Der Flügelaltar: Wenn Bilder sich öffnen
Der Flügelaltar ist eines der eindrücklichsten Bildwerke des europäischen Mittelalters: Ein Schrein mit beweglichen Flügeln, der an Werktagen geschlossen bleibt und an Festtagen sein gemaltes oder geschnitztes Innenleben enthüllt. Diese Wandelbarkeit machte den Flügelaltar zum liturgischen Mittelpunkt unzähliger Kirchenräume und zum Höhepunkt mittelalterlicher Handwerkskunst.Aufbau und Funktion: der Wandelaltar als Gesamtkunstwerk
Ein Flügelaltar besteht in seiner klassischen Form aus einem feststehenden Schrein und zwei oder mehreren beweglichen Seitenflügeln, die sich öffnen und schließen lassen. An Werktagen bleibt der Schrein geschlossen, und nur die Außenseiten der Flügel – meist schlichter in Farbe und Motiv – sind sichtbar. An Sonn- und Feiertagen werden die Flügel aufgeklappt und enthüllen das prächtige Innenleben: geschnitzte Heiligenfiguren, vergoldetes Schnitzwerk (das sogenannte Gesprenge) und aufwendig bemalte Innenflächen. Unterhalb des Schreins sitzt die Predella, ein sockelartiger Unterbau, der ebenfalls bemalt oder mit Schnitzereien versehen sein kann. Durch diesen Wechsel der Ansichten bot der Flügelaltar dem mittelalterlichen Gläubigen ein sich wandelndes Bilderlebnis – ein Konzept, das Malerei, Skulptur und Architektur zu einem einzigen Gesamtwerk vereinte. Wegen dieser Wandelbarkeit trägt der Flügelaltar auch die Bezeichnung Wandelaltar; seine Wirkung entfaltete er stets im liturgischen Kontext des Kirchenraums.
Entstehung und Blütezeit: das 13. bis 16. Jahrhundert
Die Vorläufer des Flügelaltars reichen bis in die romanische Tafelmalerei des 11. und 12. Jahrhunderts zurück. Die eigentliche Blütezeit lag im 15. Jahrhundert, als Maler und Bildschnitzer in Deutschland, den Niederlanden und in der Alpenregion die Gattung zu ihrer vollsten Entfaltung brachten. Typisch für diese Zeit war die enge Zusammenarbeit von Malern und Schnitzern: Die Innenseiten der Flügel wurden von Malern ausgeführt, während der Schrein mit seinen Figuren von Bildschnitzern und Vergoldern gestaltet wurde. Je nach Anzahl der Flügel unterscheidet man verschiedene Grundformen: Ein Flügelaltar mit zwei Flügeln bildet ein Triptychon, eine Variante mit vier Flügeln ein Pentaptychon. Noch umfangreichere Polyptychon-Flügelaltäre konnten durch das stufenweise Öffnen der Flügel bis zu drei verschiedene Ansichten bieten. Die Reformation setzte der Produktion neuer Flügelaltäre im 16. Jahrhundert ein weitgehendes Ende, da protestantische Kirchenräume keine aufwendigen Altaraufsätze vorsahen.
Der Genter Altar (1432): Maßstab aller Maßstäbe
Als bedeutendstes Beispiel eines Flügelaltars gilt der Genter Altar, der 1432 für die St.-Bavo-Kathedrale in Gent fertiggestellt wurde. Das Werk wird Jan van Eyck und seinem älteren Bruder Hubert van Eyck zugeschrieben; mit zwölf Tafeln, die auf zwei Registern angeordnet sind, umfasst es eine der komplexesten Bildprogramme der westlichen Kunstgeschichte. Im Mittelpunkt steht, bei geöffneten Flügeln, die Anbetung des Lammes Gottes; die Außenflügel zeigen unter anderem die Verkündigung und die Stifter. Die außerordentliche Qualität der Ölmalerei, die Weite der Landschaften und die Individualität der Figuren machten den Genter Altar sofort zu einem Referenzwerk – und zu einem der meistkopierten und meistgestohlenen Kunstwerke der Geschichte.
Michael Pachers Hochaltar in St. Wolfgang (1481)
Zu den Meisterwerken des deutschen Sprachraums zählt der Flügelaltar der Wallfahrtskirche St. Wolfgang im Salzkammergut (Oberösterreich), den der Maler und Bildschnitzer Michael Pacher zwischen 1471 und 1481 schuf. Dieser Flügelaltar verbindet spätgotische Schnitzkunst mit einer Malerei, die deutliche Einflüsse der oberitalienischen Renaissance zeigt – ein einzigartiges Zusammenspiel zweier Bildtraditionen. Im Zentrum des Schreins steht die Krönung Mariens durch die Trinität, umgeben von virtuos geschnitzten Heiligenfiguren; die vier Altarflügel tragen Szenen aus dem Leben des heiligen Wolfgang und des heiligen Benedikt. Der Hochaltar ist bis heute in der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Wolfgang erhalten und in seiner Originalaufstellung zu besichtigen – ein seltenes Zeugnis dafür, wie ein mittelalterlicher Flügelaltar im liturgischen Kontext gewirkt haben muss.
Der Isenheimer Altar (1512–1516): Bild als Medizin
Den vielleicht eindringlichsten Flügelaltar der Kunstgeschichte schuf Matthias Grünewald (Tafelbilder) gemeinsam mit dem Bildschnitzer Nikolaus von Hagenau (Schnitzereien) zwischen 1512 und 1516 für die Antoniter-Präzeptorei im elsässischen Isenheim, einer Pflegeeinrichtung für Kranke. Der Altar war buchstäblich als medicina gemeint: Wer an der damals weit verbreiteten Krankheit „Antoniusfeuer" (Ergotismus) litt und den leidenden Christus der Kreuzigungsszene betrachtete, sollte darin das eigene körperliche Leiden gespiegelt und überhöht finden – ein Bild als therapeutisches Instrument. Heute ist der Isenheimer Altar im Musée Unterlinden in Colmar zu sehen, wo er noch immer zu den meistbesuchten Kunstwerken Frankreichs zählt.
Flügelaltäre heute: zwischen Kulturgut und künstlerischem Bezug
Die großen Flügelaltäre des Mittelalters und der frühen Neuzeit stehen heute überwiegend in Kirchen und Museen; ihre Erhaltung ist in vielen Fällen eine denkmalpflegerische Daueraufgabe. Restaurierungen wie die jahrzehntelange Arbeit am Genter Altar – einer der aufwendigsten restauratorischen Unternehmungen der Kunstgeschichte – zeigen, wie viel Expertise und Ressourcen der Erhalt solcher Werke erfordert. Gleichzeitig hat das Formkonzept des Flügelaltars – mehrere zusammengehörige Bildtafeln, die durch Öffnen und Schließen verschiedene Bedeutungsebenen enthüllen – zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler immer wieder zu Neuinterpretationen angeregt. Mehrteilige Gemäldefolgen, faltbare Installationen und Werke, die sich je nach Betrachtungsposition verwandeln, knüpfen an das Grundprinzip des mittelalterlichen Flügelaltars an, ohne es imitieren zu wollen. Auf BK.net begegnet man Positionen, die mit Mehrteiligkeit, Faltbarkeit oder dem Gedanken des sich öffnenden Bildes arbeiten und den Flügelaltar als formale Anregung in die Gegenwart überführen.
Häufige Fragen
Was ist ein Flügelaltar und warum heißt er auch Wandelaltar?
Ein Flügelaltar besteht aus einem feststehenden Schrein und beweglichen Seitenflügeln, die geöffnet und geschlossen werden können. Da sich das Bild je nach Öffnungsgrad verändert – an Werktagen anders als an Festtagen –, wird er auch Wandelaltar genannt.
Was ist der berühmteste Flügelaltar der Welt?
Der Genter Altar (1432) in der St.-Bavo-Kathedrale in Gent, geschaffen von Jan und Hubert van Eyck, gilt als bedeutendstes Beispiel dieser Gattung. Der Isenheimer Altar (1512–1516) von Matthias Grünewald im Musée Unterlinden in Colmar zählt ebenfalls zu den bekanntesten Flügelaltären weltweit.
In welcher Zeit wurden die meisten Flügelaltäre geschaffen?
Die Blütezeit des Flügelaltars lag im 15. und frühen 16. Jahrhundert, vor allem in Mitteleuropa – in Deutschland, den Niederlanden und der Alpenregion. Die Reformation setzte der Produktion neuer Flügelaltäre weitgehend ein Ende, da protestantische Kirchen auf aufwendige Altaraufsätze verzichteten.
