Bildende Künstler

Kunst im Fokus

Abstrakte Malerei: Bilder ohne Gegenstand

Vor gut hundert Jahren wagten Malerinnen und Maler den radikalsten Schritt der Kunstgeschichte: Bilder, die nichts mehr abbilden. Farbe, Form und Rhythmus wurden zur eigenen Sprache. Was als Skandal begann, ist heute eine selbstverständliche Bildsprache der Gegenwart – und wird doch immer wieder neu erfunden.
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Was abstrakt bedeutet

Abstrakte Malerei verzichtet auf die Wiedergabe sichtbarer Gegenstände – oder löst sich so weit von ihnen, dass nicht mehr das Motiv, sondern das Bildgeschehen selbst im Mittelpunkt steht. Genau genommen umfasst der Begriff zwei Wege: die Abstraktion, die von einem realen Motiv ausgeht und es vereinfacht, zerlegt oder verdichtet, bis es kaum noch erkennbar ist – und die gegenstandslose Malerei, die von Anfang an ohne Motiv arbeitet, allein mit Farbe, Form, Fläche und Geste. Beide verbindet die Überzeugung, dass ein Bild nicht abbilden muss, um etwas zu sagen: Farbklänge, Spannungen, Gleichgewicht und Bewegung wirken unmittelbar, wie Musik – auf die sich die Pioniere der Abstraktion immer wieder beriefen.

Der Aufbruch um 1910

Die Geburtsstunde der abstrakten Malerei wird traditionell mit Wassily Kandinsky verbunden, der um 1910/1911 in München und Murnau seine Bilder schrittweise vom Gegenstand befreite und 1911 mit der Schrift „Über das Geistige in der Kunst" die theoretische Grundlage lieferte: Farbe und Form sollten direkt auf die Seele wirken, ohne Umweg über das Abgebildete. Die Kunstgeschichte hat dieses Gründungsdatum inzwischen erweitert: Die Schwedin Hilma af Klint malte bereits ab 1906 großformatige ungegenständliche Bildserien – im Verborgenen, von der Öffentlichkeit erst Jahrzehnte nach ihrem Tod entdeckt. Parallel arbeiteten František Kupka und Robert Delaunay in Paris an reinen Farbkompositionen. Die Abstraktion lag um 1910 in der Luft – sie wurde nicht einmal erfunden, sondern mehrfach.

Zwei Pole: Geometrie und Geste

Schon in den ersten Jahrzehnten teilte sich die abstrakte Malerei in zwei Grundhaltungen, die bis heute fortwirken. Auf der einen Seite die geometrische Strenge: Kasimir Malewitsch setzte 1915 mit dem „Schwarzen Quadrat" den Nullpunkt der Malerei, Piet Mondrian reduzierte das Bild auf senkrechte und waagerechte Linien und Grundfarben – Malerei als Ordnung, Klarheit, universelles Gesetz. Auf der anderen Seite die expressive Geste: die freie, gestische, aus der Bewegung des Körpers entstehende Malerei, die das Bild als Spur eines Vorgangs begreift. Zwischen diesen Polen – Konstruktion und Expression, kühler Fläche und bewegter Materie – spannt sich das gesamte Feld der abstrakten Malerei.

Nach 1945: Abstraktion als Weltsprache

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Abstraktion zur dominierenden Bildsprache der westlichen Moderne. In den USA entwickelte der Abstrakte Expressionismus monumentale Formate: Jackson Pollock ließ Farbe in rhythmischen Bahnen auf die am Boden liegende Leinwand tropfen, Mark Rothko schichtete schwebende Farbfelder, die den Betrachter physisch umfangen. In Europa antwortete das Informel – die formlose Kunst – mit Malern wie Wols und Karl Otto Götz: Malerei aus Material, Zufall und Geschwindigkeit. In der jungen Bundesrepublik galt die Abstraktion dabei auch als Zeichen der Freiheit – als bewusster Gegenentwurf zur gleichgeschalteten Staatskunst der NS-Zeit und des Ostblocks.

Abstraktion heute

Längst ist die abstrakte Malerei kein Programm mehr, gegen das man sich entscheiden müsste – sie ist eine Sprache unter mehreren, die Künstlerinnen und Künstler frei wählen und mischen. Gerhard Richter etwa stellte über Jahrzehnte fotorealistische und abstrakte Werkgruppen gleichberechtigt nebeneinander; seine mit der Rakel gezogenen abstrakten Bilder gehören zu den bekanntesten Gemälden der Gegenwart. Zugleich öffnet sich die Abstraktion neuen Werkzeugen: Generative Verfahren, bei denen Algorithmen Formen, Raster und Zufallsstrukturen erzeugen, führen die alte Frage nach Ordnung und Zufall mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts weiter.

Wie man abstrakte Malerei betrachtet

Die häufigste Frage vor einem abstrakten Bild – „Was soll das darstellen?" – ist die am wenigsten ergiebige. Lohnender sind die einfachen Beobachtungen: Wie sind die Farben gesetzt, wo verdichtet sich das Bild, wo öffnet es sich? Ist die Oberfläche glatt oder aufgewühlt, die Geste schnell oder kontrolliert? Abstrakte Bilder erschließen sich über das Sehen selbst – nicht über einen versteckten Inhalt. Auf BK.net begegnet man abstrakter Malerei in vielen Spielarten, von der geometrischen Komposition bis zur freien Geste – und kann dabei erleben, wie unterschiedlich Künstlerinnen und Künstler dieselbe Freiheit nutzen.

Häufige Fragen

Seit wann gibt es abstrakte Malerei?

Die klassische Datierung setzt um 1910/1911 bei Wassily Kandinsky an. Heute weiß man, dass Hilma af Klint bereits ab 1906 großformatige ungegenständliche Serien malte und auch Künstler wie Kupka und Delaunay parallel zur Abstraktion fanden. Die abstrakte Malerei entstand um 1910 an mehreren Orten zugleich.

Was ist der Unterschied zwischen abstrakt und gegenstandslos?

Abstraktion im engeren Sinn geht von einem realen Motiv aus und vereinfacht oder zerlegt es, bis es kaum noch erkennbar ist. Gegenstandslose (ungegenständliche) Malerei verzichtet von vornherein auf jedes Motiv und arbeitet nur mit Farbe, Form und Komposition. Im alltäglichen Sprachgebrauch steht abstrakt meist für beides.

Muss abstrakte Kunst etwas bedeuten?

Nein. Abstrakte Bilder wirken wie Musik unmittelbar über Farbe, Rhythmus, Spannung und Material – sie verschlüsseln in der Regel keine versteckte Botschaft, die es zu erraten gilt. Titel können Hinweise auf Anlass oder Stimmung geben, aber das Bild erschließt sich über das genaue Hinsehen, nicht über eine Auflösung.