte den Reigen 1463 unmittelbar vor der Silhouette der Stadt Lübeck. Diese direkte Verbindung zur eigenen Lebenswelt der Betrachter kommt in keinem anderen erhaltenen Totentanz in dieser Form vor.

Warum gilt Hans Holbeins Holzschnittserie als Wendepunkt für das Motiv?

Weil sie den Totentanz vom ortsgebundenen Wandbild löste. Gedruckt ab 1538 in Lyon, verbreitete sich die 41-teilige Serie europaweit und machte das Motiv erstmals einem Publikum zugänglich, das nie eine der bemalten Kirchenwände gesehen hatte.

Wie wirkt der Totentanz-Stoff bis in die Gegenwart fort?

In der Lübecker Beichtkapelle erinnern seit den 1950er- und 2000er-Jahren Fenster von Alfred Mahlau und Markus Lüpertz an das zerstörte Original. 2021 feierte zudem eine digitale Animationsoper von Wim Trompert Weltpremiere, entstanden während der Corona-Pandemie.

Quellen & Hinweishttps://www.st-marien-luebeck.de/entdecken/ausstattung/totentanzhttps://www.kirche-ll.de/gemeinden/innenstadtgemeinden/st-marien/nachrichten/nachrichten-details/1-europaeisches-totentanz-festival.htmlhttps://nigulistemuuseum.ekm.ee/en/dance-of-death/https://de.wikipedia.org/wiki/Basler_Totentanzhttps://kunstmuseumbasel.ch/en/exhibitions/2013/holbeins-bilder-des-todeshttps://www.staatsgalerie.de/de/sammlung-digital/totentanz-nonnehttps://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCbecker_Totentanz

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI erstellt und redaktionell geprüft.