Bronzeguss und Steinbearbeitung
Zwei der traditionsreichsten Verfahren der Bildhauerei stehen für gegensätzliche Herangehensweisen an das Material: das Gießen in Bronze nach dem Wachsausschmelzverfahren als reproduzierende Technik und das Hauen aus dem Marmorblock als radikal subtraktives Verfahren. Beide haben seit der Antike Maßstäbe gesetzt und prägen die Bildhauerei bis heute.Das Wachsausschmelzverfahren
Bronze gilt seit der Antike als das bevorzugte Gussmaterial für Skulpturen – schon ägyptische und griechische Bildhauer kannten das Prinzip des Wachsausschmelzgusses. Wie selten vollständig erhaltene antike Bronzen sind, zeigen die 1972 vor der süditalienischen Küste bei Riace entdeckten griechischen Bronzestatuen aus dem 5. Jahrhundert vor Christus, die heute zu den Hauptwerken des Archäologischen Nationalmuseums von Reggio Calabria zählen – die meisten antiken Bronzefiguren wurden in späteren Jahrhunderten eingeschmolzen und wiederverwertet. Beim sogenannten Wachsausschmelzverfahren – auch Verlorene-Form-Verfahren oder cire perdue genannt – wird zunächst ein Modell aus Ton angefertigt, von dem eine Gipsform abgenommen wird. In dieser Form entsteht ein Wachspositiv, das mit einer feuerfesten Masse umhüllt und gebrannt wird: Das Wachs verbrennt rückstandslos und hinterlässt einen Hohlraum, der beim anschließenden Guss bei rund 1200 Grad Celsius mit flüssiger Bronze ausgefüllt wird. Mehr als zwanzig Arbeitsschritte sind nötig, bis aus dem Urmodell ein fertiges Kunstwerk entsteht – ein Aufwand, der erklärt, warum das Verfahren bis heute als die präziseste Methode gilt, ein Modell in Metall zu übersetzen und feinste Details sowie Hinterschneidungen zu bewahren. Auguste Rodins „Der Denker“ etwa wurde nach diesem Verfahren in den Pariser Ateliers der Gießerfamilie Rudier in Bronze gegossen – bis heute existieren mehr als zwanzig Güsse dieser Figur in Sammlungen weltweit.
Marmor: Das Bild im Block
Während der Bronzeguss eine Form reproduziert, geht die Marmorbildhauerei den umgekehrten Weg: Aus einem massiven Block wird so lange Material entfernt, bis die Figur sichtbar wird. Seine feine Kristallstruktur verleiht dem Marmor eine leicht durchscheinende Oberfläche, die menschliche Haut täuschend echt wirken lässt – eine Eigenschaft, die Bildhauer von der Antike bis zum Barock, etwa Gian Lorenzo Bernini, gezielt nutzten. Michelangelo wählte für seinen „David“ (1501–1504) einen Block aus dem Steinbruch Fantiscritti bei Carrara, den andere Bildhauer zuvor als fehlerhaft verworfen hatten. Mit selbstgefertigten Werkzeugen – der groben Spitzeisen-Subbia für die erste Grobform, dem zweizahnigen Calcagnuolo und schließlich dem feinzahnigen Krallenmeißel Gradina für die Detailarbeit – arbeitete er sich Schicht für Schicht zur endgültigen Form vor. Bis heute reisen Bildhauerinnen und Bildhauer aus aller Welt nach Carrara, um in den dortigen Werkstätten – den sogenannten Laboratori – an Originalen aus dem Stein zu arbeiten, oft in enger Zusammenarbeit mit erfahrenen Steinmetzen vor Ort.
Zwei Wege, ein Ziel
Gusstechnik und Steinbearbeitung verlangen entgegengesetzte Denkweisen: Der Bronzeguss erlaubt das Korrigieren, Vervielfältigen und nachträgliche Bearbeiten über Zwischenstufen aus Ton, Wachs und Gips, während die Arbeit am Marmorblock keinen Rückweg kennt – jeder Hieb ist endgültig. Wer Bronzeguss erlernen will, durchläuft meist eine handwerkliche Ausbildung in einer Gießerei; angehende Steinbildhauerinnen und Steinbildhauer absolvieren dagegen häufiger ein Studium oder eine Lehre, die sich auf den unmittelbaren Umgang mit dem Werkzeug am Stein konzentriert. Diese Gegensätzlichkeit erklärt, warum Bronzeguss und Steinbearbeitung bis heute eigenständige Handwerksfelder mit jeweils eigener Werkzeugkultur geblieben sind. An deutschen Kunsthochschulen wie der Akademie der Bildenden Künste München oder der Kunstakademie Düsseldorf gehören eigene Gieß- und Steinwerkstätten bis heute zur Grundausstattung der Bildhauerei-Klassen.
Kunstgießereien und Steinwerkstätten heute
Das Wachsausschmelzverfahren ist bis heute lebendige Praxis: In deutschen Kunstgießereien wie der Bronzebildgießerei Noack in Leipzig oder Bildguss Ihle in Dresden entstehen Erst- und Auflagengüsse nach Modellen zeitgenössischer Bildhauerinnen und Bildhauer – meist in enger Abstimmung zwischen Künstler und Gießerei-Team. Auch große Familienbetriebe wie die 1919 gegründete Kunstgießerei Strassacker im schwäbischen Süssen, die heute rund 500 Mitarbeitende beschäftigt, halten das traditionelle Handwerk neben modernen Gusstechniken lebendig. Limitierte Auflagen – häufig zwischen drei und zwölf Güssen je Modell – sind dabei branchenüblich und sichern sowohl die Nachvollziehbarkeit als auch den Sammlerwert der einzelnen Güsse. Die Steinbearbeitung wiederum hat computergesteuerte Fräsen als Hilfsmittel hinzugewonnen, mit denen sich Vorformen aus Marmor oder Granit präzise vorarbeiten lassen – die entscheidende Feinarbeit am Werk bleibt jedoch nach wie vor Handarbeit. Auf BK.net sind beide Traditionen vertreten: Künstlerinnen und Künstler, die in Bronze gießen lassen, ebenso wie Bildhauerinnen und Bildhauer, die unmittelbar aus dem Stein arbeiten.
Häufige Fragen
Wie funktioniert das Wachsausschmelzverfahren beim Bronzeguss?
Von einem Tonmodell wird eine Gipsform abgenommen, in der ein Wachspositiv entsteht. Dieses wird mit feuerfester Masse umhüllt und gebrannt – das Wachs verbrennt rückstandslos und hinterlässt einen Hohlraum, der anschließend mit flüssiger Bronze bei rund 1200 Grad Celsius ausgegossen wird. Das Verfahren ist seit Jahrtausenden im Kern unverändert.
Wie entstand Michelangelos „David“ aus dem Marmorblock?
Michelangelo verwendete einen Marmorblock aus dem Steinbruch Fantiscritti bei Carrara, den andere Bildhauer zuvor verworfen hatten. Mit selbstgefertigten Werkzeugen – darunter die grobe Subbia und der feinzahnige Krallenmeißel Gradina – arbeitete er die Figur schrittweise aus dem Stein heraus.
Worin unterscheiden sich Gusstechnik und Steinbearbeitung grundsätzlich?
Der Bronzeguss ist ein reproduzierendes Verfahren über Zwischenstufen aus Ton, Wachs und Gips, das Korrekturen und Vervielfältigung erlaubt. Die Arbeit am Marmorblock dagegen ist rein subtraktiv: Material wird endgültig entfernt, bis die Figur sichtbar wird – ein Vorgang ohne Rückweg.
