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Kunst im Fokus

Gips in der Bildhauerei

Kaum ein Material hat die Bildhauerei so unauffällig und zugleich nachhaltig geprägt wie Gips: leicht zu beschaffen, unkompliziert zu verarbeiten und seit der Antike als Werkstoff für Modelle, Abgüsse und – bei manchen Künstlern – auch für eigenständige Werke geschätzt.
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Ein Material mit langer Geschichte

Der Name Gips geht auf das griechische „gypsos“ zurück – ein Hinweis darauf, wie lange Mittelmeerkulturen das Mineral bereits kannten und nutzten. Gebrannter Gips diente bereits beim Bau der Pyramiden und der Türme von Jericho als Bindemittel; die Griechen verwendeten ihn als Putz und für Flachreliefs. Nach dem Niedergang des Römischen Reichs geriet die Technik des Gipsbrennens zeitweise in Vergessenheit und wurde erst um 1300 in Italien wiederentdeckt. Bildhauer und Baufachleute der Frührenaissance entwickelten das Verfahren neu, und in Barock und Rokoko erreichten Stuckarbeiten aus Gips eine erste Blütezeit kunsthandwerklicher Virtuosität – in Süddeutschland etwa prägte die sogenannte Wessobrunner Schule vom 17. bis ins 18. Jahrhundert den Stuckdekor zahlreicher Kirchen und Schlösser und brachte Generationen virtuoser Stuckateure hervor.

Vom Tonmodell zur dauerhaften Form

Chemisch handelt es sich bei Gips um Calciumsulfat-Dihydrat, ein weiches, fein vermahlenes und gebranntes Mineral. Je nach Brenntemperatur entstehen unterschiedliche Gipsarten – bei rund 80 Grad etwa der feinkörnige Modell- oder Formgips, daneben gröbere Sorten wie Stuckgips, deren Härte und Körnung die jeweilige Verarbeitung bestimmen. Beim Anrühren mit Wasser setzt eine exotherme Reaktion ein, durch die der Gips innerhalb weniger Minuten aushärtet – ein Vorgang, der Bildhauerinnen und Bildhauern ein enges Zeitfenster für Korrekturen am Modell vorgibt. Seine nahezu unbeschränkte Möglichkeit, Material anzutragen oder wieder abzunehmen, macht Gips zur idealen Zwischenstufe zwischen einem vergänglichen Tonmodell und einem dauerhaften Bronzeguss – eine Vorstufe, ohne die ein Großteil der neuzeitlichen Bronzeplastik kaum denkbar wäre.

Vom Hilfsmittel zum eigenständigen Werk

Für manche Bildhauer wurde Gips weit mehr als nur eine Zwischenstufe. Alberto Giacometti etwa arbeitete zwischen 1920 und etwa 1947 überwiegend mit Gips, bemalte und überarbeitete seine Figuren immer wieder in diesem Material – Werke wie seine bemalten Gipsfiguren der 1940er-Jahre zählen heute zu den gesuchtesten Stücken seines Œuvres, nicht wenige existieren ausschließlich als Gipsversion. Auch in der Gegenwartskunst bleibt Gips ein vielseitiger Werkstoff: Die britische Bildhauerin Rachel Whiteread etwa nutzt seit den späten 1980er-Jahren Abgüsse aus Gips und anderen Materialien, um die verborgenen Innenräume alltäglicher Objekte sichtbar zu machen – mit „House“, dem 1993 in London realisierten Betonabguss eines gesamten Reihenhausinneren, gewann sie als erste Frau den renommierten Turner Prize; das Kunstwerk wurde wenige Monate nach seiner Fertigstellung wieder abgerissen.

Gips in der Gegenwartskunst

Auch über Giacometti und Whiteread hinaus hat sich Gips als eigenständiges künstlerisches Ausdrucksmittel etabliert. Der US-amerikanische Bildhauer George Segal goss ab den 1960er-Jahren lebensgroße Figuren direkt von echten Menschen ab und versetzte sie in alltägliche Szenerien – ein Verfahren, das den Abguss endgültig vom technischen Hilfsmittel zum eigenständigen Kunstwerk machte. Auch Künstlerinnen wie Asta Gröting oder Teresa Margolles arbeiten mit Abformungen, um Körper, Räume oder gesellschaftliche Spuren sichtbar zu machen. Welchen Stellenwert das Material besitzt, zeigt nicht zuletzt die Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin: Die seit rund 200 Jahren tätige Werkstatt gilt als die größte ihrer Art weltweit und verwahrt mehr als 7.000 Abformungen historischer Kunstwerke.

Gips in Werkstatt und Ausbildung heute

Gips bleibt bis heute das Material, an dem viele Bildhauerinnen und Bildhauer ihre ersten Erfahrungen mit Form, Volumen und Oberfläche sammeln – es lässt sich leichter bearbeiten als Stein, verzeiht Korrekturen und ist überall verfügbar. In Werkstätten und an Kunsthochschulen dient es nach wie vor als Material für Studien, Bozzetti und Zwischenformen, bevor ein Werk in ein dauerhafteres Material überführt wird. Gleichzeitig hat sich, wie die Beispiele Segals, Grötings oder Margolles' zeigen, der Blick auf das Material gewandelt: Was einst als bloßes Hilfsmittel galt, wird zunehmend als eigenständiger künstlerischer Ausdruck ernst genommen, ausgestellt und gehandelt. Auf BK.net finden sich Arbeiten, die diese Bandbreite widerspiegeln – von ersten Studien in Gips bis zu Werken, die das Material bewusst als endgültige Form gewählt haben.

Häufige Fragen

Warum spielt Gips in der Bildhauerei eine so wichtige Rolle?

Gips lässt sich leicht beschaffen, fein vermahlen und unkompliziert verarbeiten. Seine Eigenschaft, Material beliebig an- und abzutragen, macht ihn zur idealen Zwischenstufe zwischen einem vergänglichen Tonmodell und einem dauerhaften Bronzeguss – eine Technik, die seit der Frührenaissance zur bildhauerischen Werkstattpraxis gehört.

Seit wann wird Gips in der Kunst verwendet?

Gebrannter Gips diente bereits beim Bau der Pyramiden als Bindemittel und wurde von den Griechen für Putz und Flachreliefs genutzt. Nach einer Unterbrechung wurde die Technik um 1300 in Italien wiederentdeckt und erlebte in Barock und Rokoko mit kunstvollen Stuckarbeiten eine erste Blütezeit.

Welche Künstler haben Gips als eigenständiges Material genutzt?

Alberto Giacometti arbeitete zwischen 1920 und etwa 1947 überwiegend mit Gips und schuf Werke, die ausschließlich in dieser Form existieren. Die britische Bildhauerin Rachel Whiteread nutzt Gips- und andere Abgüsse, um die verborgenen Innenräume alltäglicher Objekte sichtbar zu machen.

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