Bildende Künstler

Kunst im Fokus

Adam und Eva in der Kunst

Kaum ein biblisches Motiv hat die europäische Kunstgeschichte so nachhaltig geprägt wie die Geschichte von Adam und Eva: Die Erschaffung des ersten Menschenpaares, der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies boten über Jahrhunderte hinweg Anlass, den menschlichen Körper, seine Schönheit und seine Schuld immer wieder neu zu deuten.

Masaccio und van Eyck: Frühe Höhepunkte der Renaissance

Einen der frühesten Höhepunkte des Themas in der italienischen Renaissance schuf Masaccio um 1425 mit seinem Fresko „Vertreibung aus dem Paradies" in der Brancacci-Kapelle der Florentiner Kirche Santa Maria del Carmine. Ein schwertschwingender Engel weist Adam und Eva aus dem Garten Eden – Adam verbirgt sein Gesicht in den Händen, Eva schreit mit schmerzverzerrten Zügen und bedeckt ihre Blöße. Was dieses Bild von älteren Darstellungen unterscheidet, ist die für die Malerei der Zeit beispiellose Unmittelbarkeit, mit der menschliche Gefühle wie Scham, Trauer und Verzweiflung sichtbar werden – ein Wendepunkt, der Generationen späterer Maler beeinflusste. Nur wenige Jahre später, 1432, schufen die Brüder Hubert und Jan van Eyck nördlich der Alpen mit dem Genter Altar ein ebenso einflussreiches Gegenstück: Die beiden lebensgroßen, fein durchmodellierten Akte von Adam und Eva auf den Altarflügeln zählen zu den frühesten eigenständigen Aktdarstellungen der nordeuropäischen Malerei und wurden erst bei einer Restaurierung im 20. Jahrhundert von späteren, schamhafteren Übermalungen befreit.

Michelangelos „Erschaffung Adams"

Zwischen 1508 und 1512 schuf Michelangelo für die Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan ein Deckenfresko, das zu den bekanntesten Bildern der Welt zählt: die „Erschaffung Adams". Es zeigt, wie Gottvater mit ausgestrecktem Zeigefinger den auf einem Hang liegenden, nackten Adam zum Leben erweckt – ein Motiv, dessen sich beinahe berührende Finger millionenfach reproduziert wurden. Das Bild ist Teil eines neunteiligen Zyklus, der die biblische Schöpfungsgeschichte erzählt und unter anderem auch den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies zeigt.

Dürers Studie des vollkommenen Menschen

Albrecht Dürer widmete dem Thema 1504 einen Kupferstich von außergewöhnlicher technischer Verfeinerung. Nach Jahren des Studiums menschlicher Anatomie und antiker Skulpturen – insbesondere des Apollo vom Belvedere und der Venus Medici – gestaltete er Adam und Eva als Verkörperungen idealer, makelloser Schönheit. Die Tiere im Hintergrund, etwa Katze und Maus zu Füßen des ersten Menschenpaares, deuten bereits auf die Spannungen voraus, die mit dem Sündenfall in die Welt kommen. Sein lebenslanges Interesse an den Proportionen des menschlichen Körpers mündete später in sein kunsttheoretisches Hauptwerk „Vier Bücher von menschlicher Proportion", das 1528 – im Todesjahr Dürers – in Nürnberg erschien und bis heute als eines der bedeutendsten Traktate der europäischen Renaissance zu diesem Thema gilt.

Cranachs Wittenberger Werkstattproduktion

Lucas Cranach der Ältere, der als Maler der Reformation eng mit Martin Luther verbunden war, machte Adam und Eva zu einem seiner erfolgreichsten Bildthemen. In seiner florierenden Wittenberger Werkstatt entstanden für den freien Markt zahlreiche Fassungen des Motivs – mehr als fünfzig Ausführungen auf durchweg hohem künstlerischem Niveau lassen sich nachweisen. Cranachs schlanke, manieristisch elegante Figuren prägten das Bild des ersten Menschenpaares in der deutschen Renaissance entscheidend mit. Dass sich so viele dieser Werkstattbilder bis heute in Museen und Sammlungen erhalten haben, gilt als Beleg für die enorme Nachfrage nach diesem Sujet im protestantischen Sachsen des 16. Jahrhunderts.

Tizian und Rubens: Der Sündenfall im Barock

Auch nach der Renaissance blieb das Thema ein Prüfstein für die großen Maler Europas. Tizians um 1550 entstandener „Sündenfall", heute eines der Glanzstücke des Prado in Madrid, zeigt die Schlange mit menschlichem Oberkörper und kindlichem Gesicht, während sie Eva die Frucht reicht – eine Bildidee, die der traditionellen, einseitigen Schuldzuweisung an Eva folgt. Peter Paul Rubens wiederum, der Tizians Komposition in einer eigenen Fassung aufgriff, gestaltete seinen Adam als reifen, nackten Mann, der sich Eva zuwendet und sie behutsam an das Gebot Gottes erinnert – ein feiner, aber bedeutsamer Unterschied, der zeigt, wie unterschiedlich Maler dieselbe biblische Szene psychologisch deuten konnten. Insgesamt übersetzte er den Sündenfall in eine üppige, bewegte Bildsprache, in der Körperlichkeit und Sinnlichkeit deutlich stärker betont wurden als in den zurückhaltenderen Renaissance-Darstellungen seiner Vorgänger.

Adam und Eva in der Gegenwart

Auch wenn die Erzählung von Adam und Eva ihren Ursprung in der religiösen Ikonografie hat, ist sie als Bild vom ersten Menschenpaar, vom Verlust der Unschuld und von Scham und Begehren bis heute wirkmächtig. Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler greifen das Motiv weiterhin auf – nicht selten, um es von seiner theologischen Last zu befreien und ganz neu zu befragen: als Sinnbild für Beziehungen, Identität oder den Umgang mit dem eigenen Körper. Auf BK.net lassen sich Arbeiten entdecken, die diesen jahrhundertealten Stoff in zeitgenössische Bildsprachen übersetzen und damit zeigen, wie lebendig klassische Bildmotive bis heute bleiben können.

Häufige Fragen

Was zeigt Michelangelos „Erschaffung Adams“?

Das zwischen 1508 und 1512 entstandene Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle zeigt, wie Gottvater mit ausgestrecktem Zeigefinger den nackten Adam zum Leben erweckt. Es ist Teil eines neunteiligen Freskenzyklus zur biblischen Schöpfungsgeschichte, der unter anderem auch den Sündenfall darstellt.

Was macht Dürers Kupferstich „Adam und Eva“ von 1504 besonders?

Dürer orientierte sich an antiken Skulpturen wie dem Apollo vom Belvedere und der Venus Medici und schuf nach intensivem Studium der menschlichen Anatomie eine technisch außergewöhnlich feine Darstellung des ersten Menschenpaares als Idealbild von Schönheit.

Warum schuf Lucas Cranach der Ältere so viele Fassungen des Motivs?

Cranach betrieb in Wittenberg eine florierende Werkstatt, die Adam-und-Eva-Darstellungen erfolgreich für den freien Kunstmarkt produzierte. Mehr als fünfzig Ausführungen des Themas auf hohem künstlerischen Niveau lassen sich aus seiner Werkstatt nachweisen.

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