Bildende Künstler

Tanz in der Kunst: Bewegung im Stillstand

Tanz ist das flüchtigste aller Motive: Das Kunstwerk muss festhalten, was nur im Moment existiert. Seit Edgar Degas seine Balletttänzerinnen in das Pariser Atelier holte, ist das Spannungsverhältnis zwischen Bewegung und Stillstand eines der fruchtbarsten in der Kunst – und eines, das bis in die Gegenwartskunst reicht.
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Degas und das Ballett

Edgar Degas (1834–1917) schuf über tausend Werke zum Thema Ballett: Pastelle, Ölbilder, Bronzeskulpturen. Was ihn interessierte, war nicht der perfekte Bühnenmoment, sondern der Alltag. Mädchen beim Strecken, erschöpfte Tänzerinnen am Rand, Proben unter hartem Scheinwerferlicht – das waren seine Motive. Eine seiner Bronzen, die „Kleine vierzehnjährige Tänzerin" nach dem Modell Marie van Goethem, war das einzige Werk, das Degas zu Lebzeiten öffentlich ausstellte – 1881 auf der sechsten Impressionisten-Ausstellung in Paris. Degas arbeitete außerdem mit Fotografie als Hilfsmittel und war einer der ersten Künstler, die Bewegung durch Momentfotografie studierten. Seine Pastelle auf Papier zählen heute zu den teuersten Papierarbeiten des 19. Jahrhunderts.

Matisse: Der Tanz als Urform

Henri Matisse (1869–1954) reduzierte den Tanz auf das Wesentliche: fünf Figuren im Kreis, Sienna auf Blau und Grün, keine Details, nur Rhythmus und Energie. Die Bildidee entstand in zwei Fassungen: Eine erste, sanftere Version von 1909 – „Tanz (I)" – hängt heute im Museum of Modern Art in New York. Die endgültige, kräftigere Fassung trägt den Titel „La Danse" (1910), entstand im Auftrag des russischen Sammlers Sergei Schtschukin und befindet sich seither in der Eremitage in St. Petersburg. Matisse beschrieb seinen Ansatz so: Er wolle Freude, Lebendigkeit und Rhythmus ausdrücken – der Tanz war dafür das direkteste Bild.

Picasso für die Bühne: die Ballets Russes

Eine der folgenreichsten Begegnungen zwischen Tanz und bildender Kunst inszenierte der russische Impresario Sergei Diaghilev mit seiner Kompanie Ballets Russes. Für das Ballett „Parade" (Premiere 1917, Théâtre du Châtelet, Paris) entwarf Pablo Picasso Bühnenbild und Kostüme – darunter kubistische Kostüme aus starrem Karton, die den Tänzern kaum Bewegungsfreiheit ließen. Picassos Vorhang für das Stück misst 17,25 mal 10,60 Meter und zählt zu seinen größten Arbeiten überhaupt. Auch Henri Matisse entwarf später Bühnenbilder für Diaghilevs Kompanie – der Tanz wurde so zum Experimentierfeld der gesamten Pariser Avantgarde.

Oskar Schlemmer und das Triadische Ballett

Oskar Schlemmer (1888–1943), Meister am Bauhaus, entwickelte mit dem „Triadischen Ballett" eine völlig neue Verbindung von Körper, Kostüm und Bühnenraum. Es wurde 1922 in Stuttgart uraufgeführt. Tänzer erscheinen darin als geometrische Figuren – der menschliche Körper wird Teil einer visuellen Architektur. Schlemmers Figurinen-Entwürfe sind heute in Museumssammlungen zu sehen. Das Triadische Ballett gilt als eine der einflussreichsten Verbindungen von bildender Kunst und Performance im 20. Jahrhundert.

Wenn der Körper zur Skulptur wird

Die Grenze zwischen Tanz und bildender Kunst ist durchlässig geworden. Pina Bausch (1940–2009) entwickelte mit dem Tanztheater Wuppertal eine Form, die Choreografie, Bühnengestaltung und bildkünstlerische Inszenierung untrennbar verband. Ihre Aufführungen stehen konzeptuell nah an Gesamtkunstwerken. William Forsythe (*1949) verbindet seit den 1990er-Jahren Tanz mit Installation und digitalen Medien. Seine „Choreographic Objects" sind kinetische Skulpturen, die das Tanzvokabular in den Ausstellungsraum übersetzen. Die südafrikanische Künstlerin Tracey Rose (*1974) setzt ihren Körper in Performances ein, die Tanz mit politischem Protest verbinden.

Was ein Tanzbild leistet

Ein gutes Tanzbild überwindet ein grundlegendes Problem: Es zeigt Bewegung, obwohl es selbst still ist. Wie lebendig dieses Problem bleibt, zeigte die Stiftung Bauhaus Dessau: Zum hundertjährigen Jubiläum des Triadischen Balletts – uraufgeführt am 30. September 1922 in Stuttgart – feierte sie von September 2025 bis Dezember 2026 unter dem Motto „An die Substanz" Oskar Schlemmers Bühnenwerk mit neuen künstlerischen Übersetzungen für die Gegenwart. Das gelingt durch Linienführung, durch Gleichgewichtsverlust, durch den Augenblick der Spannung kurz vor der nächsten Bewegung – Prinzipien, die für die Zeichnung ebenso gelten wie für die Skulptur oder die Performance. Wer vor einem Tanzgemälde steht und die Bewegung trotzdem hört, hat ein gutes Bild vor sich.

Schon gewusst?

Wie stellte Degas die Bewegung der Tänzerinnen dar?

Degas studierte Bewegung intensiv – mit Momentfotografien (Eadweard Muybridges Serienaufnahmen waren für ihn wichtig) und durch Beobachtung in den Probenräumen der Pariser Oper. Er wählte häufig ungewöhnliche Bildausschnitte, hohe oder seitliche Perspektiven, und zeigte Tänzerinnen in Erschöpfung oder Vorbereitung – nicht im perfekten Moment. Das macht seine Darstellungen lebendig.

Gibt es zeitgenössische Künstler, die Tanz als Thema verwenden?

Ja. William Forsythe (*1949) überträgt Choreografie in Installation und digitale Arbeiten. Tracey Rose (*1974) verwendet tänzerische Performance als politisches Medium. Im Bereich figurative Malerei behandeln Künstler wie Chantal Joffe (*1969) Körper und Bewegung mit tänzerischer Leichtigkeit. Auch Neo Rauch integriert Figuren in traumhaft-choreografierten Szenen.

Was unterscheidet Tanzdarstellung von allgemeiner Figurmalerei?

Im Tanzsujet steht die Bewegung selbst im Vordergrund – Körper sind nicht Porträt oder soziale Figur, sondern kinetisches Ereignis. Das stellt andere Anforderungen: Linienführung, Gleichgewicht, der Moment zwischen zwei Bewegungen. Gute Tanzdarstellungen haben immer ein Element des Unabgeschlossenen – als würde das Bild gleich weitergehen.

Quellen & Hinweishttps://de.wikipedia.org/wiki/Edgar_Degashttps://de.wikipedia.org/wiki/La_Danse_(Matisse)https://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Schlemmerhttps://de.wikipedia.org/wiki/Triadisches_Balletthttps://de.wikipedia.org/wiki/Pina_Bauschhttps://bauhaus-dessau.de/en/events/to-the-core-bauhaus-dessau-100/https://bauhaus-dessau.de/en/events/to-the-core-bauhaus-dessau-100/

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