Bildende Künstler

Das Selbstporträt: Modell und Beobachter zugleich

Im Selbstporträt wird der Künstler zugleich zum Modell und zum Beobachter seiner selbst. Was im Mittelalter zunächst als religiöse Geste begann, entwickelte sich seit der Renaissance zu einer eigenständigen Bildgattung, in der sich Selbstbild, gesellschaftlicher Status und Selbstbefragung auf engstem Raum verbinden.
1 / 3Weiter

Vom religiösen Zeichen zur eigenständigen Gattung

Im Mittelalter tauchten Selbstdarstellungen vor allem in religiösem Zusammenhang auf, etwa als kleine Stifterfigur am Bildrand oder als verstecktes Zeichen der Verbindung des Künstlers zu seinem Schöpfer. Mit der Renaissance änderte sich das grundlegend. Die Verbreitung von Glasspiegeln und ein neues Selbstbewusstsein des Künstlerberufs machten das Selbstporträt zu einer eigenständigen Bildform. Künstlerinnen und Künstler hielten darin nicht nur ihr Aussehen fest, sondern auch ihr Selbstverständnis, ihren gesellschaftlichen Anspruch und ihre innere Verfassung – ein Schritt, der die Gattung bis heute prägt. Schon 1433 schuf Jan van Eyck mit dem oft als Selbstbildnis gedeuteten „Mann mit rotem Turban" einen frühen Höhepunkt individualisierter Porträtkunst – ein Tafelbild mit der rätselhaften Inschrift „Als ich kann". Es bereitete diese Entwicklung entscheidend vor.

Dürer und die Inszenierung des Künstlers als Intellektueller

Albrecht Dürer zählt zu den ersten Künstlern, die sich wiederholt und bewusst selbst porträtierten – im Lauf seines Lebens entstanden sechzehn Selbstbildnisse in unterschiedlichen Techniken und Kompositionen. Sein „Selbstbildnis im Pelzrock" von 1500, heute in der Alten Pinakothek in München, zeigt ihn in einer für weltliche Porträts höchst ungewöhnlichen Frontalansicht. Sie erinnert bewusst an die Ikonografie Christi als Salvator Mundi – ein selbstbewusstes Bekenntnis zur Würde des Künstlerberufs.

Rembrandt: Das Selbstbildnis als Lebensspur

Rembrandt van Rijn schuf im Lauf seines Lebens mehr als neunzig Selbstporträts in Malerei, Radierung und Zeichnung – ein gemaltes und gezeichnetes Tagebuch ohne Vorbild. Es dokumentiert seine künstlerische Entwicklung ebenso wie sein persönliches Altern, von der selbstbewussten Pose des jungen Mannes bis zu den von Falten und Lebenserfahrung gezeichneten Spätwerken. Kaum ein anderer Künstler hat sich selbst über einen derart langen Zeitraum so unbestechlich beobachtet und festgehalten. Auch Artemisia Gentileschi nutzte das Selbstporträt strategisch. In ihrem um 1638/39 entstandenen Bild „Selbstbildnis als Allegorie der Malerei" inszenierte sie sich selbst als Personifikation der Kunst. Damit behauptete sie zugleich ihren Anspruch als Malerin in einer von Männern dominierten Zunft.

Frida Kahlo: Schmerz, Identität und Selbstbefragung

Im 20. Jahrhundert machte die mexikanische Malerin Frida Kahlo das Selbstporträt zum Zentrum ihres Schaffens. Rund 55 ihrer etwa 143 Gemälde zeigen sie selbst – meist mit unbewegter Miene, umgeben von Symbolen aus Natur und Mythologie. Geprägt waren die Bilder von einem schweren Unfall in ihrer Jugend und von gesundheitlichen Leiden, die sie ein Leben lang begleiteten. In Werken wie „Die zwei Fridas" (1939) oder „Selbstbildnis mit Dornenhalsband und Kolibri" (1940) verdichtet sie körperlichen und seelischen Schmerz, Herkunft und Identität zu einer unverwechselbaren Bildsprache. Sie male sich selbst, weil sie so oft allein sei und weil sie das Motiv sei, das sie am besten kenne – so hat Kahlo ihre Praxis erklärt. Treffender lässt sich das Selbstporträt als Werkzeug der Selbsterkenntnis kaum beschreiben.

Cindy Sherman: Inszenierung statt Abbild

Die US-amerikanische Fotografin Cindy Sherman dreht das klassische Selbstporträt seit den 1970er-Jahren gewissermaßen um. In ihren berühmten „Untitled Film Stills" und späteren Serien tritt sie zwar selbst vor die Kamera – doch nicht, um sich selbst zu zeigen. In immer neuen Rollen, Kostümen und Maskeraden macht sie gesellschaftliche Frauenbilder und mediale Klischees sichtbar. Ihr Werk gilt als Meilenstein der konzeptuellen Fotografie und zeigt, wie sich das Selbstporträt von der Suche nach dem „wahren Ich" hin zu einem Werkzeug der Gesellschaftsanalyse wandeln kann. Auch heute greifen Fotokünstlerinnen und Fotokünstler wie der Japaner Yasumasa Morimura und die Britin Gillian Wearing Shermans Strategie der Selbstinszenierung auf. Morimura montiert sich in berühmte Gemälde und Filmstills, Wearing verbirgt sich hinter Silikonmasken fremder Gesichter. Beide stellen damit Fragen von Identität, Geschlecht und medialer Repräsentation auf eigene Weise neu.

Das Selbstporträt heute: vom Atelier zum Selfie

In einer Gegenwart, in der das Selfie zum alltäglichen Massenphänomen geworden ist, gewinnt das künstlerische Selbstporträt seine Bedeutung gerade aus dem Unterschied. Es nimmt sich Zeit, reflektiert Körper, Identität und Lebensgeschichte und sucht nach einer eigenen Bildsprache statt nach schnellem Beifall. Manche Künstlerinnen und Künstler kehren dabei bewusst zu traditionellen Medien wie Zeichnung und Ölmalerei zurück – als bewusste Verlangsamung gegenüber dem digitalen Tempo. Schon Vincent van Gogh hatte während seiner Jahre in Paris und Arles weit über dreißig Selbstporträts geschaffen, in denen er mit Farbe, Pinselführung und Blickwinkel experimentierte – ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie viel Raum zur Selbstbefragung in diesem scheinbar einfachen Bildtyp steckt.

Schon gewusst?

Wie veränderte sich die Bedeutung des Selbstporträts seit dem Mittelalter?

Im Mittelalter erschienen Selbstdarstellungen vor allem in religiösen Zusammenhängen. Mit der Renaissance entwickelte sich das Selbstporträt zu einer eigenständigen Bildgattung, in der Künstlerinnen und Künstler ihr Selbstverständnis, ihren gesellschaftlichen Status und ihre innere Welt zum Ausdruck brachten.

Was ist an Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ von 1500 bemerkenswert?

Das Gemälde zeigt Dürer in einer für weltliche Porträts ungewöhnlichen Frontalansicht, die bewusst an die Ikonografie Christi als Salvator Mundi erinnert. Damit erhob Dürer den Künstlerberuf zu einer Würde, die bis dahin religiösen Darstellungen vorbehalten war.

Wie viele Selbstbildnisse schufen Dürer und Rembrandt?

Albrecht Dürer schuf im Lauf seines Lebens sechzehn Selbstbildnisse, Rembrandt van Rijn sogar mehr als neunzig. Beide Werkgruppen dokumentieren nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern auch die künstlerische Entwicklung und das persönliche Altern der jeweiligen Künstler.

Quellen & Hinweishttps://www.nationalgallery.org.uk/paintings/jan-van-eyck-portrait-of-a-man-self-portraithttps://www.rct.uk/collection/405551/self-portrait-as-the-allegory-of-painting-la-pitturahttps://www.moma.org/collection/works/56281https://www.pinakothek.de

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI erstellt und redaktionell geprüft.