Bildende Künstler

Der Zirkus in der Kunst: Von Seurats Pointillismus zur Tierwohldebatte

Kaum ein Ort hat Künstler so unterschiedlich inspiriert wie die Manege: Georges Seurat sah darin reine Form, Pablo Picasso das Bild des heimatlosen Künstlers, Marc Chagall eine Metapher für das ganze Leben. Im 21. Jahrhundert ist die Bühne dieselbe geblieben, die Frage aber eine andere geworden – ob Tiere überhaupt noch dazugehören dürfen. Wie aus dem Pferd in Seurats letztem Gemälde ein Laserhologramm wurde, zeigt eine Kunstgeschichte des Spektakels, die ihre eigenen Mittel ständig neu erfindet.

Ein Bild, das nie fertig wurde: Seurat im Cirque Fernando

Am 20. März 1891 hängt im Salon des Indépendants in Paris ein Gemälde, das nicht fertig ist: Georges Seurat zeigt „Le Cirque", eine Reiterin auf einem Pferd im Cirque Fernando, der im selben Jahr in Cirque Médrano umbenannt wird. Wenige Tage nach der Eröffnung stirbt Seurat im Alter von 31 Jahren; an mehreren Stellen der Leinwand schimmert bis heute der weiße Bildgrund durch das blaue Rasternetz, mit dem er die Komposition angelegt hatte. Es ist sein drittes großes Zirkusbild nach „Parade de cirque" (1887/88) und „Le Chahut" (1889/90) und zugleich sein letztes. Statt feiner Farbpunkte dominieren hier breite Flächen in Weiß, Rot, Gelb und Blau – ein dekorativerer, plakativerer Stil, den Seurat nicht mehr ausarbeiten konnte. Das Musée d'Orsay in Paris bewahrt das Werk seither als Schlüsselstück seiner Sammlung.

Picasso und die Saltimbanques: Außenseiter in der Rosa Periode

Auch Picasso fand sein Zirkusmotiv im echten Leben: In seinen ersten Pariser Jahren ab 1904 besucht er regelmäßig den Cirque Médrano im Montmartre und beobachtet die Saltimbanques, reisende Akrobaten ohne festen Wohnsitz. 1905 entsteht „Familie der Saltimbanques", sechs Figuren in einer kargen, fast leeren Landschaft – das Schlüsselwerk seiner sogenannten Rosa Periode, die in der Forschung auch als seine Zirkusperiode gilt. Eine Röntgenuntersuchung der National Gallery of Art ergab 1980, dass Picasso über ein Jahr an der Leinwand arbeitete und mindestens zwei frühere Kompositionen darunter verbarg, darunter eine andere Zirkusfamilie. Bei Picasso werden die Wanderartisten zum Sinnbild für die Isolation des Künstlers selbst, fern von bürgerlicher Sesshaftigkeit. 1931 erwarb der Sammler Chester Dale das Gemälde; sein Nachlass übergab es 1963 der National Gallery of Art in Washington, wo es bis heute hängt.

Chagall: der Zirkus als Bild für das ganze Leben

Marc Chagall begegnet dem Motiv über einen Auftrag: 1927 beauftragt ihn der Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard, selbst ein Liebhaber der Manege, nach gemeinsamen Abenden im Cirque d'Hiver mit einer Serie zum Thema Zirkus. Bis 1927 entstehen neunzehn Gouachen unter dem Titel „Cirque Vollard", veröffentlicht wird die Serie damals nicht. Nach Vollards Tod 1939 ruht das Projekt zunächst, doch Clowns, Pferde und Trapezkünstler verschwinden nie ganz aus Chagalls Werk. Erst 1967 vollendet der Verleger Tériade die Idee und bringt 38 Farblithografien unter dem Titel „Cirque" heraus, gedruckt auf Arches-Papier. Für Chagall ist die Manege kein bloßes Sujet, sondern eine Allegorie auf den Künstler selbst: ein Bildraum zwischen Kontrolle und Chaos, Heiterkeit und Melancholie, in dem Körper schweben dürfen wie sonst nur seine fliegenden Liebespaare.

Hologramme statt Dressur: der Zirkus unter Tierwohldruck

Während Seurat, Picasso und Chagall Menschen in der Manege zeigten, dreht sich die Gegenwart um eine andere Frage: was mit den Tieren passiert. Der Kölner Circus Roncalli strich schon in den 1990er-Jahren seine Wildtiernummern, 2018 folgten aus Tierschutz- und logistischen Gründen auch die letzten Pferde- und Ponynummern. Zum Start der Hamburger Tournee 2019 perfektionierte Roncalli stattdessen eine Hologrammshow: Elf Laserbeamer projizieren auf eine eigens gefertigte, 300 Grad umfassende Leinwand Elefanten, Pferde, Goldfische und Schmetterlinge, in einer Auflösung, die rund dreizehnmal höher liegt als bei einem handelsüblichen Full-HD-Fernseher. Der Deutsche Tierschutzbund lobte den Schritt: Fachreferentin Leonie Weltgen nannte Roncalli eine „wichtige Vorreiterposition" und forderte finanzstarke Zirkusunternehmen auf, Haltung und Dressur ihrer Tiere zu überdenken. Dieter Seeger, Tierschutzbeauftragter des Circus Charles Knie und Vorsitzender des Verbandes Deutscher Circusunternehmen, widersprach: „Das ist totaler Quatsch", Tiere gehörten zum Zirkus dazu, und für Tierleid in der Manege gebe es keinen wissenschaftlichen Beleg. Die Manege bleibt damit ein Ort, an dem Bild und Wirklichkeit aufeinandertreffen – nur dass die Illusion heute aus Lasern besteht und nicht mehr aus Farbe.

Schon gewusst?

Warum blieb Seurats Gemälde „Le Cirque" unvollendet?

Georges Seurat stellte das Bild im März 1891 im Salon des Indépendants aus und starb wenige Tage später im Alter von 31 Jahren. An mehreren Stellen der Leinwand ist deshalb bis heute der weiße Bildgrund mit dem blauen Kompositionsraster sichtbar, das er vor dem Farbauftrag angelegt hatte.

Welche Verbindung hat Picasso zum Zirkus?

Picasso besuchte ab 1904 regelmäßig den Cirque Médrano in Montmartre und übertrug das Bild der reisenden Saltimbanques als Sinnbild für Außenseitertum auf sein Gemälde „Familie der Saltimbanques" von 1905, das Schlüsselwerk seiner Rosa Periode.

Wie geht die Zirkusbranche heute mit Tierwohlkritik um?

Uneinheitlich: Circus Roncalli verzichtet seit 2018 vollständig auf Tiere und ersetzt sie durch Laserhologramme, während andere Unternehmen wie Circus Charles Knie an klassischen Tierdarbietungen festhalten und wissenschaftliche Belege für Tierleid bestreiten.

Quellen & Hinweishttps://www.musee-orsay.fr/en/artworks/le-cirque-542https://en.wikipedia.org/wiki/The_Circus_(Seurat)https://www.nga.gov/artworks/46665-family-saltimbanqueshttps://www.nga.gov/stories/articles/isolation-pablo-picassos-family-saltimbanqueshttps://musees-nationaux-alpesmaritimes.fr/chagall/https://www.marcchagall.com/en/discovery/themes/circus/vollard-circus-clown-white-horse-1927https://www.schwaebische.de/panorama/circus-roncalli-zeigt-hologramme-statt-echter-tiere-266339

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI erstellt und redaktionell geprüft.