Was die Forschung zur Social-Media-Nutzung zeigt
Eine Studie in Frontiers in Psychology (2024) untersuchte systematisch den Zusammenhang zwischen sozialer Vergleichsdynamik auf Plattformen und psychischem Wohlbefinden. Das Ergebnis: Plattformen, die Kennzahlen wie Likes und Follower sichtbar machen, fördern nachweislich soziale Vergleichsprozesse, die mit einer erhöhten Unzufriedenheit korrelieren – besonders bei Personen, deren Selbstbild eng mit beruflichem Erfolg verknüpft ist. Für Bildende Künstler, die ihre Arbeit öffentlich zeigen und öffentlich bewertet sehen, ist dieser Mechanismus besonders wirksam. Bemerkenswert ist, dass dieser Effekt nicht von der tatsächlichen Qualität der eigenen Arbeit abhängt, sondern von der Sichtbarkeit fremder Erfolge im eigenen Feed. Ein Künstler mit konstanter, anerkannter Praxis kann sich durch den ständigen Vergleich mit kuratierten Erfolgsmomenten anderer ebenso erschöpft fühlen wie jemand am Anfang der Karriere.
Das Verhältnis von Zeitaufwand und Ergebnis
Regelmäßige Social-Media-Präsenz setzt durchgehend Zeit voraus: für die Produktion von Inhalten, das Interagieren mit Kommentaren, die Beobachtung von Trends und die ständige Anpassung an Algorithmusänderungen. Diese Zeit ist real, begrenzt und geht unmittelbar von der eigentlichen Werkproduktion ab. Die Frage, die dabei selten gestellt wird: Was hätte in dieser Zeit alternativ entstehen können? Ein neues Werk, eine offene Atelierbesichtigung, eine ausführliche Residency-Bewerbung, ein fachlicher Austausch mit Kollegen. Die Opportunitätskosten von Social-Media-Aktivität werden in der Diskussion darüber, ob man "aktiver" sein soll, meist nicht eingerechnet, obwohl sie für die tatsächliche künstlerische Entwicklung oft die relevantere Größe sind.
Wie eine gesunde Nutzung aussehen kann
Eine gesunde Nutzung beginnt nicht mit der Frage, wie man mehr Reichweite erzielt, sondern mit der Frage, welchen konkreten Zweck Social Media für die eigene Praxis erfüllen soll. Drei mögliche Zwecke lassen sich grob unterscheiden: die laufende Dokumentation des eigenen Werks für ein interessiertes Publikum, die Vernetzung mit anderen Künstlern und Institutionen, oder der Verkauf über direkte, persönliche Anfragen. Wer den Zweck klar benennt, kann die eigene Nutzung konsequent daran ausrichten – etwa durch feste, begrenzte Zeiten für das Hochladen von Inhalten, ohne den Feed darüber hinaus passiv zu konsumieren. Wichtig ist außerdem, Erfolg nicht ausschließlich an Reichweiten-Kennzahlen zu messen: Eine konkrete Anfrage von einer Galerie oder eine Einladung zu einer Ausstellung ist als Signal weit aussagekräftiger als eine hohe Zahl an Likes oder Followern.
Was Bildende Künstler tun können
Eine realistische Inventur der eigenen Aktivität hilft dabei: Welchen einzelnen Kanälen wird konkret wie viel Zeit gewidmet – und was sind, ehrlich betrachtet, die jeweils nachweisbaren Ergebnisse dieser Zeitinvestition? Wer diese Frage für jede genutzte Plattform getrennt beantwortet, erkennt häufig, dass ein einzelner Kanal den Großteil des Aufwands verursacht, ohne einen entsprechenden Anteil am tatsächlichen Nutzen zu liefern. Pausen von Social Media haben, wie eine Studie in Nature Scientific Reports dokumentiert, zumindest kurzfristig messbar positive Auswirkungen auf das subjektive Wohlbefinden der Teilnehmenden. Für die meisten Bildenden Künstler ist eine Strategie mit weniger Plattformen, klarem Zweck und akzeptabler Frequenz langfristig belastbarer als der Versuch, überall gleichzeitig präsent zu sein. Eine solche Inventur sollte regelmäßig wiederholt werden, weil sich die eigene Einschätzung des Nutzens mit der Zeit verändert – was zu Beginn einer Ausstellungssaison als sinnvoll erscheint, kann unmittelbar danach bereits wieder an Bedeutung verlieren.