Pastellmalerei: Reine Farbe, mit der Hand berührt
Pastell ist Farbe in ihrer unmittelbarsten Form: fast reines Pigment, als Kreide gefasst, ohne trennende Schicht aus Öl oder Firnis. Zwischen Zeichnung und Malerei zu Hause, hat die Technik Karrieren begründet, Salons erobert – und mit Degas einen Meister gefunden, der ihr Samtlicht in die Moderne trug.Was Pastell ist
Pastellkreiden bestehen aus Farbpigmenten und einem Minimum an Bindemittel – gerade genug, um sie in Stangenform zu halten. Beim Strich über raues Papier bleibt das Pigment nahezu pur in den Papierfasern haften. Daher die unverwechselbare Wirkung: Pastellfarben liegen samtmatt und leuchtend auf dem Grund, ungetrübt von Öl, das nachdunkelt, oder Firnis, der glänzt. Was man sieht, ist die Farbe selbst. Gearbeitet wird mit Strich und Fläche, gewischt mit Finger, Papierwischer oder Tuch, geschichtet Ton über Ton – die Technik steht genau zwischen Zeichnung und Malerei, und ihre Meister haben sie immer als beides benutzt. Ihre Kehrseite: Das Pigment bleibt berührungsempfindlich; Pastelle brauchen Schutz, ihr Leben lang.
Rosalba Carriera: eine Frau erobert Europa
Zur großen Form fand das Pastell im 18. Jahrhundert – und an seinem Anfang steht eine Frau: Die Venezianerin Rosalba Carriera machte das Pastellporträt zur europäischen Mode. Ihre weich modellierten, atmosphärischen Bildnisse begeisterten den Adel von Venedig bis Paris; ihr Aufenthalt in Paris 1720/21 löste eine regelrechte Pastellbegeisterung aus, und Höfe in ganz Europa bestellten bei ihr. Carriera wurde Mitglied der Akademien von Rom, Bologna und Paris – für eine Künstlerin ihrer Zeit eine Ausnahmestellung. Das Rokoko wurde zum Jahrhundert des Pastells: Maurice Quentin de La Tour trieb in Frankreich die psychologische Genauigkeit des Pastellporträts auf die Spitze – Gesichter, die zu atmen scheinen, aus Staub gebaut.
Degas: das Pastell wird modern
Seinen größten Meister fand das Pastell im 19. Jahrhundert: Edgar Degas. Seine Tänzerinnen, Büglerinnen und badenden Frauen entstanden zunehmend in Pastell – erst als Ergänzung zur Malerei, dann an ihrer Stelle. Degas behandelte die Technik experimentell wie niemand zuvor: Er schichtete Lagen über Fixativ, kombinierte Pastell mit Monotypie und Gouache, ritzte und wischte, bis flirrende Farbgewebe entstanden, in denen Linie und Fläche untrennbar sind. Gerade als sein Augenlicht nachließ, wurden die Pastelle größer, freier, glühender – Farbereignisse, die den Fauvisten den Weg wiesen. Nach ihm griffen Mary Cassatt für ihre Mutter-Kind-Bildnisse und Odilon Redon für seine visionären Blumen- und Traumbilder zur Kreide: Das Pastell war endgültig in der Moderne angekommen.
Soft, hart, Öl: die Familie der Kreiden
Unter dem Wort Pastell versammeln sich verschiedene Materialien. Weiche Pastelle (Soft Pastels) enthalten am wenigsten Bindemittel – maximale Leuchtkraft, maximale Empfindlichkeit; sie sind das klassische Künstlerpastell. Harte Pastelle und Pastellstifte binden das Pigment fester und eignen sich für Linien und Details. Eine eigene Gattung sind Ölpastelle: Hier ist das Pigment mit Wachs und Öl gebunden – sie haften fett und geschmeidig, lassen sich schichten und verschmelzen, brauchen kein Fixativ und stehen dem Malen näher als dem Zeichnen. Welche Kreide einer Arbeit zugrunde liegt, sieht man der Oberfläche an: samtiger Staub beim weichen Pastell, satter, leicht glänzender Auftrag beim Ölpastell.
Zerbrechlichkeit als Preis der Schönheit
Die Empfindlichkeit des Pastells ist legendär – und beherrschbar. Da das Pigment lose aufliegt, gefährden Berührung und Erschütterung das Bild; Fixative helfen, verändern aber die samtige Oberfläche und werden deshalb sparsam oder gar nicht eingesetzt. Der eigentliche Schutz ist die Rahmung: hinter Glas, mit Passepartout oder Abstandsleiste, damit die Oberfläche die Scheibe nie berührt. So behandelt, sind Pastelle erstaunlich beständig – reine Pigmente ohne vergilbendes Bindemittel halten ihre Farbe über Jahrhunderte, wie die strahlenden Blätter Carrieras und La Tours in den Museen beweisen. Das Pastell ist nicht fragiler als andere Papierkunst – es verlangt nur denselben Respekt.
Das Pastell heute
Auf BK.net begegnet man dem Pastell in seiner ganzen Doppelnatur: als zeichnerisches Medium für Porträt und Figur, als malerisches für Landschaft, Stillleben und freie Farbkomposition – und in der satten, fetten Variante des Ölpastells, die zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler für expressive Arbeiten schätzen. Wer einem Pastell gegenübersteht, sieht Farbe so direkt, wie Malerei sie nur zeigen kann: Pigment, Papier, Hand – nichts dazwischen.
Häufige Fragen
Ist Pastell Zeichnung oder Malerei?
Beides – und genau das macht den Reiz aus. Mit der Kreidekante entstehen Linien wie beim Zeichnen, mit der Breitseite und durch Wischen flächige, malerische Wirkungen. Kunsthistorisch werden Pastelle meist den Arbeiten auf Papier zugerechnet; Meister wie Degas haben die Grenze bewusst aufgelöst.
Was ist der Unterschied zwischen Soft- und Ölpastell?
Weiche Pastelle bestehen aus Pigment mit minimalem Bindemittel – samtmatt, staubend, berührungsempfindlich, klassisch hinter Glas gerahmt. Ölpastelle binden das Pigment mit Wachs und Öl – sie haften fett auf dem Grund, glänzen leicht, brauchen kein Fixativ und verhalten sich eher wie Malfarbe in Stiftform. Beide Techniken haben eigene Stärken und mischen sich nicht gut.
Wie haltbar sind Pastellbilder?
Sehr haltbar, wenn sie geschützt sind: Reine Pigmente ohne öliges Bindemittel vergilben nicht und halten ihre Leuchtkraft über Jahrhunderte – Pastelle des 18. Jahrhunderts wirken bis heute frisch. Entscheidend sind Rahmung hinter Glas mit Abstand zur Oberfläche, Schutz vor Erschütterung und – wie bei aller Papierkunst – vor direkter Sonne.
