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Jesus: Immer wieder am Kreuz

Die Darstellung des gekreuzigten Jesus ist das wirkungsreichste Bild der europäischen Kunstgeschichte. Über anderthalb Jahrtausende hat es sich gewandelt: vom triumphierenden Herrscher am Kreuz zum äußersten Ausdruck menschlichen Leidens – und zurück. Kaum ein anderes Motiv wurde so oft gemalt, gehauen und gegossen wie der Gekreuzigte.
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Warum das Kreuz zunächst gemieden wurde

Das Kreuz war in der Antike ein Zeichen der Schande: Die Kreuzigung galt als die erniedrigendste Hinrichtungsform des Römischen Reichs, vorbehalten für Sklaven und Aufrührer. Die frühe Christenheit mied es daher, den gekreuzigten Jesus bildlich darzustellen – nicht aus Vergesslichkeit, sondern aus theologischer Überzeugung. Das früheste bekannte Bild einer Kreuzigung ist das sogenannte Alexamenos-Graffito, ein in die Wand des Palatinhügels in Rom geritzter Spott: Es zeigt eine Person, die einen gekreuzigten Mann mit Eselskopf anbetet – entstanden vermutlich im 2. oder 3. Jahrhundert nach Christus, kein Kultbild, sondern Hohn. Als Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert die Kreuzigung als Hinrichtungsform abschaffte, verlor das Motiv seinen Schandcharakter. Die bildliche Darstellung des gekreuzigten Jesus wurde seither möglich; zu den frühesten erhaltenen formellen Kreuzigungsdarstellungen zählen Reliefs an den Holztüren der Basilika Santa Sabina in Rom, entstanden um das Jahr 432.

Christus triumphat: der Gekreuzigte als Sieger

Die ersten Jahrhunderte christlicher Kreuzigungsdarstellung folgen einem einheitlichen Bildprogramm: Christus am Kreuz mit offenen Augen, aufrechtem Körper, ohne sichtbare Wunden – der Gekreuzigte als Sieger über den Tod. Dieser Typus wird als Christus triumphat bezeichnet. Christus trägt häufig ein langes Gewand, das sogenannte Colobium, und ist mit einem Heiligenschein ausgestattet; er hängt nicht, er steht am Kreuz. Dieses Bildprogramm blieb in der byzantinischen und romanischen Kunst über Jahrhunderte prägend: Der Gekreuzigte Jesus ist Herrscher, sein Kreuz der Thron. Von Wunden, Qual oder Sterben ist in dieser Darstellungsweise wenig zu sehen – das Kreuz gilt als Symbol des Triumphs, nicht der Niederlage.

Christus patiens: der leidende Menschensohn

Mit der Gotik des 13. Jahrhunderts vollzog sich ein tiefgreifender Wandel in der Kreuzigungsdarstellung. Der triumphierende Christus wich dem Christus patiens – dem leidenden, sterbenden Menschensohn. Die Augen sind geschlossen, der Körper hängt in Erschöpfung, Wunden und Blutstropfen werden sorgfältig dargestellt, die Dornenkrone tritt hinzu. Dieser Typus antwortet auf neue Frömmigkeitspraktiken, die auf persönliche Andacht, Mitgefühl und Identifikation mit dem Leiden Christi setzen. Franziskanische und dominikanische Spiritualität betonten das Menschsein Jesu – und das Bild des Gekreuzigten wurde zum emotionalen Zentrum religiöser Imagination. Der Gekreuzigte Jesus sprach nun den Schmerz der Sterblichen an, nicht ihre Herrschaftssehnsucht. In dieser Form durchzog er die gesamte spätgotische und frühneuzeitliche Kunst.

Grünewald, Rubens, Velázquez: drei Höhepunkte

Die Kreuzigungsdarstellung erreichte im 16. und 17. Jahrhundert eine neue Intensität. Matthias Grünewald malte für den Isenheimer Altar (1512–1516, heute Musée Unterlinden, Colmar) einen gekreuzigten Jesus von extremer körperlicher Drastik: Der Leib ist mit Wunden und Stacheln übersät, grün verfärbt – ein Bild äußerster Qual, das für die kranken Bewohner eines Pestspitals gemalt wurde und ihnen Christus als Leidensgenossen zeigen sollte. Peter Paul Rubens schuf 1610–1611 die „Kreuzaufrichtung" für die Onze-Lieve-Vrouwekathedraal in Antwerpen – ein dramatisches, diagonales Kompositionsgewitter im Stil des Barock, das die körperliche Gewalt der Hinrichtung ins Monumentale steigert. Diego Velázquez dagegen wählte mit „Cristo crucificado" (um 1632, Prado, Madrid) das Gegenteil: stille Größe, dunkler Hintergrund, vier Nägel – ein Bild von kontemplativem Ernst, das bis heute als Inbegriff barocker Kreuzigungsdarstellung gilt.

Das Kruzifix: die dreidimensionale Kreuzigungsdarstellung

Neben Malerei und Grafik entwickelte sich das Kruzifix – die plastische Darstellung des Gekreuzigten – zu einem der bedeutsamsten Objekte christlicher Kunst. Das Gero-Kreuz im Kölner Dom, entstanden um 975/980 n. Chr., gilt als das älteste erhaltene monumentale Kruzifix des Abendlandes: Es zeigt Christus mit geschlossenen Augen und gesenktem Haupt und folgt damit bereits dem Typus des Christus patiens, Jahrhunderte bevor dieser in der Malerei dominierte. Das Kruzifix als dreidimensionales Objekt ist nicht nur Bildwerk, sondern Kultgegenstand – es steht auf dem Altar, hängt über dem Eingang, begleitet das persönliche Gebet. In dieser doppelten Funktion als ästhetisches Objekt und religiöses Zeichen unterscheidet es sich grundlegend von allen anderen Darstellungen des gekreuzigten Jesus.

Kreuzigungsdarstellungen heute und auf BK.net

Das Bildmotiv des Gekreuzigten hat die Epochen der religiösen Kunst überdauert und ist als ikonografisches Erbgut in die gesamte Kunstgeschichte eingegangen. Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler greifen es auf – als Zitat, als Gegenbild, als formales Gerüst. Die Grundstruktur des Kreuzes, die T-Form mit dem erhobenen Arm, die Figur in der Mitte – diese Bildformeln wirken auch dort weiter, wo kein Kruzifix mehr gemeint ist. Die Haltung des Gekreuzigten – Arme weit ausgestreckt, Haupt gesenkt, Körper in der Vertikalen – gehört zu den bildnerischen Urformen, die in grafischen Werken, in Strichzeichnung und algorithmischer Bildkunst auf BK.net ebenso wiederkehren wie in der klassischen Druckgrafik: eine Form, die sich ihrer eigenen Herkunft bewusst ist oder sie gerade überschreitet.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Christus triumphat und Christus patiens?

Christus triumphat bezeichnet Kreuzigungsdarstellungen, in denen Jesus mit offenen Augen, aufrechtem Körper und ohne sichtbare Wunden als Sieger über den Tod dargestellt ist. Christus patiens zeigt den leidenden, sterbenden Menschensohn mit geschlossenen Augen, hängendem Körper und Wunden. Der Wandel vom einen zum anderen vollzog sich in der gotischen Kunst des 13. Jahrhunderts.

Was ist das älteste bekannte Bild einer Kreuzigung?

Das älteste bekannte Bild einer Kreuzigung ist das sogenannte Alexamenos-Graffito vom Palatinhügel in Rom, entstanden im 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr. Es ist keine Verehrung, sondern eine Spottdarstellung: Ein Mensch betet vor einer gekreuzigten Figur mit Eselskopf. Die frühesten devotionalen Kreuzigungsdarstellungen entstanden erst im 5. Jahrhundert.

Warum wurde der gekreuzigte Jesus in der frühen Christenheit kaum dargestellt?

Die Kreuzigung galt im Römischen Reich als die erniedrigendste Hinrichtungsform für Sklaven und Verbrecher. Die frühe Christenheit mied das Motiv aus diesem Grund; erst nachdem Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert die Kreuzigung abschaffte, verlor es seinen Schandcharakter und wurde bildwürdig.