Bildende Künstler

Kunst im Fokus

Pop Art: Kunst aus dem Supermarkt

Suppendosen, Comics, Filmstars: Die Pop Art erklärte in den 1960er Jahren die Warenwelt zur Bildwelt – und stellte damit die Frage, die bis heute offen ist: Wo endet die Werbung, wo beginnt die Kunst? Eine Stilgeschichte zwischen London, New York und Düsseldorf.

Was Pop Art ist

Pop Art ist die Kunst der Massenkultur: Sie nahm ihre Motive nicht aus Natur, Mythos oder Innenleben, sondern aus Werbung, Comics, Film, Verpackungen und Konsumalltag – und übernahm gleich auch deren Formensprache: klare Konturen, flache, leuchtende Farben, serielle Wiederholung, glatte Oberflächen ohne sichtbare Handschrift. Das war doppelt provokant: gegen den damals herrschenden Abstrakten Expressionismus mit seinem Pathos der Geste – und gegen die Vorstellung, Kunst müsse sich vom Kommerz fernhalten. Die Pop Art behauptete das Gegenteil: Die Bilderwelt des Alltags ist die eigentliche Bildwelt der Gegenwart, und wer sie ignoriert, malt an seiner Zeit vorbei.

London zuerst: die Independent Group

Entgegen dem amerikanischen Image begann die Pop Art in London. Dort diskutierte ab 1952 die Independent Group – Künstler, Architekten und Kritiker um Richard Hamilton und Eduardo Paolozzi – über Werbung, Science-Fiction und amerikanische Konsumgüter als ernstzunehmende Kultur. Hamiltons kleine Collage „Just what is it that makes today's homes so different, so appealing?" von 1956 – ein Wohnzimmer voller Markenprodukte, Bodybuilder und Pin-up – gilt als Gründungsbild der Bewegung; seine spätere Definition von Pop („populär, kurzlebig, billig, massengefertigt, witzig, sexy, raffiniert, Big Business") liest sich wie ihr Programm. Der Begriff Pop Art stammt aus diesem Londoner Umfeld – Jahre bevor New York ihn weltberühmt machte.

New York: Warhol, Lichtenstein und die Serie

Zur Weltbewegung wurde die Pop Art Anfang der 1960er Jahre in New York. Andy Warhol stellte 1962 seine 32 Campbell's-Suppendosen aus und übertrug fortan Pressefotos von Stars und Katastrophen im Siebdruck auf Leinwand – seriell, in Farbvarianten, mit der demonstrativen Anonymität einer Fabrik, die er auch so nannte: Factory. Roy Lichtenstein vergrößerte Comic-Bilder samt Sprechblasen und Rasterpunkten zu monumentalen Gemälden – scheinbar mechanisch, tatsächlich präzise komponiert. Claes Oldenburg baute Alltagsdinge als schlaffe Riesenskulpturen, James Rosenquist montierte Werbefragmente zu wandfüllenden Bildern. Gemeinsam war ihnen die kühle Verweigerung des Persönlichen: Die Pop Art zeigt die Oberfläche der Warenwelt – ob als Feier, Diagnose oder Kritik, ließ sie bewusst offen.

Die deutsche Antwort: Kapitalistischer Realismus

Auch Deutschland reagierte – mit Ironie. 1963 riefen die Düsseldorfer Kunststudenten Gerhard Richter und Konrad Lueg, später zusammen mit Sigmar Polke, den „Kapitalistischen Realismus" aus: eine doppelbödige Anspielung auf den Sozialistischen Realismus des Ostens und die Konsumwelt des Westens, inszeniert unter anderem in einer legendären Ausstellung in einem Möbelhaus. Polke malte Rasterbilder aus vergrößerten Druckpunkten und Motive auf Dekostoffen, Richter glich seine Malerei verschwommenen Pressefotos an. Die deutsche Variante war skeptischer als die amerikanische – im Land des Wirtschaftswunders wurde die Warenästhetik weniger gefeiert als seziert.

Das Erbe: von der Provokation zum Klassiker

Kaum eine Bewegung wurde so schnell von dem eingeholt, was sie zum Thema machte: Die Pop Art ist heute selbst Big Business – Warhol gehört zu den teuersten Künstlern des Auktionsmarkts, seine Motive zieren Taschen und Tassen. Ihre Bildsprache prägt Werbung und Grafikdesign bis heute, ihre Strategien – Aneignung vorhandener Bilder, Serie, glatte Oberfläche – wurden zum Grundwerkzeug der Gegenwartskunst, vom Neo-Pop eines Jeff Koons bis zur Street Art, die Logos und Comicfiguren ironisch weiterverarbeitet. Geblieben ist auch die offene Frage der Pop Art: Ob ein Bild die Konsumwelt kritisiert oder verkauft, entscheidet sich oft erst beim Betrachter.

Pop-Ästhetik heute

Auf BK.net begegnet man dem Pop-Erbe in vielen Formen: in flächiger, plakativer Farbigkeit, in Comic- und Cartoon-Elementen, in der ironischen Verarbeitung von Marken, Medienbildern und Alltagsdingen – und im Siebdruck, dem Leitmedium der Bewegung, das als Editionstechnik bis heute lebendig ist. Die Prüffrage vor einem Pop-Bild ist seit Hamilton dieselbe geblieben: Zeigt es die Warenwelt – oder zeigt es sie vor?

Häufige Fragen

Wo ist die Pop Art entstanden?

In London: Die Independent Group um Richard Hamilton und Eduardo Paolozzi beschäftigte sich ab 1952 mit Werbung und Massenkultur; Hamiltons Collage von 1956 gilt als Gründungsbild. Weltberühmt wurde die Bewegung dann Anfang der 1960er Jahre durch die New Yorker Künstler um Warhol, Lichtenstein und Oldenburg.

Was ist der Kapitalistische Realismus?

Die ironische deutsche Antwort auf die Pop Art: 1963 in Düsseldorf von Gerhard Richter und Konrad Lueg ausgerufen, bald verbunden mit Sigmar Polke. Der Name spielt doppelbödig auf den Sozialistischen Realismus des Ostblocks und die westdeutsche Konsumwelt an; die Haltung war distanzierter und skeptischer als die der amerikanischen Pop Art.

Feiert die Pop Art den Konsum oder kritisiert sie ihn?

Sie lässt es bewusst offen – das gehört zu ihrem Prinzip. Warhol verweigerte Deutungen seiner Suppendosen und Star-Porträts; dieselben Bilder lassen sich als Feier der Demokratisierung von Bildern oder als kühle Diagnose einer Warengesellschaft lesen. Diese kalkulierte Mehrdeutigkeit unterscheidet Pop Art von eindeutiger Werbung wie von eindeutiger Kapitalismuskritik.