Kunsthaus Wiesbaden: Ateliers aus einer Besetzung
Als die ehemalige Werkkunstschule am Schulberg 10 im Jahr 1982 frei wurde, stritten Stadt und Kulturszene fünf Jahre lang über die künftige Nutzung des Gebäudes. 1986 beendete der Bildhauer Helmut Schulze-Reichenberg, Vorsitzender des Berufsverbands Bildender Künstler (BBK) Wiesbaden, den Stillstand: Er rief gleichgesinnte Künstlerinnen und Künstler in einem Rundschreiben zusammen, besetzte mit ihnen das Gebäude und organisierte in der Aula eine große Ausstellung. Räume im Haupt- und im Nebengebäude wurden umgehend zu Ateliers umfunktioniert, ohne dass die Stadt zu diesem Zeitpunkt formell zugestimmt hatte. Schon im Jahr darauf, 1987, öffneten die neuen Arbeitsräume erstmals zum »Tag der offenen Ateliers« für ein interessiertes Publikum.
Seit 1989 gehört das Haus der Stadt Wiesbaden, 2011 kam ein Erweiterungsbau hinzu. Nach einer Sanierung öffnete das Kunsthaus im September 2025 wieder seine Türen: Elf Ateliers stehen seither 14 Künstlerinnen und Künstlern zur Verfügung, die regelmäßig zu Werkstattgesprächen und offenen Tagen einladen und damit fast vier Jahrzehnte künstlerischer Selbstorganisation am Schulberg fortsetzen.
Offene Ateliers am Rhein
Jenseits des Kunsthauses organisiert sich die Wiesbadener Künstlerschaft in den »Offenen Ateliers am Rhein«: Rund 33 Künstlerinnen und Künstler öffnen ihre Arbeitsräume in Biebrich, Schierstein, Walluf und Eltville für Besucherinnen und Besucher. Die Walkmühle und die seit Jahrzehnten bestehende Werkgemeinschaft »Bunte Reiter« gehören zu den festen Adressen dieses Rundgangs entlang des Rheins. Malerei, Skulptur, Keramik und Druckgrafik liegen dabei oft Tür an Tür, häufig in ehemaligen Wohn- oder Wirtschaftsgebäuden der historischen Villenviertel, die den Werkräumen einen jeweils eigenen Charakter geben.
Nassauischer Kunstverein: Vernissagen und Vermittlung
Der Nassauische Kunstverein wurde am 16. Juli 1847 gegründet und ist die älteste bürgerliche Kunstinitiative der Stadt. Seit 1979 hat er seinen Sitz in der Wilhelmstraße 15. Zu Vernissagen und Veranstaltungen öffnet der Verein seinen Ausstellungsraum für ein breites Publikum; Künstlergespräche und Rundgänge bieten direkten Kontakt zu den ausgestellten Künstlerinnen und Künstlern; das Programm richtet sich bewusst an ein kunstinteressiertes, nicht-akademisches Publikum.
Beide Adressen – Kunsthaus und Kunstverein – ergänzen sich: Während der Kunstverein als Ausstellungsort für wechselnde Positionen dient, sind die Ateliers im Kunsthaus dauerhaft von Künstlerinnen und Künstlern bewohnt und gehören damit zu den wenigen Orten in Wiesbaden, an denen Werkstattbesuche im eigentlichen Sinn möglich sind.
Museum Wiesbaden als Ergänzung
Wer die Wiesbadener Künstlerszene erlebt hat, findet im Museum Wiesbaden eine sinnvolle Ergänzung. Seit der Übernahme in hessische Trägerschaft 1973 zeigt es unter anderem die Jawlensky-Sammlung, die der frühere Museumsdirektor Clemens Weiler seit den 1950er- und 1960er-Jahren aufgebaut hat und die heute 111 Werke umfasst. Führungen erschließen sowohl die Klassische Moderne als auch das Jawlensky-Archiv; ergänzend zeigt das Haus eine umfangreiche Naturkundesammlung, die das Programm über die bildende Kunst hinaus erweitert.
Wer in Wiesbaden Kontakt zu einer Künstlerin oder einem Künstler sucht, findet die passenden Angaben am besten über deren eigene Website oder die Social-Media-Kanäle. Zwischen Kunsthaus, Rheinufer-Ateliers und Kunstverein lässt sich ein Wiesbaden-Besuch so gestalten, dass die Begegnung mit den Kunstschaffenden selbst im Mittelpunkt steht. Wer danach noch weiterreisen will, findet die Kunsthochschule in Mainz und die Frankfurter Museumslandschaft in weniger als einer Stunde Bahnfahrt erreichbar – die drei Städte bilden zusammen eine dichte Rhein-Main-Kunstregion.