Von der New Yorker Subway zur Museumssammlung
Graffiti in seiner modernen Form entstand in den späten 1960er-Jahren in New York – auf U-Bahn-Zügen, die als rollende Leinwände durch die Stadt fuhren. Aus dem Tag (Namenszeichen) entwickelte sich ein komplexes Formensystem mit eigener Ästhetik, Hierarchie und Sprache. Jean-Michel Basquiat (1960–1988) begann als SAMO© auf den Wänden SoHos; Keith Haring (1958–1990) malte in U-Bahn-Stationen. Beide wurden von der Galerienwelt absorbiert und sind heute Millionen-Werte auf dem Auktionsmarkt. Basquiats Gemälde „Untitled" (1982) erzielte 2017 bei Sotheby's in New York 110,5 Millionen US-Dollar – der bis dahin höchste Auktionspreis für das Werk eines US-amerikanischen Künstlers. Haring eröffnete 1986 in Manhattan seinen „Pop Shop", in dem er bedruckte Alltagsgegenstände verkaufte und damit die Grenze zwischen Straßenkunst und Massenware bewusst auflöste.
Banksy: Anonymität als Methode
Kein Künstler hat Street Art stärker ins allgemeine Bewusstsein gebracht als Banksy – ein britischer Künstler, dessen Identität bis heute nicht offiziell bestätigt ist. Seine Schablonenarbeiten verbinden einfache Bildsprache mit politischer Schärfe. 2018 selbst-schredderte ein Banksy-Werk unmittelbar nach seiner Versteigerung bei Sotheby's für gut eine Million Pfund – und erzielte drei Jahre später als zertifiziert schreddiertes Werk „Love is in the Bin" für 18,58 Millionen Pfund (Oktober 2021). Der Markt schluckt alles, einschließlich seiner eigenen Unterwanderung.
Shepard Fairey und die politische Grafik
Shepard Fairey (*1970) begann mit einem Aufkleber-Experiment an der Rhode Island School of Design und wurde mit dem „HOPE"-Plakat für Barack Obamas Präsidentschaftskampagne 2008 weltbekannt. Fairey arbeitet an der Schnittstelle von Propagandaästhetik, Popkultur und politischem Aktivismus. Das HOPE-Bild ist das meistgesehene politische Kunstwerk des frühen 21. Jahrhunderts.
JR: Riesenporträts ohne Galerie
Der französische Künstler JR (*1983, Paris) arbeitet anonym unter einem Kürzel und hat die Technik des „Paste-up" – großformatige, in Schwarz-Weiß gedruckte Porträtfotografien, die auf Fassaden, Brücken und Zugwaggons geklebt werden – zur eigenen Bildsprache entwickelt. Sein erstes großformatiges Werk entstand 2004 in der Cité des Bosquets in Montfermeil, einer Pariser Banlieue, die kurz darauf durch die Unruhen von 2005 internationale Aufmerksamkeit erhielt. International bekannt wurde JR 2007 mit „Face2Face", gemeinsam mit dem Fotografen Marco realisiert: überdimensionierte Porträts israelischer und palästinensischer Bürger, in acht Städten auf beiden Seiten der Sperranlage geklebt – eine Arbeit, die zeigte, dass Street Art auch über Konfliktgrenzen hinweg wirken kann. 2011 erhielt JR den TED Prize und gründete mit dem Preisgeld das globale Inside-Out-Project, das Porträts gewöhnlicher Menschen im öffentlichen Raum zeigt.
Street Art heute: Institutionalisierung und Widerstand
Street Art ist institutionalisiert – und das schafft Spannungen. Museen kaufen, Städte beauftragen, Festivals organisieren. Das brasilianische Duo Os Gemeos (*1974) arbeitet mit monumentalen Figurenwelten zwischen Folklore und Zukunft; die amerikanische Künstlerin Swoon (*1978) bringt sozial engagierte Installationen auf Wände weltweit. Im deutschsprachigen Raum zählen El Bocho (Berlin) und das Duo Herakut zu den bekanntesten Positionen, die zwischen Street Art und Galeriearbeit wechseln.
Die Frage nach Erlaubnis
Street Art ohne Erlaubnis ist Sachbeschädigung – juristisch. Kulturell ist die Bewertung komplexer: Viele der ikonischsten Arbeiten entstanden illegal, und die Illegalität war Teil ihrer Aussage. Wie weit diese Institutionalisierung reichen kann, zeigt das Beispiel des MUCA in München: 2016 von Stephanie und Christian Utz als erstes Museum für Urban Art in Deutschland gegründet, umfasst die Sammlung mehr als 1.200 Werke. Das hat Street Art zugänglicher gemacht – und zahmer. Das gilt als Problem für manche Szene und als Normalentwicklung jeder Avantgarde, die zuerst stört und dann gefällt.