Die Prägung
Frankfurt (Oder) war bis 1945 eine einzige Stadt; die Oder als neue Grenze trennte das westliche Frankfurt von der östlichen Dammvorstadt, die unter dem Namen Słubice polnisch wurde. Dieser Einschnitt hat die Kunstgeschichte der Stadt in zwei Kapitel geteilt: das Erbe einer mittelgroßen preußischen Bürgerstadt mit eigenem Museum und Kulturleben einerseits, die DDR-Kunstszene andererseits. Das Museum Junge Kunst, 1964 gegründet, baute eine der bedeutendsten Sammlungen zur Kunst der DDR auf -- mit einem Schwerpunkt auf ostdeutscher Malerei und Grafik, die jenseits der offiziellen SED-Kunstpolitik entstand. 2017 fusionierte es mit dem dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus zum Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst (BLMK); die Sammlung umfasst seither Kunst aus Ostdeutschland von 1945 bis zur Gegenwart an zwei Standorten. Heinrich von Kleist (1777--1811), in Frankfurt (Oder) geboren, steht für einen anderen Strang der Stadtgeschichte: die Verbindung von literarischer und bildender Tradition, die das Kleist-Museum mit Arbeiten von Max Slevogt, Oskar Kokoschka, Max Liebermann und Horst Janssen sichtbar macht -- allesamt Künstler, die Kleists Werk in Bild übersetzt haben.
Arbeiten in Frankfurt (Oder)
Die Europäische Universität Viadrina, 1991 als deutsch-polnische Hochschule neu gegründet, ist der wichtigste strukturelle Motor der zeitgenössischen Kunstszene. Rund 6.000 Studierende aus Deutschland, Polen und über 80 weiteren Ländern prägen das kulturelle Klima der Stadt; Kunstprojekte, die an der Viadrina entstehen, denken Grenzüberschreitung nicht als Metapher, sondern als geografische Tatsache. Für Bildende Künstlerinnen und Künstler ist die Doppelstadt Frankfurt--Słubice ein außergewöhnlicher Arbeitsraum: Die Transformationsgeschichte nach 1990 hat in beiden Städten Leerstand hinterlassen, der als Atelierfläche genutzt werden kann. Das Land Brandenburg unterstützt Kunstschaffende in strukturschwachen Regionen durch eigene Förderprogramme; Stipendien und Produktionskostenzuschüsse ermöglichen auch in Frankfurt (Oder) freie Kunstproduktion. Die Nähe zu Berlin -- etwa 80 Kilometer westwärts -- sichert die Anbindung an den größten Galerienmarkt Deutschlands. Künstlerinnen und Künstler, die in Frankfurt (Oder) arbeiten, verbinden damit häufig die ruhige Produktionssituation an der Oder mit dem Ausstellungs- und Marktzugang der Metropole.
Ausstellungen in Frankfurt (Oder)
Das BLMK Frankfurt (Oder) zeigt Wechselausstellungen in der Rathaushalle und im Packhof, einem ehemaligen Lagerbau am Oderufer. Beide Räume haben ihren eigenen Charakter: Die gotische Rathaushalle ist ein Repräsentationsraum, der Kunst im Kontext historischer Architektur zeigt; der Packhof ist ein industrieller Ausstellungsraum, der großformatige Installationen erlaubt. Die Sammlung selbst -- mit Werken von Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Harald Metzkes und weiteren ostdeutschen Künstlerinnen und Künstlern -- ist eine der wichtigsten Ressourcen zur Erforschung der DDR-Bildkunst. Das Kleist-Museum ergänzt dieses Profil um eine Kunstsammlung, die Literatur und Bild verbindet: Illustrationen, Buchkunst und interpretative Werke zu Kleists Texten. Grenzüberschreitende Ausstellungsprojekte -- zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice, zwischen deutschen und polnischen Institutionen -- sind fester Bestandteil des lokalen Ausstellungsgeschehens.
Frankfurt (Oder) heute
Frankfurt (Oder) bietet für Kunstinteressierte ein Profil von thematischer Schärfe, die kaum eine andere deutsche Stadt aufweist: die DDR-Kunstgeschichte im BLMK, die literarisch-bildnerische Tradition im Kleist-Museum, die grenzüberschreitende Produktion im Viadrina-Milieu. Was die Stadt nicht hat, ist ein breites Galeriennetz. Was sie stattdessen hat, ist eine Konzentration auf ein spezifisches Thema -- ostdeutsche Kunstgeschichte nach 1945 und ihre Fortführung im vereinten Europa -- die kein anderer Ort in Deutschland so dicht und reflektiert verhandelt.