Bildende Künstler

Kunst im Fokus

Expressionismus: Wenn Farbe schreit

Der Expressionismus ist der deutsche Beitrag zur Weltkunst des 20. Jahrhunderts: Malerei, die nicht zeigt, wie die Welt aussieht, sondern wie sie sich anfühlt. Grelle Farben, harte Konturen, verzerrte Körper – was 1905 als Provokation begann, prägt die expressive Malerei bis heute.
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Ausdruck statt Abbild

Expressionismus bedeutet wörtlich Ausdruckskunst – und das ist als Kampfansage gemeint: gegen den Naturalismus, der die Welt abbildet, und gegen den Impressionismus, der ihre Oberfläche in Licht auflöst. Der Expressionist malt von innen nach außen: Farbe, Form und Linie folgen nicht dem Augenschein, sondern der Empfindung. Ein Himmel darf rot sein, wenn die Angst rot ist; ein Gesicht grün, eine Straße gekippt. Die Vorläufer dieser Haltung waren Vincent van Gogh, dessen Farbströme reine Erregung sind, und Edvard Munch, dessen „Schrei" (1893) zur Bildformel des modernen Ausdrucks schlechthin wurde. Was bei ihnen Einzelfall war, wurde in Deutschland zur Bewegung.

Dresden 1905: Die Brücke

Am Anfang stehen vier Architekturstudenten in Dresden: Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl gründeten 1905 die Künstlergruppe Brücke – der Name als Programm, eine Brücke zu allem „Werdenden und Gärenden". Die Brücke-Maler arbeiteten in rauschhaftem Tempo: Badende an den Moritzburger Teichen, Atelierszenen, Tänzerinnen, später die nervösen Straßenszenen Kirchners aus Berlin – gemalt in ungemischten, aufeinanderprallenden Farben, gezeichnet in eckigen, getriebenen Linien. Ihr wichtigstes grafisches Medium war der Holzschnitt, dessen harte, splittrige Schnittsprache sie zu neuem Leben erweckten: Kein Stil der Moderne ist so eng mit der Druckgrafik verbunden wie der Expressionismus.

München 1911: Der Blaue Reiter

Die zweite Wurzel liegt in München: Um Wassily Kandinsky und Franz Marc sammelte sich 1911 der Blaue Reiter – weniger eine Gruppe als ein Bund von Einzelgängern, zu dem auch August Macke, Gabriele Münter und Alexej von Jawlensky zählten. Hier war der Expressionismus geistiger, lyrischer, kosmischer: Marcs blaue Pferde und gelbe Kühe suchen die Unschuld der Kreatur, Kandinskys Kompositionen treiben die Farbe über die Schwelle zur Abstraktion. Während die Brücke den Großstadtmenschen sezierte, suchte der Blaue Reiter das Geistige in der Kunst – zwei Temperamente einer Bewegung, die Deutschland für ein Jahrzehnt zum Zentrum der Avantgarde machten, ehe der Erste Weltkrieg sie zerriss: Marc und Macke fielen, Kirchner zerbrach am Kriegstrauma.

Verfemung: „Entartete Kunst"

Kaum eine Kunstrichtung wurde so brutal verfolgt wie der Expressionismus. 1937 ließen die Nationalsozialisten über 20.000 Werke der Moderne aus deutschen Museen beschlagnahmen; die Propagandaschau „Entartete Kunst" stellte Kirchner, Nolde, Heckel und viele andere als Krankheitsfall aus. Werke wurden verramscht, verbrannt, Künstler mit Malverbot belegt. Dass ausgerechnet die deutscheste aller modernen Kunstrichtungen von Deutschland geächtet wurde, gehört zur Tragik des Expressionismus – und erklärt, warum seine Rehabilitierung nach 1945 zugleich eine moralische war: Die junge Bundesrepublik nahm die Verfemten als Klassiker in die Museen zurück.

Das Erbe: expressive Malerei bis heute

Als Stilbegriff bezeichnet der Expressionismus eine historische Epoche – als Haltung ist er nie verschwunden. In den 1980er Jahren kehrte er mit Macht zurück: Die Neuen Wilden in Berlin und Köln malten wieder groß, grell und schnell, gegen die kühle Konzeptkunst der Vorjahre; international sprach man vom Neo-Expressionismus, in Deutschland verkörpert durch Maler wie Georg Baselitz mit seinen auf dem Kopf stehenden Figuren. Bis heute meint „expressiv" in der Malerei genau das, was 1905 erkämpft wurde: sichtbare Geste, gesteigerte Farbe, Vorrang der Empfindung vor der Korrektheit – eine der Grundsprachen zeitgenössischer Malerei.

Expressive Kunst entdecken

Auf BK.net begegnet man dem expressionistischen Erbe in vielfältiger Form: in expressiver Farbmalerei, in der gesteigerten, verzerrten Figur, in kraftvollen Holz- und Linolschnitten, deren harte Schnittsprache direkt auf die Brücke zurückweist. Wer vor einem solchen Werk steht, kann die alte Probe machen: Nicht fragen, ob es ähnlich ist – sondern ob es trifft.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Brücke und Blauem Reiter?

Die Brücke (Dresden, 1905) malte körperlich, direkt und großstädtisch – ungemischte Farben, eckige Linien, Akt und Straßenszene, dazu der raue Holzschnitt. Der Blaue Reiter (München, 1911) um Kandinsky und Marc war geistiger und lyrischer orientiert, suchte das Spirituelle in Farbe und Form und öffnete den Weg zur Abstraktion. Beide gelten als die zwei Hauptströmungen des deutschen Expressionismus.

Warum galt der Expressionismus den Nationalsozialisten als entartet?

Die NS-Ideologie verlangte eine heroische, naturalistische Kunst. Die bewusste Verzerrung, die grellen Farben und die Subjektivität des Expressionismus galten ihr als krankhaft und undeutsch. 1937 wurden über 20.000 Werke der Moderne beschlagnahmt und in der Propagandaausstellung Entartete Kunst diffamiert; viele Künstler erhielten Mal- und Ausstellungsverbot.

Was bedeutet expressiv in der heutigen Malerei?

Expressiv beschreibt eine Malweise, bei der sichtbare Geste, gesteigerte Farbe und Empfindung Vorrang vor naturgetreuer Wiedergabe haben – das Erbe des historischen Expressionismus als zeitlose Haltung. Sie reicht von der figurativen Verzerrung bis zur fast abstrakten Farbgeste und gehört zu den Grundsprachen der Gegenwartsmalerei.