Bildende Künstler

Kunst im Fokus

Fabelwesen: Drachen, Einhörner, Chimären

Fabelwesen – Mischwesen aus Mensch, Tier und Fantasie – begleiten die bildende Kunst seit der Antike: Greife, Drachen, Einhörner, Sphingen und Chimären bevölkern Tempelreliefs, mittelalterliche Handschriften, Wandteppiche und Gemälde. Sie verkörpern das Unsagbare: Macht, Bedrohung, Heiligkeit und den unerschöpflichen Drang der Menschen, die sichtbare Welt um eine unsichtbare zu erweitern.
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Zwischen Naturkunde und Fantasie: die Tradition des Fabeltiers

Der Blick auf Fabelwesen in der Kunstgeschichte beginnt nicht mit der Fantasie, sondern mit der Naturkunde: Im „Physiologus", einer theologischen Tierkunde aus dem 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr., wurden reale und erfundene Tiere gleichermaßen beschrieben und moralisch gedeutet. Aus diesem Werk entstanden die mittelalterlichen Bestiarien – illustrierte Handschriften, in denen Greife, Einhörner und Drachen Seite an Seite mit Löwen und Adlern standen, versehen mit religiöser Symbolik und moraldidaktischen Deutungen. Diese Tradition prägte die Bildsprache des europäischen Mittelalters nachhaltig: Kaum ein gotisches Kirchenportal, kaum ein illuminiertes Manuskript ohne Fabelwesen am Rand oder im Zentrum der Komposition.

Greif, Chimäre und Sphinx: Mischwesen der Antike

Die Wurzeln der Fabeltier-Ikonografie reichen weit in die antike Welt zurück. Der Greif – Mischwesen aus Adler und Löwe – taucht bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. in mesopotamischer und ägäischer Kunst auf und wurde im antiken Griechenland zum Attribut des Sonnengottes Apollon und der Rachegöttin Nemesis. Die Chimäre der griechischen Mythologie – Löwe, Ziege und Schlange in einem Körper – versinnbildlichte das Unbeherrschbare und Unheimlische; ihr Name wurde zum Synonym für jede Art des hybriden Schreckenswesens. Die Sphinx, mit Menschenkopf und Löwenkörper, bewachte in Ägypten Grabstätten und Tempel; in der griechischen Sagenwelt stellte sie dem Wanderer Rätsel und tötete ihn bei falscher Antwort. All diese Fabelwesen fanden ihren Weg in Reliefs, Vasenmalerei, Skulpturen und Goldschmiedearbeiten – und von dort in die bildnerische Sprache des Abendlandes.

Das Einhorn im Mittelalter: Symbol und Wandteppich

Kaum ein Fabelwesen hat die mittelalterliche und frühneuzeitliche Kunst nachhaltiger geprägt als das Einhorn. Im „Physiologus" bereits mit religiöser Symbolik aufgeladen – das Einhorn kann nur von einer Jungfrau gezähmt werden, ein Bild für die Menschwerdung Christi –, wurde es im Mittelalter zum allgegenwärtigen Zeichen für Keuschheit, Reinheit und höfische Liebe. Zu den eindrucksvollsten Zeugnissen dieser Tradition zählen die sechs Millefleurs-Wandteppiche „La Dame à la licorne" (Die Dame mit dem Einhorn), die Ende des 15. Jahrhunderts in den südlichen Niederlanden entstanden und heute im Musée de Cluny in Paris aufbewahrt werden. Fünf der sechs Teppiche stellen die fünf Sinne dar; der sechste gilt als rätselhaftester und wird seit dem 19. Jahrhundert mit dem Motto „À mon seul désir" (Meinem einzigen Wunsch) in Verbindung gebracht. Ihre Qualität und Komplexität machen sie zu Meisterwerken mittelalterlicher Textilkunst und zu einem Beispiel dafür, wie tiefgreifend Fabelwesen das Bildprogramm einer ganzen Epoche durchziehen konnten. Wie fließend die Grenze zwischen realen Exoten und Fabelwesen war, zeigt Albrecht Dürers berühmter Holzschnitt „Rhinocerus" (1515): Auf der Grundlage einer Beschreibung und einer Skizze schuf Dürer ein Bild des ihm unbekannten Tiers, das eher einem gepanzerten Fabeltier gleicht als einem echten Nashorn – bis heute einer der bekanntesten Drucke der Kunstgeschichte.

Der Drache: Böse im Westen, Glück im Osten

Kein Fabelwesen illustriert kulturelle Unterschiede besser als der Drache. Im christlichen Europa galt er seit der Spätantike als Verkörperung des Teufels und der Sünde; der heilige Georg, der den Drachen tötet, wurde zu einem der bekanntesten Bildmotive des Mittelalters, dargestellt von Paolo Uccello (ca. 1470, National Gallery London) bis Raphael (ca. 1505, National Gallery Washington). Im ostasiatischen Kulturraum hingegen ist der Drache – „Lóng" im Chinesischen – ein überwiegend wohlgesinntes Wesen: weise, gerecht und glückbringend, Symbol kaiserlicher Macht und kosmischer Ordnung. Diese Unterschiede spiegeln sich in der Kunst wider: Während der europäische Drache in Kampfszenen besiegt und überwunden wird, schmückt sein chinesisches Gegenstück Paläste, Gewänder und Keramiken als Zeichen von Würde und Stärke.

Fabelwesen in der Neuzeit und auf BK.net

Mit dem Aufkommen empirischer Naturwissenschaften verloren Fabelwesen ihren Platz in Naturkundebüchern – doch in der Kunst behaupteten sie sich. In der Romantik erlebten Drachen und Ungeheuer eine Renaissance als Bilder des Erhabenen und Unheimlichen; Johann Heinrich Füsslis „Der Nachtmahr" (1781, Frankfurter Goethe-Haus) zeigt, wie das monströse Mischwesen zum Vehikel für psychische Abgründe wurde. Im Symbolismus des späten 19. Jahrhunderts wurden Sphinx, Meerjungfrau und Chimäre zu Sinnbildern des Rätsels, des Begehrens und der Angst – bei Gustave Moreau, Odilon Redon oder Franz von Stuck sind Fabelwesen keine naiven Illustrationen, sondern dichte, vielschichtige Bildzeichen. Im 20. Jahrhundert durchziehen Mischwesen die Werke von Marc Chagall, Paul Klee und Max Ernst bis zu heutigen Illustratoren und Fantasymalern. Auch die chinesische und japanische Gegenwartskunst greift Drachen und mythische Tiere als kulturelle Identitätszeichen auf. Auf BK.net begegnet man zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, die Fabelwesen in unterschiedlichsten Techniken gestalten – von naturalistisch-detailreich bis abstrakt-symbolisch – und damit eine der ältesten Bildtraditionen der Menschheit lebendig halten.