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Kunst im Fokus

Die Radierung: Zeichnen in Metall

Die Radierung ist die zeichnerischste aller Drucktechniken: Mit der Nadel wird in eine Metallplatte gezeichnet, fast so frei wie mit dem Stift auf Papier. Von den geätzten Harnischen der Waffenschmiede über Rembrandts Jahrhundertblätter bis zur lebendigen Druckwerkstatt der Gegenwart reicht ihre Geschichte.
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Das Prinzip Tiefdruck

Die Radierung gehört zum Tiefdruck: Gedruckt wird, was in der Platte vertieft liegt. In eine Kupfer- oder Zinkplatte werden Linien geritzt oder geätzt, dann wird Druckfarbe in die Vertiefungen gerieben und die blanke Oberfläche sauber gewischt. Unter dem hohen Druck der Tiefdruckpresse saugt das angefeuchtete Papier die Farbe aus den Linien. Daran lässt sich eine echte Radierung bis heute erkennen: Die Linien stehen fühlbar leicht erhaben auf dem Papier, und um die Darstellung herum zeichnet sich die Plattenkante als feine Prägung ab – der Abdruck des Plattenrandes im Papier.

Vom Harnisch zum Kunstblatt

Die Technik des Ätzens stammt aus den Werkstätten der Waffenschmiede, die seit dem späten Mittelalter Ornamente in Rüstungen und Klingen ätzten. Um 1500 übertrug der Augsburger Daniel Hopfer das Verfahren als Erster auf die Druckgrafik: Er ätzte Eisenplatten und druckte von ihnen. Die früheste datierte Radierung schuf der Schweizer Urs Graf 1513. Auch Albrecht Dürer experimentierte zwischen 1515 und 1518 mit Eisenradierungen, kehrte aber zum Kupferstich zurück. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Techniken: Beim Kupferstich gräbt der Stichel die Linie mit kontrolliertem Kraftaufwand ins Metall – beim Radieren zeichnet die Nadel fast widerstandslos durch einen weichen Ätzgrund, und die Säure übernimmt die Arbeit der Vertiefung. Deshalb wirkt die radierte Linie freier, nervöser, persönlicher.

Rembrandt: das Jahrhundert der Radierung

Kein Künstler hat die Radierung so geprägt wie Rembrandt van Rijn (1606–1669). In rund 300 Radierungen entwickelte er die Technik zur vollwertigen Ausdrucksform: Er kombinierte Ätzung und Kaltnadel, druckte einzelne Platten in verschiedenen Zuständen und nutzte den Plattenton – einen bewusst stehengelassenen Farbschleier – wie ein malerisches Mittel. Blätter wie das „Hundertguldenblatt" (um 1648) oder „Die drei Kreuze" (1653) zeigen, was die Radierung kann: dramatisches Licht aus dichtesten Schraffurlagen, feinste Grauwerte neben tiefem Schwarz, die Spur der zeichnenden Hand in jedem Strich. Rembrandts Radierungen waren schon zu Lebzeiten europaweit gesammelt – die Originalgrafik als eigenständiger Kunstmarkt beginnt hier.

Goya und die Aquatinta

Im 18. Jahrhundert erweiterte die Aquatinta das Repertoire: Dabei wird die Platte mit feinem Kolophoniumstaub bestäubt und geätzt, sodass nicht Linien, sondern flächige Tonwerte entstehen – samtige Grauzonen wie lavierte Tusche. Ihr größter Meister wurde Francisco de Goya. In seinen Folgen „Los Caprichos" (1799) und „Die Schrecken des Krieges" verband er Strichätzung und Aquatinta zu Bildern von beklemmender Dichte – die Druckgrafik wurde bei ihm zum Medium gesellschaftlicher Anklage, vervielfältigbar und dadurch öffentlich. Diese Doppelnatur – intimes Künstlerblatt und verbreitetes Massenmedium – gehört seither zum Wesen der Radierung.

Die Techniken im Überblick

Unter dem Begriff Radierung versammeln sich mehrere Verfahren, die oft kombiniert werden. Die Strichätzung: Zeichnung durch den Ätzgrund, Vertiefung durch Säure. Die Kaltnadel: direktes Ritzen in die blanke Platte, wobei der aufgeworfene Metallgrat die Farbe hält und die charakteristisch weiche, samtige Linie erzeugt – allerdings nur für kleine Auflagen, denn der Grat drückt sich schnell ab. Die Aquatinta für Flächentöne, der Vernis mou (Weichgrundätzung) für kreidige, körnige Linien. Gedruckt wird in begrenzten, vom Künstler nummerierten und signierten Auflagen – die Bleistiftsignatur unter der Darstellung ist seit dem 19. Jahrhundert der Standard der Originalgrafik.

Die Radierung heute

Auf BK.net begegnet man der Radierung als lebendiger Gegenwartstechnik: Künstlerinnen und Künstler schätzen an ihr die Verbindung von zeichnerischer Freiheit und handwerklichem Prozess – und Sammler die Möglichkeit, ein Original in kleiner Auflage zu einem zugänglichen Preis zu erwerben. Gerade als Einstieg in das Sammeln von Kunst ist die Originalradierung seit Rembrandts Zeiten unschlagbar geblieben.

Häufige Fragen

Woran erkennt man eine echte Radierung?

An drei Merkmalen: der fühlbar erhabenen Druckfarbe in den Linien, der eingeprägten Plattenkante rund um die Darstellung und der handschriftlichen Bleistiftsignatur mit Nummerierung (z. B. 12/50) unterhalb des Bildes. Ein gedrucktes Faksimile zeigt diese physischen Spuren nicht.

Was ist der Unterschied zwischen Radierung und Kupferstich?

Beim Kupferstich gräbt der Künstler die Linien mit dem Stichel direkt und mit Kraft in die Platte – das ergibt klare, schwellende Linien. Bei der Radierung zeichnet die Nadel leicht durch einen Ätzgrund, und Säure vertieft die Linien chemisch – die Linienführung ist dadurch freier und zeichnerischer. Bei der Kaltnadelradierung wird ohne Säure direkt geritzt.

Was bedeuten Nummerierung und Bezeichnungen wie e.a. auf Radierungen?

Die Bruchzahl (etwa 12/50) gibt an: Blatt 12 aus einer Gesamtauflage von 50 Drucken. Die Bezeichnung e.a. (épreuve d'artiste) oder A.P. kennzeichnet Künstlerexemplare außerhalb der Auflage. Nach dem Druck der Auflage wird die Platte traditionell gelöscht oder unbrauchbar gemacht.